US-Occupy-Bewegung: Reizgas-Aktion gegen Studis empört Amis
Aktualisiert

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Verhältnismässig oder nicht? Der Einsatz von Pfefferspray gegen Studenten an einer US-Uni hat viele Amerikaner empört. Jetzt hat die Uni-Leitung reagiert und die Polizeichefin des Campus freigestellt.

von
kub

Die ganze Szenerie sieht aus wie eine Exekution, verfolgt von Schaulustigen, die «Schande, Schande» rufen. Ein Polizist zieht den Pfefferspray und besprüht völlig ruhig und emotionslos die in einer Linie zusammengepferchten Demonstranten. Die Studenten verhalten sich passiv, schützen lediglich ihr Gesicht vor dem aggressiven Gas.

Geschehen ist dies am vergangenen Freitag auf dem Campus der Universität von Kalifornien in Davis. Die Campus-eigenen Polizisten - spezielle Polizisten, die der Direktion der Universität unterstellt sind - wollten das Sit-in der Studenten beenden. Diese haben auf dem Campus 25 Zelte aufstellt und aus Solidarität mit der Occupy-Bewegung zum friedlichen Protest aufgerufen. Mit dem Pfefferspray-Einsatz wollte man sie zum Aufgeben zwingen.

Das Video wurde am Wochenende auf YouTube Tausende Male angeklickt und hat viele Amerikaner zutiefst empört. Nathan Brown, Englisch-Professor an der UC Davis, der am Freitag die Szenen beobachtete, schilderte gegenüber dem Magazin The Atlantic: «Ohne provoziert zu werden besprayte die Polizei die am Boden sitzenden Studenten. Diese blieben sitzen, sich vor Schmerz windend und mit verschränkten Armen. Dann wurde auf die Demonstranten mit Stöcken eingeschlagen. Manche wurden verhaftet, anderen wurde direkt in die Augen und in den Mund gesprayt. Einige Studenten mussten hospitalisiert werden. Ein Verletzter spuckte später Blut.»

Oakland: Räumung des Protest-Camps

Brown forderte den Rücktritt der Rektorin von UC Davis Linda Katehi. Gewaltloser Widerstand habe Tradition auf dem Campus und dürfe nicht mit unverhältnismässiger Gewalt erwidert werden.

Kontroverse Zurschaustellung von Macht

Es sind die Bilder der Occupy-Bewegung, die viele Amerikaner aufschrecken. Auch das kontroverse Bild einer alten Dame in Seattle, die sich, bei einer Occupy-Demo von Pfeffer Spray getroffen, vor Schmerz die Augen reibt, wurde zum Symbol der neuen Bewegung (Bild siehe Bildstrecke). Die Washington Post wirft ob so viel ikonografischer Kraft die staatsphilosophischen Fragen auf, was der Gesellschaftsvertrag denn eigentlich über den gewaltlosen Protest sage und was die Rolle der Polizei in einer Demokratie sei. Wie die Taser-Waffe sei der Pfefferspray eine Waffe, die verletzen, ja sogar töten könne. Ob die staatliche Gewalt sich dessen bewusst ist, fragt sich die Washington Post? Man wisse es nicht, wenn man diese Bilder anschaue. Natürlich müsse auf einem Campus Polizeigewalt durchgesetzt werden, aber die demonstrative Gelassenheit, mit der der Polizist toxische Gase in die Gesichter sprühe, als wären die Studenten Pflanzen mit Blattläusen, die es zu vertilgen gilt, sei letztlich schockierend, stellte die Washington Post fest.

Der Pfefferspray sei eine legale Waffe, argumentierte später die UC Davis Polizei. Doch die Bevölkerung sieht darin je länger je mehr einen krassen Missbrauch. Der Diskurs über die Polizeigewalt in den USA wird so wiederbelebt. Das Internet und YouTube im Speziellen, fördert diese Diskussion. Denn plötzlich wird ein Ereignis nicht nur aus einer Sicht dargestellt, sondern aus ganz verschiedenen Perspektiven. In kürzester Zeit landen die Videos auf YouTube. Der Betrachter kann sich selber ein recht komplettes Bild vom Ereignis machen. Je mehr Leute ihre Handy-Kameras zückten, desto weniger bleibt verborgen.

Polizisten suspendiert

Die campuseigene Polizei hat die Aktion in Davis vom Freitag verteidigt. Die Polizei sei von Studenten umstellt gewesen und musste sich befreien. Trotzdem hat die Unileitung laut dem San Francisco Chronicle zwei Polizisten freigestellt. Am Montag wurde auch die Polizei-Chefin auf dem Campus der Uni beurlaubt. Eine Task Force gehe der Sache nach. Die Rektorin Linda Katehi entschuldigte sich in der Zwischenzeit bei den Studenten. Sie könne deren Empörung nachvollziehen, sagte sie den Medien. Mit der Suspendierung der Polizisten soll das Vertrauen wieder gewonnen werden.

UC Präsident Mark Yudof sagte dem Time Magazin, dass er entsetzt gewesen sei, als er die Bilder sah. «Ich flehe die Studenten an, die auf dem Campus Sit-ins veranstalten wollen, dies weiterhin friedlich und gesetzmässig zu tun. Ich erwarte, dass die Campus-Autorität dieses Recht respektiert.»

Videos von UC Davis, 18.11.2011: Dieselben Pfefferspray-Szenen aus verschiedenen Perspektiven (Quellen: YouTube)

Video: Bericht von Al Jazeera (YouTube)

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