Fair Streiten: «Respektvoller Streit gehört zu einer Beziehung dazu»
Fair streiten ist gar nicht so einfach. Für eine gute Streitkultur solltest du ein paar Punkte beachten.

Fair streiten ist gar nicht so einfach. Für eine gute Streitkultur solltest du ein paar Punkte beachten.

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Fair Streiten«Respektvoller Streit gehört zu einer Beziehung dazu»

Paartherapeutin Felizitas Ambauen verrät, was du tun kannst, wenn in deiner Beziehung die Fetzen fliegen. Und wie der Streit trotzdem fair bleibt.

von
Johanna Senn

Frau Ambauen, was genau ist ein fairer Streit?
Fair ist, seine Bedürfnisse zu äussern, ohne das Gegenüber absichtlich verletzen zu wollen oder eine Schwachstelle bewusst auszunutzen.

Braucht es denn Streit für eine funktionierende Beziehung?
Streit ist per se nichts schlechtes, nur respektloser Streit ist destruktiv. Für eine funktionierende Beziehung braucht es, dass beide ihre Bedürfnisse äussern können. Und da in keiner Beziehung die Bedürfnisse immer gleich sind, wäre es komisch, wenn es nie zu Spannungen käme. Da müsste man eher davon ausgehen, dass einer seine Bedürfnisse runterschluckt. Drum: ja, respektvoller Streit gehört zu einer funktionierenden Beziehung dazu.

Was sollte man bei einem Streit auf gar keinen Fall machen?
Die Schuld dem anderen zuschieben. Man sollte sich bewusst sein, dass immer beide einen Anteil an Streits tragen.

Was sind gesunde Streit-Taktiken, die man kultivieren sollte?
Sich zu überlegen: Wo man wann, was, wie sagen möchte. Also vielleicht nicht im vollen Zug ein Thema anreissen oder abends, wenn der Partner oder die Partnerin müde ist – oder wenn man sich grad schon über die Eltern aufgeregt hat. Dann mehr bei sich bleiben, in Ich-Botschaften reden, den Tonfall anpassen und möglichst Verallgemeinerungen wie «Du machst immer... Du machst nie.…» vermeiden.

Oft schweift man im Streit auch vom Thema ab oder beginnt zu verallgemeinern…
Wenn das passiert, sollte man darauf aufmerksam machen. Man kann das auch vermeiden, indem man sich auf die Diskussion vorbereitet. Viele meiner Paare machen sich sogar Notizen vor einer schwierigen Diskussion, um wirklich zu wissen, was sie sagen wollen. Oder man schreibt dem Partner oder der Partnerin erst mal einen Brief, in dem steht, was man wirklich sagen will. Oft ist das einfacher, als im Affekt gut kommunizieren zu müssen. Einige bevorzugen auch Sprachnachrichten – aber bitte in einem liebevollen Tonfall, sonst geht der Schuss nach hinten los.

Kein Streit, wenn die Spannung innerlich auf einer Skala von 0 bis 10 auf 7 oder höher ist. Da ist man gar nicht mehr in der Lage, konstruktiv zu streiten.

Felizitas Ambauen

Wie kann man seinen Punkt am besten rüberbringen, ohne das Gegenüber vor den Kopf zu stossen?Das lässt sich mit der besten Vorbereitung nicht immer vermeiden. Mein Tipp: Kein Streit, wenn die Spannung innerlich auf einer Skala von 0 bis 10 auf 7 oder höher ist. Da ist man unter Hochspannung und gar nicht mehr in der Lage, konstruktiv zu streiten. Wir haben dann einen Tunnelblick und agieren aus sehr alten Mustern raus.

