«Nationaler Notfall» - Rekord-Ansteckungen in Indien – und dem Land geht der Sauerstoff aus
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«Nationaler Notfall»Rekord-Ansteckungen in Indien – und dem Land geht der Sauerstoff aus

«Meine Sättigung liegt bei 31. Ich brauche dringend Sauerstoff», twittert Vinay Srivasta, doch vergeblich. In Indien wütet eine neue Coronawelle, das Gesundheitssystem kollabiert. Es fehlt an allem, vor allem an Sauerstoff zur Versorgung der Covid-Patienten.

In Indien gehen Corona-Medikamente wie Remdesivir oder Tocilizumab aus, bei den Corona-Impfstoffen gibt es Lieferengpässe. Gleichzeitig erlebt das Land eine neue heftige Coronawelle. 

In Indien gehen Corona-Medikamente wie Remdesivir oder Tocilizumab aus, bei den Corona-Impfstoffen gibt es Lieferengpässe. Gleichzeitig erlebt das Land eine neue heftige Coronawelle.

REUTERS

Darum gehts

  • So viele Neuinfektionen mit dem Coronavirus an einem Tag gab es weltweit noch nie in einem Land.

  • In Indien sind binnen 24 Stunden fast 315’000 neue Corona-Fälle registriert worden.

  • Mehr als 2000 Menschen starben in diesem Zeitraum.

  • Dazu kommen dramatische Zustände in den Spitälern. Überall im Land werden die Sauerstoffvorräte zur Versorgung von Covid-19-Patienten knapp.

Indien meldet mit fast 315’000 neuen Corona-Fällen binnen 24 Stunden einen Tagesrekord an Neuinfektionen, wie ihn noch kein anderes Land gesehen hat. Seit Pandemiebeginn haben sich laut Gesundheitsministerium bereits über 15,9 Millionen Menschen mit dem Virus angesteckt.

Das fragile indische Gesundheitssystem hat seine Grenzen erreicht: Viele Kliniken melden einen akuten Mangel an freien Betten. Corona-Medikamente wie Remdesivir oder Tocilizumab gehen aus, bei den Corona-Impfstoffen gibt es Lieferengpässe.

Als wäre das nicht schon genug, gehen im Land die Sauerstoffvorräte für die Covid-Patienten zur Neige. In einem Spital im westlichen Bundesstaat Maharashtra mit der Metropole Mumbai starben 22 Patienten beim halbstündigen Ausfall der Sauerstoffversorgung. Dasselbe passierte in einem Privatkrankenhaus in Chembur, etwa eine Stunde von Mumbai entfernt. Acht Patienten erstickten, weil die Sauerstoffreserven leer waren.

Mindestens 22 Corona-Patienten sind infolge eines undichten Sauerstofftanks in einem Krankenhaus der Millionenstadt Nashik nordöstlich von Mumbai gestorben. Der Austritt des überlebenswichtigen Gases habe die Versorgung von beatmeten Patienten unterbrochen, sagte ein Behördenmitarbeiter am Mittwoch.

Mindestens 22 Corona-Patienten sind infolge eines undichten Sauerstofftanks in einem Krankenhaus der Millionenstadt Nashik nordöstlich von Mumbai gestorben. Der Austritt des überlebenswichtigen Gases habe die Versorgung von beatmeten Patienten unterbrochen, sagte ein Behördenmitarbeiter am Mittwoch.

via REUTERS

«Bettelt, leiht oder stehlt, es ist ein nationaler Notfall»

Aus dem nordindischen Lucknow erzählt Rajiv Srivastava: «Weil meine Mutter Mühe beim Atmen hatte, brachten wir sie in dieses Privatspital in Gomti Nagar». Vier Tage später ging der Sauerstoff aus. «Das Fahrzeug, das neue Tanks holen sollte, hatte eine Reifenpanne und so gab es über eine Stunde gar keinen Sauerstoff. In dieser Stunde starb meine Mutter.»

Mittlerweile melden auch mehrere Krankenhäuser in Indiens Hauptstadt Neu Delhi, dass auch sie nur noch für einige Stunden Sauerstoff zur Verfügung hätten. Am Donnerstagmorgen wurden zumindest manche Kliniken mit Nachschub beliefert. Wegen der grassierenden Doppelmutante B.1.617 werde mehr Sauerstoff gebraucht als zuvor, so ein Arzt gegenüber BBC. Das habe man nicht vorausgesehen.

