Tiefsee-Tourismus: Rekordjagd in elf Kilometer Tiefe
Aktualisiert

Tiefsee-TourismusRekordjagd in elf Kilometer Tiefe

Wird «Titanic»-Regisseur James Cameron das Rennen machen oder «Virgin»-Boss Richard Branson? Vier Teams wetteifern darum, mit Mini-U-Booten an den tiefsten Punkt der Erde zu tauchen.

von
Daniel Huber

Die ewigdunklen Tiefen der Weltmeere, uns weniger gut bekannt als die höchsten Gipfel oder der erdnahe Weltraum, sind die letzte grosse Spielwiese für wagemutige Abenteurer und Entdecker. Nirgendwo ist der Ozeanboden weiter von der Oberfläche entfernt als im Challengertief («Challenger Deep»), der tiefsten Stelle des Marianengrabens: Beinahe elf Kilometer hoch türmen sich die Wassermassen über diesem unteerseeischen Abgrund, der bisher erst ein einziges Mal von Menschen besucht wurde.

Das war am 23. Januar 1960, als der Schweizer Ozeanograf Jacques Piccard und sein amerikanischer Kollege Don Walsh mit ihrem Tauchboot «Trieste» 500 Kilometer südwestlich der Marianen-Insel Guam den Boden des Grabens erreichten. 10 916 Meter unter dem Meeresspiegel massen die Tiefseeforscher damals – die tiefste jemals von lebenden Menschen erreichte Stelle unseres Planeten. Die tiefste Stelle der Erdoberfläche dürfte nach neusten Messungen sogar 10 994 Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Das ist bedeutend tiefer als der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, hoch ist.

«Titanic»-Regisseur auf der Pole-Position

Seither sind nur noch unbemannte Tauchgeräte wie zum Beispiel 1995 das japanische Tauchboot «Kaiko» in solch lebensfeindliche Tiefen vorgestossen. Doch das soll sich jetzt ändern: Gleich vier Projekte wetteifern derzeit um den bemannten Tauchgang der Superlative. Die Pole-Position bei der unterseeischen Rekordjagd hat der schwerreiche Star-Regisseur James Cameron («Avatar», «Titanic»), der bereits ausgiebig Taucherfahrung besitzt und mit einem streng geheimen U-Boot an den Start geht. Seine Konkurrenz besteht aus dem 57-jährigen Multi-Millardär Sir Richard Branson (61) mit seinem Einmannboot «Virgin Oceanic» und dem Google-Präsidenten Eric Schmidt (56), dessen Projekt «Deepsearch» heisst. Und schliesslich mischt auch noch der U-Boot-Hersteller Bruce Jones (54) mit seinem Tauchboot «Triton 36000» mit.

James Cameron träumte nach eigenem Bekunden schon als Kind von Abenteuern unter der See oder im Weltall. Der Regisseur tauchte bereits mit U-Booten aus russischer Fertigung zum Wrack der Titanic, das 4000 Meter tief im Nordatlantik liegt. Auch im tiefsten Süsswassersee der Welt, dem 1632 Meter tiefen Baikalsee in Sibirien, führte der unternehmungslustige Kanadier Tauchgänge aus.

Der geheime Prototyp seines Tauchgefährts, an dem laut BBC ein Team von australischen Ingenieuren werkelt, könnte den beiden russischen Mir-U-Booten ähneln, die schon zur Titanic tauchten und auch im Genfersee zum Einsatz kamen. Gerüchten zufolge soll Camerons Tauchgefährt mit hochauflösenden 3D-Kameras ausgerüstet sein und nur für eine Person Platz bieten – Cameron höchstpersönlich. Ihm werden beim Rennen zum tiefsten Punkt der Erde die besten Chancen eingeräumt.