Und was, wenn man das Gefühl hat, dass sich das Gegenüber grad daneben benimmt?Das sollte man ansprechen und vielleicht ebenfalls warten, bis das Gegenüber nicht mehr auf 180 ist. «Sich daneben benehmen» ist ein anderer Ausdruck dafür, dass wir grad nicht im gesunden Erwachsenen sind, sondern dass unsere verletzten Anteile reagieren und wir deshalb in einen Attackier-Modus geraten. Die Person, die näher am gesunden Erwachsenen ist, soll versuchen, Abstand zu nehmen und Raum zu geben.

Ehrlich gemeinte Entschuldigungen fördern den Annäherungsgmodus und man wird zugewandter.

Felizitas Ambauen

Man merkt, dass einem bald der Kragen platzt. Was tun?Rausgehen. Die Situation verlassen, durchatmen, eine kalte oder heisse Dusche nehmen. Wenn möglich, mal drüber schlafen. Aufgeheizt lässt es sich nie gut streiten und dann wird es auch oft nicht fair.

Und wenn man in der Hitze des Gefechts zu weit gegangen ist?
Immer: sich entschuldigen. Seinen eigenen Anteil annehmen und das auch sagen. Das darf auch am Tag danach oder eine Woche später sein. Ich sage nicht, man muss sich immer entschuldigen, damit wieder Frieden herrscht. Es geht vielmehr darum, dass man reflektiert und dann sagen kann: «Du, da habe ich den falschen Ton getroffen» oder «das wollte ich nicht so sagen, diese Beleidigung ist mir rausgerutscht, weil ich so verletzt war…». Ehrlich gemeinte Entschuldigungen fördern den Annäherungsgmodus und man wird zugewandter.

Eine ehrlich gemeinte Entschuldigung kann dabei helfen, dass man einander wieder zugewandter wird.

Eine ehrlich gemeinte Entschuldigung kann dabei helfen, dass man einander wieder zugewandter wird.

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Wie versöhnt man sich nach einem Streit am besten?
Indem man ein sogenanntes «Unfallprotokoll» erstellt. Man redet im Nachhinein darüber, was eigentlich schief lief. Ein gutes Beispiel dazu liefern mein Partner und ich in unserem gemeinsamen Podcast «Du so. Ich so.». Da erklären wir an einem eigenen Beispiel, wie das geht. Es kann auch helfen, sich bewusst zu machen, was man am Partner oder der Partnerin mag und wofür man das Gegenüber schätzt, um das Ganze wieder ein wenig ins Lot zu bringen.

Felizitas Ambauen ist Psychotherapeutin in eigener Praxis in Nidwalden mit Schwerpunkt auf Paartherapie. In ihrem Podcast «Beziehungskosmos» bespricht sie zusammen mit der Journalistin Sabine Meyer die brennendsten Fragen der Paarbeziehung. Zusammen mit ihrem Mann Amel Rizvanovic hat sie das Workshop-Konzept Paarcours entwickelt.

Deine Meinung

38 Kommentare
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Nonononono

29.03.2021, 12:37

Jetzt soll mir mal jemand verraten, wer im Streit noch fair und anständig ist???!!!! Gibt es nicht!!!👎 Unmöglich!!!

Was dann

29.03.2021, 11:20

Und wenn der Streitpartner sich IMMER im Recht fühlt, beleidigend wird, immer die Schuld mir zuschiebt und sich nie entschuldigt?

Homini

29.03.2021, 10:43

Uns hat folgende Strategie geholfen: Wir haben gelernt, unsere Prioritäten klarer zu setzen. Also: "Soll jetzt heute Abend wirklich Streit Priorität haben?" Oder ist uns unsere Lebenszeit dafür zu schade? Wenn man merkt, was einem im Leben wirklich Spass macht, dann gibt es fast immer einen Grund, etwas anderes zu tun als zu streiten. Ich habe z.B. sehr viel lieber Sex mit meiner Frau. Wenn ich die Wahl habe, zwischen Streit und Sex, wähle ich immer Sex. Jetzt muss man nur noch erkennen, dass man eben tatsächlich eine Wahl hat. Bzw. dass man selber dafür verantwortlich ist, wie man die Prioritäten setzt.