Teenager auf Kurve: Reissen Junge aus, zählt jede Minute

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Teenager auf KurveReissen Junge aus, zählt jede Minute

Laut einer Schätzung nehmen in der Schweiz jährlich 25'000 Jugendliche Reissaus. Eine neue Kampagne rät den Eltern, schnell Alarm zu schlagen.

von
B. Zanni

Nachdem sie sich auf den Schulweg begeben hatte, fehlte jede Spur von Armonda A. Zwölf Tage später griff die Polizei die 16-jährige Tessinerin in Deutschland auf. Fälle wie dieser von Anfang November gibt es laut der Organisation «Missing Children Switzerland» (MCS) fast jeden Tag. Laut einer Hochrechnung von MCS auf Basis einer wissenschaftlichen Studie der International Self-Report Delinquency Study werden bis Ende 2015 in der Schweiz 25'000 Teenager ausgerissen sein.

Die Prognose basiert auf Meldungen im Kanton Waadt bei der Polizei und bei MCS, die auf die ganze Schweiz hochgerechnet wurden. «Die Zahl ist erschreckend hoch», sagt Direktionsmitglied Damaris Baeuchle. Um die Bevölkerung für die jugendlichen Ausreisser zu sensibilisieren, lanciert MCS in Genf die Kampagne «Fugue! Chaque minute compte» (auf Deutsch: Verschwindet jemand, zählt jede Minute). Die Botschaft: Betroffene Eltern sollen schnell Hilfe bei einer Helpline suchen – dies erhöhe die Chancen, dass dem Ausreisser nichts zustösst.

Meist nicht länger als 48 Stunden weg

Baeuchle sagt, dass das Thema in der Öffentlichkeit ein Tabu sei. «Die betroffenen Familien werden stigmatisiert.» Entlaufene würden schnell als Opfer schlechter Eltern angesehen. Dabei seien die Gründe vielfältig. Neben familiären Konflikten, Misshandlungen und Vernachlässigung können schlechte Schulnoten, Probleme mit dem Lehrer und Freunden, pubertäre Depressionen und Identitätskrisen Auslöser sein. «In manchen Fällen spielt auch eine Liebesbeziehung eine Rolle.»

Meist suchen die Entlaufenen laut Baeuchle bei Freunden oder Verwandten einen Unterschlupf und kehren innerhalb von 24 bis 48 Stunden zurück. «Es gibt aber auch solche, die Wochen oder Monate wegbleiben.» Und zwischen 2010 und 2012 registrierte die Kantonspolizei Waadt gar 13 Jugendliche, die bis heute unauffindbar geblieben sind.

Das Risiko, dass sich die Ausreisser in Gefahr begeben, steigt, je länger die Abwesenheit dauert: «Um sich Essen kaufen zu können, beginnen sie zu stehlen, mit Drogen zu dealen oder sich zu prostituieren.» Aufgrund von Erschöpfung steige zudem die Unfallgefahr.

«Nicht alle Polizeien nehmen Eltern ernst»

Gemäss Baeuchle kontaktieren die Eltern die Polizei in der Regel schnell. «Sie machen sich grosse Sorgen und fühlen sich schuldig.» Jedoch würden die Eltern nicht von allen Polizeien gleich ernst genommen. Sie fordert ein einheitliches Vorgehen der Kantone und Kriterien, die definieren, ab wann ein Ausreisser als gefährdet gilt.

Bei der Kantonspolizei St. Gallen gehen pro Jahr rund 300 Meldungen Entlaufener ein. Auch die Kantonspolizei Bern erhält fast täglich solche Meldungen. Wie viele Jugendliche darunter sind, haben die Polizeien nicht erfasst. «Wir nehmen jeden Fall ernst», sagt Gian Rezzoli, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Selbst wenn jemand nach zehn Minuten wieder auftauche, bereuten sie das bereits aufgebotene Personal nicht. Auch die Polizei Bern handelt sofort. Laut Alice Späh, Sprecherin der Berner Kantonspolizei, wird die gemeldete Person schweizweit ausgeschrieben. «Von Fall zu Fall entscheiden wir, ob zum Beispiel auch Spürhunde, Sichtflüge, Handy-Ortungen oder Zeugenaufrufe mit Bild notwendig sind.»

Schnelles Handeln kann aber auch negative Folgen haben. Rezzoli warnt vor Vermisstenanzeigen im Internet. «Das Internet vergisst nie. Der Entlaufenen wird immer den Stempel des Ausreissers tragen.» Er rät, der Polizei zu überlassen, wann der Schritt an die Öffentlichkeit angebracht ist. «Sieht der Ausreisser seine Vermisstmeldung auf Facebook, könnte er aus Scham erst recht nicht mehr zurückkehren.»

Hilfe für Angehörige Tag und Nacht

Unter der Hotline-Nummer 0848 116 000 berät ein Team der Organisation «Missing Children Switzerland» Angehörige, die ein Kind oder einen Jugendlichen vermissen. Die Berater sprechen vier Sprachen und stehen 24 Stunden und sieben Tage die Woche zur Verfügung.

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