Video: Mir-1-Einsatz im Genfersee

Die letzte grosse Herausforderung

Für «Virgin»-Boss Branson, dessen Ambitionen bisher eher in den Weltraum gerichtet waren, ist die Erforschung der Ozeantiefen die letzte grosse Herausforderung für die Menschheit. «Es gibt riesige Gebiete des Meeres, die noch nie erforscht wurden. Es waren mehr Menschen auf dem Mond als 20 000 Fuss unter dem Meeresspiegel» sagte der britische Unternehmer gemäss der Zeitung «Daily Mail». In seiner 5,4 Meter langen, 3,9 Meter breiten und 1,7 Meter hohen «Virgin Oceanic» findet nur ein einzelner Passagier Platz. Das Einmannboot, das Sauerstoff für 24 Stunden mitführt, benötigt für die Fahrt in elf Kilometer Tiefe maximal 140 Minuten. Die Reichweite am Meeresboden soll zehn Kilometer betragen. Mit diesem Gefährt wollen Branson und sein Team zu den tiefsten Punkten von fünf Ozeanen tauchen. Der Milliardär selbst hat sich für seinen Tauchgang den tiefsten Punkt des Atlantiks (9219 Meter unter dem Meeresspiegel) im Puerto-Rico-Graben ausgesucht.

Video: Bransons Virgin Oceanic

(Quelle: YouTube/virginoceanic)

Bedeutend grösser als Bransons «Virgin Oceanic» ist die «Deepsearch» von Google-VR-Präsident Eric Schmidt. Das von der Firma DOER (Deep Ocean Exploration and Research) entwickelte Tauchgefährt, das für den Tauchgang zum Boden des «Challenger Deep» 90 Minuten benötigen soll, ist 11,6 Meter lang, 2,4 Meter breit und 2,4 Meter hoch und bietet zwei bis drei Personen Platz. Der Sauerstoff soll für 72 Stunden reichen. Das von Schmidt mit namhaften Beträgen dotierte «Deepsearch»-Projekt verfolgt allerdings nicht einzig das Ziel eines spektakulären Tauchgangs in den Marianengraben, sondern soll künftig, wie das Wirtschafts-Portal «Forbes» schreibt, interessierten Wissenschaftlern die Erforschung der Tiefsee ermöglichen.

Tiefsee-Tourismus

Ein U-Boot-Profi ist der amerikanische Unternehmer Bruce Jones mit seiner Produktionsfirma. Sein Tauchgefährt, die «Triton 36000» (36 000 Fuss entsprechen rund 11 000 m), ist 4,1 m lang, ebenso breit und 2,2 m hoch. Es benötigt für den knapp 11 Kilometer tiefen Tauchgang 120 Minuten. Die maximal drei Insassen haben Luft für 112 Stunden. Kernstück des U-Boots ist eine kugelförmige Druckkammer aus 15 Zentimeter dickem Glas, das die Tiefsee-Taucher vor dem enormen Druck schützen und ihnen zugleich möglichst freie Sicht ermöglichen soll.

Video: Triton 36000

(Quelle: YouTube/TechnologicVehicles)

Mit ihrem Wettlauf in die tiefsten Abgründe der Weltmeere bereiten die kühnen Pioniere das Feld für den Tiefsee-Tourismus. Branson bewirbt laut der britischen Zeitung «Guardian» bereits Zwei-Stunden-Tauchtripps, die 250 000 Pfund (rund 257 000 Franken) kosten sollen. Das Vergnügen dort unten könnte sich indessen in engen Grenzen halten: Bei totaler Finsternis, frostigen Wassertemperaturen und einem Druck von mehr als dem Tausendfachen des mittleren Luftdrucks auf Meereshöhe herrschen am Boden des Marianengrabens ziemlich unwirtliche Verhältnisse. Das mussten auch die bisher einzigen Besucher dort erfahren: Die «Trieste» wirbelte beim historischen Tauchgang vom Januar 1960 so viel Schlamm auf, dass Piccard und Walsh so gut wie nichts sehen konnten.

Challengertief

Das Challengertief im südwestlichen Marianengraben, rund 500 km südwestlich der Insel Guam im Pazifischen Ozean gelgen, ist mit ca. 10 994 Metern unter dem Meeresspiegel die tiefste Stelle der Erdoberfläche. Das Meerestief verdankt seinen Namen dem englischen Vermessungsschiff «Challenger II», das schon 1951 per Echolot eine Tiefe von 10 899 Metern ermittelte. Am 23. Januar 1960 tauchten Jacques Piccard und Don Walsh als bisher einzige Menschen im Tauchboot «Trieste» auf den Grund des Tiefs und ermittelten dort eine Tiefe von 10 916 Metern.

(Wikipedia.org)

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