Mr Survival: «Reise nie ungefragt durch leeres Gebiet!»
Aktualisiert

Mr Survival«Reise nie ungefragt durch leeres Gebiet!»

Abenteurer Rüdiger Nehberg hat im Tretboot den Atlantik überquert und sich nackt durch den brasilianischen Dschungel geschlagen. Der Survival-Pionier im Interview.

von
Marlies Seifert

Herr Nehberg, darf ich Sie einen verrückten Hund nennen?

Rüdiger Nehberg: Ja, klar. Da hab ich schon andere Beinamen bekommen. Würmerfresser war wohl der meistgehörte. Inzwischen bin ich von der Uno jedoch völlig rehabilitiert worden, seit sie im Mai dieses Jahres Insekten zu einer ganz und gar gesunden Nahrung erklärt hat. Da war ich wohl 40 Jahre lang ein Vorreiter.

Wie stehen Sie TV-Formaten wie «Dschungelcamp» gegenüber, die das Essen von Insekten zum Spass inszenieren?

Ekelüberwindung gehört zum Überlebenstraining. Solche TV-Konstrukte haben jedoch nichts mit Survival und Natur zu tun. Das ist eine Verarschung der Zuschauer und reine Effekthascherei für die Quote.

Sie haben den Atlantik in einem Tretboot überquert und sich nackt durch den brasilianischen Dschungel gekämpft. Woher kommt ihre Abenteuerlust?

Als Jugendlicher fuhr ich mit dem Fahrrad nach Marokko, um Schlangenbeschwörer zu werden, und träumte von der grossen Einsamkeit: Dschungel, Wüsten, Ozeane. Allerdings traute ich mich nicht, bis ich in den Sechzigerjahren in den USA auf das Thema Survival stiess. Ich war fasziniert von der Idee, alleine und ohne Ausrüstung über einen längeren Zeitraum klarzukommen und begann mit diversen Trainings.

Waren Sie nie leichtsinnig?

Ein Restrisiko habe ich mir immer erhalten, das macht aus einer Reise oder einem Familienausflug ein Abenteuer. Aber ich habe vor jeder Expedition die Risiken analysiert und sie mit der entsprechenden Vorbereitung – etwa mit einem Training mit Kampfschwimmern – minimiert. Eine wichtige Lektion, die ich nach der Ermordung meines Freundes am Blauen Nil gelernt habe: Man kann nicht einfach ungefragt durch scheinbar leeres Gebiet reisen. Selbst die Wüsten sind zentimetergenau unter Völkern aufgeteilt.

Survival-Tipp

Stand bei Ihren Reisen das Abenteuer im Mittelpunkt?

Zunächst waren die Neugier auf die Welt, die Bereitschaft zum Risiko und die Abenteuerlust meine Hauptmotive. Doch dann erlebte ich, wie interessant die Welt ist und wie viel Gastfreundschaft man erfährt. Einen Sinn erhielten meine Aktionen erst, als ich Zeuge des drohenden Völkermords an den Yanomami, einem indigenen Stamm in Brasilien, wurde. Ich lernte, mein Surival-Wissen zu nutzen, um mediengerecht Spektakel zu inszenieren und auf Probleme aufmerksam zu machen. Selbst ein kleiner Ex-Vorstadtbäcker und Strassenköter wie ich kann etwas erreichen, nicht nur Politiker.

Heute setzen Sie sich gegen die Beschneidung von Frauen ein. Weshalb liegt Ihnen dieses Thema so am Herzen?

Weil ich Zeuge dieser schrecklichen Praktik geworden bin. Vor dreissig Jahren hat mir eine Frau in der Danakil-Wüste von ihrem Schicksal erzählt. Mit dem Buch «Wüstenblume» wurde das Thema für mich wieder aktuell. Zusammen mit meiner Frau engagiere ich mich seit 13 Jahren auf dem Gebiet. Sie findet den Draht zu den betroffene Frauen, und ich bin es, der mit den Männern in dieser überwiegend islamischen Gesellschaft klarkommt. Wir haben bereits erreicht, dass eine Versammlung hoher Geistlicher unter der Schirmherrschaft von Grossmufti Ali Gomaa bei einer von uns organisierten Konferenz in der Azhar-Universität in Kairo die weibliche Genitalverstümmelung als Verbrechen eingestuft hat. Momentan versuche ich, an den saudischen König Abdullah zu gelangen.

Sie werden bald 79. Gibt es noch Orte auf der Welt, die Sie entdecken möchten?

Nein, es war nie mein Ding, Länder abzuhaken. Ich bin zuerst 20 Jahre in Brasilien hängengeblieben und jetzt in Äthiopien und der arabischen Wüstenwelt. Schnee und Eis waren nie mein Ding. Da frier ich mir ja den Arsch ab. Ich muss mit einer Badehose klarkommen. Mich reizt die Arktis nicht, ich brauche Tiere und Menschen.

Wie kommen Sie mit dem Altern zurecht?

Angst vor dem Tod habe ich keine, aber ich möchte nicht qualvoll sterben. Die aktuellen Pläne und Träume halten mich aber so beschäftigt, dass ich keine Zeit habe, krank zu werden. Ich merke, wie die Natur mich langsam rezykliert, aber mit der Restsubstanz komme ich gut klar.

Einst Abenteurer, heute Aktivist

Rüdiger Nehberg, auch «Sir Vival» genannt, wurde 1935 in Bielefeld geboren. Schon mit drei Jahren büxte er seiner Mutter das erste Mal aus. Später wurde der gelerte Bäcker zum Abentuerer und Survival-Experten und verfasste diverse Bücher. Seine anfänglich aus reiner Abenteuerlust unternommenen entbehrungsreichen Expeditionen nutzte er später, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. So setzte er sich in den Achtigerjahren für das Überleben des brasilianischen Indianerstammes der Yanomami ein und kämpftheute gegen die Beschneidung von Frauen. Am 19. Oktober hält Rüdiger Nehberg in Bern einen Vortrag im Rahmen des Fernwehfestivals von Globetrotter.

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