Aktualisiert 04.07.2012 12:08

Trotz Moderne«Religion wirds auch in 100 Jahren geben»

Glaubens-Experte Christoph Bochinger weiss, warum Debatten über Religion hitzig sind, obwohl immer weniger Leute glauben – und wie aus «Albanern» «Muslime» wurden.

von
Simon Hehli
Die Hände zum Gebet gefaltet - ein Bild, das auch in der Schweiz nicht so schnell verschwinden wird.

Die Hände zum Gebet gefaltet - ein Bild, das auch in der Schweiz nicht so schnell verschwinden wird.

Herr Bochinger, die Debatte um Kreuze auf Berggipfeln und in Schulzimmern wirft in Leserforen und Leserbriefspalten hohe Wellen. Religion ist offenbar ein kontroverses Thema.

Ja, das hat auch unser Forschungsprojekt gezeigt. Gipfelkreuze sind in weiten Kreisen als kulturelles Symbol akzeptiert. Bei den Kreuzen in Schulzimmern sieht es schon anders aus, weil sie eindeutiger eine religiöse Botschaft haben. Selbst viele Leute, die Kirchenmitglieder sind, haben mit Kreuzen in öffentlichen Gebäuden Mühe. Andererseits pochen viele Personen darauf, dass die Schweiz christliche Wurzeln hat. Solche Konstellationen führen zu heftigen Debatten.

Sie schreiben von einer «überzeichneten Form», in der religiöse Themen in der Öffentlichkeit an Bedeutung gewinnen. Was ist damit gemeint?

Die Medien berichten selten über rein religiöse Themen – etwa darüber, was es bedeutet, den Ramadan zu praktizieren. Viel häufiger kommt Religion im Huckepack mit politischen und gesellschaftlichen Themen: Wenn irgendwo eine Bombe hochgeht. Oder wenn die Muslime in Schweizer Gefängnissen überproportional vertreten sind.

Soll man darüber nicht berichten?

Es geht um eine verzerrte Wahrnehmung. Es ist nicht so, dass der Islam seine Anhänger kriminell macht, wie das suggeriert wird. Relativ viele der muslimischen Immigranten sind männlich, jung, unverheiratet, ohne Abschluss und arbeitslos. In jeder Gruppe, auf welche diese Merkmale zutreffen, ist die Kriminalitätsrate erhöht. Bei Lateinamerikanern würde es wohl nicht anders aussehen – aber sie fallen als Katholiken in der Statistik nicht auf.

Sie warnen davor, dass Religion immer mehr als ein Mittel der Ausgrenzung dient.

Ja. Das lässt sich schon auf dem Schulhof beobachten. Die albanischen Kinder sind nicht mehr Albaner – sondern eben Muslime. Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Denn wenn sich die Mehrheitsgesellschaft als exklusiv christlich definiert, kann sich ein muslimischer Immigrant nicht mit seiner neuen Heimat identifizieren, auch wenn er es gerne will. Er kann ja nicht gleichzeitig Muslim und Christ sein. Egal, ob ein Bosnier religiös ist oder nicht – er kommt in die Schublade «Muslim».

Hat diese Entwicklung mehr mit der Zuwanderung von Muslimen, etwa aus der Türkei oder vom Balkan, zu tun – oder mit den Kriegen des «Westens» gegen islamische Länder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001?

Eher mit Letzteren. Eine unserer Studien zeigt, dass die Reduzierung der Immigranten auf ihre Religion erst mit den Anschlägen in Madrid und London in den Jahren 2004 und 2005 begonnen hat, als der islamistische Terror geografisch näher rückte. Andere Studien sagen, dass die Entwicklung bereits in den 90er-Jahren begonnen hat. Es ist auf jeden Fall ein Phänomen, das den ganzen Westen betrifft: Nach dem Ende des Kalten Krieges brauchte es ein neues Feindbild, das den Kommunismus ersetzen konnte.

Und so bewerten selbst säkulare Schweizer das Christentum positiver als den Islam – obwohl auch in der katholischen Kirche die Frauen unterdrückt werden und evangelikale Fundamentalisten wissenschaftsfeindlich sind?

Ja. Es ist die logische Konsequenz: Wenn «die Anderen» Muslime sind – was sind dann wir? Eben nicht nur Schweizer, sondern auch Christen. Diese Entwicklung darf man aber nicht missverstehen. Die Leute benutzen das Label «Christ» zur Abgrenzung, ohne dass sie dabei religiöser werden. Im Gegenteil.

