Abstimmung: Reitschule wird nicht verkauft
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AbstimmungReitschule wird nicht verkauft

Die Berner Reitschule wird nicht verkauft. Die Stimmberechtigten haben eine Initiative der Jungen SVP mit einem Nein-Stimmenanteil von 68,4 Prozent verworfen und sich somit zum fünften Mal an der Urne hinter das alternative Kulturzentrum gestellt.

Damit heisse es nun fünf zu null für die Reitschule, teilte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reithalle IKUR am Sonntagnachmitag sichtlich zufrieden mit.

Auch Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) war erfreut über die klare Absage der Bernerinnen und Berner an «die populistische Initiative». Das Volk habe ein klares Bekenntnis zu Toleranz und kultureller Vielfalt abgelegt. «Ich bin mehr als stolz auf meine Bernerinnen und Berner», sagte Tschäppät.

Er nahm aber auch die Reitschul-Betreiber und die Besucher in die Pflicht. Das Ja des Volkes sei kein Freipass zum Chaos oder zur Nichtbeachtung rechtsstaatlicher Vorschriften.

Er hoffe, dass etwa die Teilnehmer des antifaschistischen Abendspaziergangs vom kommenden Wochenende das Abstimmungsergebnis mit einer friedlichen Veranstaltung honorierten.

Zum fünften Mal chancenlos

Die rechtsbürgerlichen Initianten hatten gefordert, die Reitschule beim Hauptbahnhof Bern bis Ende 2011 zu schliessen und an den Meistbietenden zu verkaufen. Der neue Besitzer sollte das Areal beispielsweise als Sporthalle, Kino, Schwimmbad oder Einkaufszentrum nutzen.

Das Begehren blieb chancenlos. Mit 25 122 gegen 11 610 Stimmen wurde die Vorlage verworfen. Das Volk folgte damit der Abstimmungsempfehlung von Stadtregierung und Parlament. Die Stimmbeteiligung betrug 47,1 Prozent.

Hess will sich nicht geschlagen geben

Erich Hess von der Jungen SVP, treibende Kraft hinter der Initiative, wollte sich am Sonntag nach verlorener Abstimmung noch nicht geschlagen geben.

Die Reitschule möge in der mehrheitlich rot-grünen Stadt zwar Unterstützung geniessen, je weiter man aufs Land hinaus gehe, je stärker nehme diese Unterstützung aber ab. Hess möchte darum auf kantonaler Ebene gegen die Reitschule vorgehen, wie er am Sonntag auf Anfrage sagte.

Er will im Grossen Rat einen entsprechenden Vorstoss einreichen. Es könne nicht sein, dass mitten in Bern ein rechtsfreier Raum wie die Reitschule existiere, betonte Hess.

Kulturoase oder Schandfleck?

Die Reitschule in Bern wird seit 1987 als Kultur- und Begegnungszentrum betrieben und erregt seit langem die Gemüter. Für die einen ist sie ein Schandfleck im Herzen der Bundesstadt, für die anderen eine Kulturoase ausserhalb gängiger Konventionen.

Im Abstimmungskampf bezeichnete die Junge SVP die Reitschule als «Hort für linke Aktivisten, Gewälttäter und Drogendealer». Seit Jahren biete sie bei Demonstrationen Chaoten Unterschlupf und setze sich über Vorschriften des Rechtsstaats hinweg.

Das Nein-Komitee «Reitschule bietet mehr» entgegnete, die Reitschule gehöre zu Bern wie der Bärenpark und der Zytglogge. Kulturschaffende wie Züri West, Patent Ochsner, Stiller Has oder Semih Yavsaner alias «Müslüm» stellten sich im Abstimmungskampf hinter das Kulturzentrum.

Grünes Licht für Wankdorf City

Angenommen haben die Stadtberner Stimmberechtigten ausserdem die Aufstockung eines Investitionskredits um 25,64 Mio. Franken für Erschliessungs- und Infrastrukturanlagen im Gebiet Wankdorf City.

Die Stimmberechtigten nahmen die Aufstockung mit 24 068 zu 10 196 Stimmen an, also mit einem Ja-Stimmenanteil von 70,2 Prozent. Die Stimmbeteiligung lag bei 47,1 Prozent.

Auf dieser grossen Industriebrache im Norden der Stadt soll ein Verwaltungs- und Dienstleistungsquartier entstehen. Das Areal wird in mehreren Phasen überbaut. Mit der Losinger Construction AG und den SBB Immobilien konnten für 80 Prozent der Baufläche Investoren gefunden werden. (sda)

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