«Live aus dem Chefbüro» - «Ich verzichte seit April 2020 auf 20% meines Lohns»

«Live aus dem Chefbüro»«Ich verzichte seit April 2020 auf 20% meines Lohns»

Corona- und Klimakrise — wird Reisen je wieder wie früher? Globetrotter-Chef André Lüthi stellte sich den Fragen der Community.

von
Fabian Pöschl
Sandro Spaeth

Das Interview mit Globetrotter-Chef André Lüthi.

20 Minuten/Michael Scherrer

Deine Meinung

Donnerstag, 27.05.2021

Damit ist das Interview vorbei. André Lüthi gab Einblick in die Globetrotter-Gruppe, die in der Pandemie vier Filialen schloss und Mitarbeitende entliess, weil sie rund 100'000 Buchungen verschieben oder stornieren musste. Weitere Entlassungen will Lüthi aber verhindern und dafür finanzielle Defizite in Kauf nehmen, wie er versichert. Der Globetrotter-Chef geht davon aus, dass Reisen in die USA oder nach Thailand ab Herbst wieder möglich sein werden, die Grenzen von Neuseeland oder Australien aber noch bis nächstes Jahr geschlossen bleiben. Er rät zu Flexibilität beim Buchen. In Zukunft müssen Reisende geimpft sein, glaubt Lüthi. Später am Nachmittag folgt ein Artikel mit den besten Szenen des Interviews. Morgen findest du in der Zeitung eine Zusammenfassung des Talks mit André Lüthi.

Sein nächstes Reiseziel verrät er nicht

Sie waren in schon in über 100 Ländern. Welches neue Land kommt hinzu, wenn die Corona-Krise vorbei ist?

Ich hake keine Listen ab, sondern will Neues entdecken. Das ist kein Land, sondern eine Region, und den Ort verrate ich nicht.

Sich selber besser kennengelernt

Sie bezeichnen das Reisen als Lebensschule. Was war Ihre wichtigste Lehre?

Ich habe mich selber besser kennengelernt. Ich habe Vorurteile abgebaut, habe andere Bilder gesehen bei Reisen in Nordkorea oder in muslimischen Ländern, als die Medien vermitteln. Man begegnet Menschen und kann sein Weltbild erweitern.

Australien schottet sich ab

Sarah will wissen: Wann geht Australien auf?

Das wurde gerade kommuniziert mit Neuseeland. Bis Ende März ist es zu. Australien schottet sich ab, das kann ich fast nicht glauben. Das ist eine der wichtigsten Stationen für uns.

«Es reicht jetzt mit dem Sparen»

Viele Talente haben nun die Reisebranche verlassen. Was unternehmen Sie, um diese zu halten?

Wir haben als Gesamtgruppe 120 Stellen abgebaut bis März. Deshalb sagten wir drei Aktionäre, es reicht jetzt und haben den Stopp-Knopf gedrückt. Wir können uns nicht zu Tode sparen, wir haben so gute Leute, deshalb müssen wir bereit sein, Geld zu verlieren und die Mitarbeitenden zu halten.

Hier ist Safari möglich

Petra fragt: Ich möchte gerne eine Safari machen. In welchen Ländern könnte es möglich werden im Sommer oder Herbst?

Die Auflagen in Botswana sind strenger als bei uns. Beim Tanken wird Fieber gemessen. Es ist ein grosses Land, da ist man mehrere Tage in der Natur und sieht keine Menschen. Wenn man sich an die Regeln hält, kann ich Namibia oder Botswana wirklich empfehlen.

Brasilien bleibt schwierig als Reiseziel

Ursula will nach Brasilien. Wie soll sie sich verhalten?

Sicher erst ab Oktober. Brasilien kann man bereisen, die Frage ist aber, was man bereit ist in Kauf zu nehmen. Es kann sein, dass man vor Oktober noch in Quarantäne muss, wenn man zurück in der Schweiz ist.

Fliegen wird teurer

Wie wird Corona das Reisen im Allgemeinen verändern: Werden wir künftig weniger, dafür bewusster reisen? Oder ist das vor allem Wunschdenken?

Ich bin mir nicht sicher. Wir hatten schon vor Corona die Thematik des Overtourismus. Den Besuchern und den Einheimischen war an den Hotspots nicht mehr wohl. Deshalb gab es Ideen für Kontingentierungen. Das waren richtige Wege. Corona hat nun noch mehr den Trend ausgelöst, dass weniger mehr ist. Man macht vielleicht nur noch eine lange statt viele kurze Reisen pro Jahr.

Jeder weiss, dass 40 bis 60 Franken zu günstig sind für einen Flug und ich sehe bei vielen, dass ein Umdenken stattfindet. Ich habe auch das Gefühl, dass das Fliegen teurer wird. Viele Fluggesellschaften werden gar nicht darum herumkommen, ihre Preise zu erhöhen. Es braucht einfach einen gesunden Mix, es darf auf keinen Fall eine Zweiklassengesellschaft geben, in der nur noch die Reichen fliegen können.

«Weiss nicht, wie viele gegen ihren Willen gehen mussten»

Wie viele Leute mussten Globetrotter dann effektiv gegen ihren Willen verlassen?

Es gab beides. In anderen Unternehmen befiehlt einfach der Chef wer gehen muss. Wie viele es schlussendlich waren, weiss ich nicht.

Schon vor Corona über Entlassungssystem entschieden

Bei Globetrotter mussten die Teams in der Krise selbst entscheiden, wer gehen muss. Dafür gabs öffentliche Kritik. Würden Sie nochmals auf dieses Vorgehen setzen?