Abschied im Schutzanzug: Verwandte trauern um ein verstorbenes Covid-Opfer. Bislang starben in Indien fast 185’000 Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus.

Abschied im Schutzanzug: Verwandte trauern um ein verstorbenes Covid-Opfer. Bislang starben in Indien fast 185’000 Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus.

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Am Mittwoch wies das Oberste Gericht von Neu Delhi die Regierung an, industriell genutzten Sauerstoff für die Kliniken abzuzweigen, um Menschenleben zu retten. «Bettelt, leiht oder stehlt, es ist ein nationaler Notfall», hiess es in der Antwort der Richter auf eine Petition eines Krankenhauses in Neu Delhi, das eine Intervention des Gerichts verlangt hatte.

Polizeischutz für Sauerstofftanks

Gleichentags meldete der Regierungschef des Bundesstaates Haryana, dass ein Sauerstofftank auf dem Weg zu ihnen von anderen Stellen geraubt worden sei. Er habe nun Polizeischutz für alle Sauerstofftanks angeordnet. Sauerstoffflaschen werden auf dem Schwarzmarkt zu exorbitanten Preisen gehandelt.

Wie dramatisch die Situation ist, zeigt sich auch am Schicksal von Vinay Srivastava. Der an Covid-19 erkrankte Journalist hatte letzte Woche eine Serie von Tweets mit Hilferufen abgesetzt. Wegen des Bettenmangels habe ihn kein Spital aufgenommen, seine Anrufe bei Ärzten, Apothekern und medizinischen Laboren seien erfolglos geblieben – ebenso wie Anrufe bei 40 Verkäufern von Sauerstofftanks. «Meine Sauerstoffsättigung liegt bei 31», twitterte Vinay schliesslich. «Wann hilft mir jemand? Ich brauche dringend Sauerstoff». Der 65-Jährige starb kurz darauf.

Ein Patient mit Atemproblemen wartet auf die Zulassung in ein Spital in Ahmedabad. Doch derzeit ist es fast unmöglich, ein Bett zu erhalten. 

Ein Patient mit Atemproblemen wartet auf die Zulassung in ein Spital in Ahmedabad. Doch derzeit ist es fast unmöglich, ein Bett zu erhalten.

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Doppelmutante und Grossanlässe

So wie die Spitäler überlastet sind, sind es auch die Krematorien, wo täglich hunderte Tote angeliefert werden. Weil die Leichen rund um die Uhr verbrannt werden, schmolzen mancherorts sogar die Metallgerüste der Öfen. Anderswo nutzen Krematorien Anfahrtsstrassen, um dort weitere «Begräbnis-Plattformen» zu bauen, wie die «Hindustan Times» schreibt.

Das Hindon-Krematorium im nordindischen Ghaziabad muss mehr Platz schaffen und baut auf der Zufahrtsstrasse aus. 

Das Hindon-Krematorium im nordindischen Ghaziabad muss mehr Platz schaffen und baut auf der Zufahrtsstrasse aus.

Twitter

«Diese zweite Corona-Welle kam wie ein Sturm», hatte Indiens Regierungschef Narendra Modi am Dienstag in einer Rede an die Nation gesagt. Noch vor wenigen Wochen sei die Situation «unter Kontrolle» gewesen, nun befinde sich Indien aber «erneut in einem grossen Kampf».

Allerdings gibt es für die Infektionswelle Experten zufolge gute Gründe. Zum einen grassiere in Indien eine Virus-Variante mit einer doppelten Mutation. Zum anderen heizten politische und sportliche Grossveranstaltungen sowie religiöse Feierlichkeiten wie das hinduistische Kumbh-Mela-Fest das Infektionsgeschehen enorm an. Kumbh Mela ist das grösste religiöse Fest der Welt, dafür kamen seit Januar bis zu 25 Millionen Menschen in den Norden Indiens, um als Teil eines Rituals ein Bad im Fluss Ganges zu nehmen.

Neu Delhi hat jetzt angesichts der explodierenden Ansteckungszahlen einen einwöchigen Lockdown angeordnet. Als Folge wollten möglichst viele Wanderarbeiter in ihre Dörfer zurückkehren, da sie befürchten, dass der Lockdown doch länger gelten könnte. 

Neu Delhi hat jetzt angesichts der explodierenden Ansteckungszahlen einen einwöchigen Lockdown angeordnet. Als Folge wollten möglichst viele Wanderarbeiter in ihre Dörfer zurückkehren, da sie befürchten, dass der Lockdown doch länger gelten könnte.

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(gux/AFP/AP)

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