Ungarn am Tropf: Rekord-Kredit wendet Kollaps ab
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Ungarn am TropfRekord-Kredit wendet Kollaps ab

Die Stimmung ist dieser Tage nicht gut in Ungarn. Seit die globale Finanzkrise über die Landesgrenzen geschwappt ist, sind Kredite knapp und teuer, die Auftragsbücher leer und Investoren rar.

«Die Firmen versuchen ihre Aktivitäten zu rationalisieren, sie kürzen die Ausgaben und entlassen Leute», sagt Kristof Szatmary, der Chef der Budapester Handelskammer.

Das Opel-Werk im südwestungarischen Szentgotthard pausiert seit Anfang Oktober, Audi in Györ trennt sich von den ersten Leiharbeitern. Der Elektronik-Zulieferer Flextronics in Zalaegerszeg vergattert seine Manager zu Video-Konferenzen, um Reisekosten zu sparen.

Kein Tag vergeht ohne Hiobsbotschaft. Bis zu 50 000 Arbeitsplätze könnte die Krise vernichten, meinte Arbeitsministerin Erika Szücs am Mittwoch.

Bitteres Sparprogramm

Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hatte am Vortag ein bitteres Sparprogramm angekündigt: Rund 700 000 Beamte und öffentliche Angestellte müssen nächstes Jahr auf ihr 13. Monatsgehalt verzichten; 2,6 Millionen Rentner bekommen ihre 13. Pension nur bis zu einem Betrag von umgerechnet 300 Euro ausbezahlt.

Die Kürzungen waren Bedingung für einen gigantischen Notkredit von 20 Milliarden Euro, mit dem der Internationale Währungsfonds (IWF), die EU und die Weltbank Ungarn aus der Patsche helfen. Denn das Donauland wurde durch die Finanzkrise stärker getroffen als jedes andere Land in Europa ausser Island.

Ein teurer, verschwenderischer Staat, der sich mit Schuldpapieren finanzierte, erwies sich als besonders verwundbar. Als die Krise da war, stiessen die ausländischer Anleger ihre ungarischen Papiere panikartig ab. Ungarn stand am Rand der Pleite.

Rezession in Sicht

Die internationale Hilfsaktion wird eine solche abwenden. «Man kann nicht zulassen, dass ein Land wie Ungarn einfach kollabiert», meint der ehemalige Finanzminister Csaba Laszlo.

Auf die Nachricht des sich ankündigenden Rettungspakets beruhigten sich die ungarischen Finanzmärkte umgehend. Der Budapester Börsenindex BUX stieg am Dienstag wieder um 9,2 Prozent an, der Forintkurs legte wieder zu.

Der Zusammenbruch mag abgewendet sein, doch Ungarn blickt einer unangenehmen Rezession entgegen. Die Wirtschaft wird im nächsten Jahr um ein Prozent schrumpfen, die Reallöhne werden um 2,7, der Inlandskonsum um 3,7 Prozent zurückgehen, gab die Regierung bekannt.

Leben auf Pump

Die Ungarn müssen die Suppe auslöffeln, die ihnen handlungsschwache Politiker eingebrockt haben. Seit mehr als einem Jahrzehnt schieben diese Reformen der teuren staatlichen Umverteilungssystem - Renten, Soziales, Gesundheit, Unterricht - hinaus.

Der Staat lebte auf Pump, seine Bürger erfreuten sich eines langsam steigenden Wohlstands. «Dieses Land gibt in jedem Jahr etwa zehn Prozent mehr aus als es erwirtschaftet», meint Otto Albrecht, Chef der Budapester Börsenfirma Cashline. Das Geld, das nun fehle, «steckt in unseren Wohnungen, Autos, Flachbildfernsehern.» (sda)

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