Es sind 13 Unternehmen in der Gruppe, die ich führe. Ein Unternehmen, der Globetrotter Travel Service, hat sich mit dem System auseinandergesetzt. Sie hat sich für diesen Weg entschieden und zwar seriös noch vor Corona. Der CEO führte höchstpersönlich bei jedem Team die Diskussion. Dann kam leider Corona und das System wurde in den Medien vereinfacht dargestellt. Aber das Ungewohnte führt immer zu Kritik. Wenn der CEO das weiterhin machen will, lasse ich ihm freie Hand.

Für einmal hat das Glück ihn verlassen

Wie hat Sie die Corona-Krise als Chef verändert? Sie mussten vier Filialen schliessen und Leute entlassen…

Ich habe meine Grenzen kennengelernt. Ich hatte Momente, wo ich nicht mehr wusste, was richtig oder falsch ist. Ich lernte Menschen auf eine andere Art kennen und sie mich auch. Es kam eine Demut auf. In meinem Leben hatte ich so viel Glück, hatte nicht alles erarbeitet, sondern die richtigen Leute getroffen. Jetzt ging es mal herunter. Da war ich dankbar für diese Erfahrung, dass es nicht immer einfach ist.

Globetrotter via Facebook Messenger erreichbar

Chantal: Warum kann man Globetrotter nicht via Messenger kontaktieren? Oft ist man unterwegs im Ausland und dann ist ein Anruf auf das Festnetz ruinös oder per Email ist es mühsam.

Soweit ich weiss, ist das möglich. Facebook Messenger sollte funktionieren.

Nepal ab Oktober oder November möglich

Daniel: Wie sieht es künftig mit Reisen nach Nepal aus. Ich habe eine Trekkingtour geplant. Wann wird Nepal wieder realistisch?

Nepal wäre meine fünfzigste Reise geworden, weil ich dort für ein Hilfsprojekt hinwollte. Wenn ich mit Experten spreche, heisst es, dass es ab Oktober oder November möglich sein soll, nach Nepal zu gehen. Aber ich würde raten, geduldig zu bleiben.

Thailand-Ferien wenn möglich verschieben

Anna fragt: Ich habe meine für 2020 geplanten Fernreise nach Thailand auf diesen Juni verschoben. Nun sieht es wieder schlecht aus. Nun kann ich gratis umbuchen oder gegen Kosten annullieren. Fakt ist: Ich bleibe wohl auf einem Haufen von Kosten sitzen. So verliert man doch das Vertrauen ins Reisebüro.

Da müsste ich die Umstände genauer kennen, ob bei den Flügen etwas anfällt. Wenn es möglich ist, würde ich verschieben. In Thailand sind so viele Menschen vom Tourismus abhängig, deshalb glaube ich, dass auch ab Herbst etwas möglich ist.

«Kein schlechtes Gewissen wegen Fliegen»

Beat fragt: Sie reisen dauernd in der Welt herum, meistens mit dem Flugzeug. Haben Sie eigentlich kein schlechtes Gewissen hinsichtlich Ihres CO2-Fussabdrucks?

Ich habe kein schlechtes Gewissen, aber ich bin mir dessen bewusst. Reisen steckt in unserer Kultur, das kann man den Menschen nicht verbieten. Ändern könnte man das Reiseverhalten, statt 6 Kurztrips nach London eine richtige, längere Reise machen, so kann man das Land auch richtig kennen lernen. Ich bin für eine CO2-Abgabe fürs Ticket, aber ich bin nicht dafür, dass das Geld dann in die Krankenkasse fliesst. Es müsste europaweit, wenn nicht weltweit in Forschung und Entwicklung von neuen Technologien gehen für eine umweltverträglichere Mobilität. Wir könnten noch so viel ändern, aber es braucht Geld.

André Lüthi ist für eine CO2-Abgabe fürs Fliegen.

André Lüthi ist für eine CO2-Abgabe fürs Fliegen.

20min/Community

Spanien ist mit einer Impfung gut machbar

Mirco: Wir möchten im August nach Spanien. Ist das eine gute Idee oder nicht? Ganz abgelegen, keine Touristenhochburg. Was muss ich beachten?

Spanien ist eines der Länder, in das man gut einreisen kann mit einer Impfung. Wenn er mit Leuten und Kultur in Kontakt kommen will, ist das eine gute Idee.

USA könnte im Herbst wieder aufgehen

Max: Wir haben für den 17.Juli einen Flug gebucht nach Miami. Ist es realistisch, dass wir ab dem Juli wieder in die USA einreisen können? Was sollten wir nun tun?

Ich habe keine Verbindung zu Joe Biden. Ich habe das Gefühl, dass die USA aufgehen, aber wohl erst im Herbst. Aber sicher kann ich das leider nicht sagen.

Miami könnte im Herbst möglich sein.

Miami könnte im Herbst möglich sein.

Impfung wird zur Bedingung

Michael fragt: Sind Sie der Meinung, dass das Reisen in Zukunft nur noch mit einer Corona-Impfung möglich ist?

So wie es jetzt aussieht, glaube ich, dass es die nächsten 2 bis 3 Jahre zur Bedingung wird, dass nur noch Geimpfte reisen dürfen.

Kantonsapotheke Zürich / Pfizer-BioNTech COVID-19 Vaccine. Foto: 20min/Marco Zangger

Kantonsapotheke Zürich / Pfizer-BioNTech COVID-19 Vaccine. Foto: 20min/Marco Zangger

20min/Marco Zangger

Mitarbeitern gekündigt

Haben Sie auch Ihren Lohn gekürzt?

Ja, um 20 Prozent. Das ist ein Ist-Zustand und geht so weiter. Aber wir mussten uns leider auch von Mitarbeitern trennen, das ist wirklich schmerzhaft.

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