Das ist das Paradoxon, das Sie festgestellt haben: In der öffentlichen Debatte gewinnt die Religion an Bedeutung, doch für den Einzelnen wird sie je länger je unwichtiger.

Das trifft zumindest auf die institutionalisierte Form der Mitgliedschaft in grossen Gemeinschaften zu. Eine klare Mehrheit der Schweizer wird immer weniger religiös, und wenn, dann sucht sie eine Form von Religion, die sich im Privaten abspielt. Die öffentlich ausgelebte Frömmigkeit verschwindet. Wenn Religion in der Öffentlichkeit als Thema präsent ist, dann hat das wenig mit der Religiosität der Menschen zu tun.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Die sind sehr vielfältig. Es gibt einerseits die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, dass die Bindekräfte grosser Institutionen nachlassen: Auch Gewerkschaften und Parteien verlieren Mitglieder. Jede Person sucht sich einen individuellen Weg durchs Leben – so auch in der Religion. Es gibt zudem in den Dörfern keinen gesellschaftlichen Druck mehr, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen oder jemanden mit derselben Konfession zu heiraten. Andererseits gibt es auch religionsspezifische Gründe. In jeder Buchhandlung gibt es Ratgeber aus jeder beliebigen Religionstradition. So wenden sich viele Leute zwar noch an die Kirche, wenn es um Taufen oder Hochzeiten geht – aber in einer Lebenskrise vertrauen sie auf alternative spirituelle Angebote oder den Psychotherapeuten.

Wir sind also immer noch religiöse Wesen – nur befriedigen wir unsere spirituellen Bedürfnisse einfach ausserhalb der Kirchen?

Nur für jeden zehnten Schweizer ist nach den Ergebnissen unserer Forschungen Religion überhaupt kein Thema mehr. Die grösste Gruppe sind mit 64 Prozent jene, die wir die Distanzierten nennen. Sie haben bestimmte Vorstellungen von einer höheren Macht, aber ein distanziertes Verhältnis zu den Kirchen. Sie billigen diesen zwar zu, dass sie wichtige Aufgaben erfüllen, etwa für sozial Benachteiligte. Aber für ihr eigenes Seelenheil brauchen sie die Kirche nicht. Neben den 17 Prozent, die weiterhin in Kirchen oder Freikirchen stark aktiv sind, gibt es noch die 9 Prozent Alternativen. Sie greifen auf alternative spirituelle Angebote zurück, etwa aus dem Bereich der Esoterik. Aber es ist nicht so, dass diese Gruppe massiv wächst.

Für viele Religionskritiker ist die fortschreitende Säkularisierung eine zwangsläufige Folge von Aufklärung und Moderne. Wenn immer mehr Leute den Kirchen immer gleichgültiger gegenüberstehen – wird die Religion dann nicht irgendwann ganz verschwinden?

Ich wage die Prognose, dass es die Religion in hundert Jahren noch geben wird. Aber als selbstverständlicher Faktor in Staat und Gesellschaft verschwindet sie immer mehr. Es gibt stark wachsende Freikirchen, doch das ist nur eine kleine Nische von zirka 2 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Anderseits gibt es westliche Länder, wo die Religiosität ungebrochen stark ist oder sogar noch wächst, wie die USA oder Polen. Das könnte einen Einfluss auf die Religiösen in der Schweiz haben.

Dann wäre sogar eine «Rückkehr der Religion» möglich, wie sie manche Religionswissenschaftler propagieren – etwa in Zeiten grösserer Krisen?

Nein, das dann doch nicht. Diese These kommt aus den USA, doch bei uns ist keinerlei Trendumkehr zu beobachten. Bei den Mitgliederzahlen der Kirchen gibt es derzeit nur eine Richtung: nach unten.

Zur Person

Christoph Bochinger (53) ist Professor für Religionswissenschaften in Bayreuth. Er ist Präsident der Forschergruppe, die im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms in den letzten fünf Jahren die Stellung der Religion in der Schweiz untersucht hat. Am Dienstag wurde der Abschlussbericht vorgestellt, der demnächst unter dem Titel «Religion, Staat und Gesellschaft: Die Schweiz zwischen Säkularisierung und religiöser Vielfalt» erscheinen wird.

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