Aktualisiert 15.08.2013 15:12

Aufruhr in ÄgyptenReporter sind lästige Zeugen

Aus Kairo zu berichten ist derzeit lebensgefährlich. Drei Reporter wurden getötet, andere von Sicherheitskräften misshandelt oder bedroht.

von
pbl

Mick Deane hat in seinem Leben viel gesehen. 40 Jahre war der Brite als Kameramann tätig, zuletzt für den Fernsehsender Sky News. Am Mittwoch endete sein Leben abrupt: Während der blutigen Räumung des Protestlagers der Muslimbrüder bei der Moschee Rabaah el Adawija in Kairo wurde der 61-Jährige getötet, vermutlich von einem Scharfschützen der ägyptischen Armee. Zum Zeitpunkt seines Todes war es relativ ruhig und Deane mit seiner Kamera eindeutig als Reporter erkennbar, sagten Augenzeugen laut Spiegel Online.

Sky-News-Chef John Ryley rühmte Mick Deane gegenüber der BBC als «unglaublich guten Kameramann», der auch «brillante Ideen» gehabt habe. Neben ihm starben an diesem blutigen Mittwoch in der ägyptischen Hauptstadt zwei weitere Medienleute. Die 26-jährige Habiba Ahmed Abd Elassis, eine Reporterin der Zeitung «Xpress» aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, wurde ebenfalls in der Nähe der Moschee erschossen, als die Sicherheitskräfte gegen eine Sitzblockade von Anhängern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi vorgingen.

Fotografin angeschossen

Die gebürtige Ägypterin sei auf Heimaturlaub und nicht im Dienst gewesen, teilte die staatlich kontrollierte Zeitung «Gulf News», in deren Verlag auch «Xpress» erscheint, auf ihrer Website mit. Auch der ägyptische Journalist Ahmed Abdel Gawad, der für die staatliche Zeitung «Al Achbar» arbeitete, wurde bei den Auseinandersetzungen getötet. Das bestätigte das Ägyptische Pressesyndikat, eine Journalistengewerkschaft. Über die näheren Umstände seines Todes war zunächst nichts bekannt.

Andere Journalisten wurden verletzt, etwa die Reuters-Fotografin Asmaa Waguih. Sie erhielt offenbar eine Kugel ins Bein. Kristen Chick, eine Reporterin des «Christian Science Monitor», wurde «von einigen Mursi-Gegnern» angegriffen und geschlagen, wie sie auf Twitter mitteilte. Sie hätten versucht, ihr Handy und ihr Notebook zu stehlen: «Musste kämpfen, um mein Zeugs zurückzukriegen. Telefon hat jetzt einen Sprung.»

Verhaftet und geschlagen

Einige westliche Journalisten wurden verhaftet, etwa Tom Finn von Reuters. Er hatte Glück und wurde nach kurzer Kontrolle wieder freigelassen. Zwei Fotografen in seiner Begleitung wurden allerdings die Speicherkarten gelöscht. Schlimmer erging es Mike Giglio von der US-Website «Daily Beast». Obwohl er sich als Journalist auswies, wurde er festgenommen. Weil er sich geweigert habe, das Passwort für seinen Laptop zu nennen, sei er wiederholt ins Gesicht geschlagen, gefesselt und weggebracht worden, so Giglio in seinem Bericht.

Nach vier Stunden in einem Sportstadion, das als Gefangenenlager diente, wurde der Amerikaner freigelassen. Mit ihm wurden zwei Fotografen verhaftet, der Ägypter Mahmud Abu Zeid und der Franzose Louis Jammes. «Beide wurden geschlagen, obwohl sie sich als Journalisten identifiziert hatten.» Weitere Reporter wurden von den Sicherheitskräften bedroht, etwa die «Washington Post»-Korrespondentin Abigail Hauslohner. «Wenn ich dich noch einmal sehe, schiesse ich dir ins Bein», soll ein Polizeioffizier zu ihr gesagt haben.

Wie während der Revolution 2011

Das Komitee zum Schutz von Journalisten erklärte, es untersuche mehrere Übergriffe auf Journalisten. Es rief die ägyptischen Behörden auf, sich zurückzuhalten und die Arbeit von Medienvertretern nicht zu behindern. Das Internationale Presse-Institut berichtete, es gebe Hinweise, dass Journalisten von beiden Seiten angegriffen würden. Doch zur Hauptsache dürften die Übergriffe auf das Konto von Armee und Polizei gehen.

Für Spiegel Online fällt die Armee in ein Verhaltensmuster zurück, das man während der Revolution im Januar 2011 beobachten konnte: «Damals wie heute scheinen Schikanen und Brutalität gegenüber Journalisten gezielt eingesetzt zu werden, um westliche Medien – unabhängige Zeugen – einzuschüchtern und so vom Geschehen fernzuhalten.» Dazu passt ein weiteres Detail in Mike Giglios Bericht: Seine «Daily Beast»-Kollegin Sophia Jones und zwei Fotografen seien mitten auf der Strasse aus einem gepanzerten Polizeifahrzeug beschossen worden – obwohl sie als eindeutig als Reporter zu erkennen gewesen seien.

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