Ruhiger 1. Mai: «Revolutionärem Aufbau fehlt der Nachwuchs»
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Ruhiger 1. Mai«Revolutionärem Aufbau fehlt der Nachwuchs»

Der 1. Mai in Zürich war so ruhig wie seit Jahren nicht mehr. Sind gewaltsame Proteste etwa out?

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20M
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Die Zürcher Langstrasse vom Helvetiaplatz aus gesehen am Nachmittag des 1. Mai 2017: Es herrscht gähnende Leere, ein paar Passanten, von einer 1.-Mai-Nachdemo ist weit und breit nichts zu sehen.

Die Zürcher Langstrasse vom Helvetiaplatz aus gesehen am Nachmittag des 1. Mai 2017: Es herrscht gähnende Leere, ein paar Passanten, von einer 1.-Mai-Nachdemo ist weit und breit nichts zu sehen.

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Wie anders präsentierte sich derselbe Strassenabschnitt noch vor wenigen Jahren ... so etwa am 1. Mai 2014 ...

Wie anders präsentierte sich derselbe Strassenabschnitt noch vor wenigen Jahren ... so etwa am 1. Mai 2014 ...

Keystone/Patrick B. Kraemer
... oder am 1. Mai 2011 ...

... oder am 1. Mai 2011 ...

Keystone/Ennio Leanza

Die oft von Gewalt geprägte Nachdemonstration im Anschluss an den traditionellen 1.-Mai-Umzug blieb dieses Jahr aus. Potenzielle Störenfriede veranstalteten zwar einen «Revolutionären Treff» auf dem Kanzleiareal – dieser entpuppte sich aber als friedliches Konzert. «Ich kann mich nicht erinnern, wann es das letzte Mal so ruhig war», sagte Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, zu 20 Minuten.

Laut Extremismus-Experte Samuel Althof könnte dies auf Veränderungen in der linken Szene zurückzuführen sein – genauer im Revolutionären Aufbau, der die Nachdemonstration jeweils als Meinungsführer trägt. Dieser finde bei den Jungen immer weniger Anklang: «Der Revolutionäre Aufbau hat ein Nachwuchsproblem», sagt Althof.

Gewaltpotenzial bleibt

Bei den Störaktionen der linksextremen Gruppierung handelt es sich laut dem Experten nicht bloss um spontanen Krawall oder Randale – sondern um eine Strategie. «Entweder, es fehlte dieses Jahr an Gründen oder Unterstützung», so Althof. Letzeres hält er für plausibler: Seit rund vier Jahren sei die Anhängerschaft der linksextremen Gruppierung geschrumpft, der Zulauf habe abgenommen. Althof: «Die Gruppe wird zudem schon lange von denselben Personen geprägt, mir sind keine frischen Gesichter bekannt – ein weiterer Hinweis auf ein Nachwuchsproblem.»

Entwarnen könne man deshalb aber nicht. Das Gewaltpotenzial bleibe bestehen. «Im Vergleich zu rechtsextremen Gruppierungen folgen linksextreme Kreise in der Schweiz einer klaren Gewaltprogrammatik», so Althof. Zudem sei die linke Szene stark international ausgerichtet und und dadurch veränderlich. Es sei deshalb gut möglich, dass der 1. Mai im nächsten Jahr wieder ganz anders ausfalle.

«Blitzdemo» beim türkischen Konsulat

Wobei: Ganz ohne Zwischenfälle verlief der Tag der Arbeit auch dieses Jahr nicht. Rund 80 zum Teil vermummte Personen zogen am türkischen Konsulat an der Weinbergstrasse vorbei und beschmierten das Gebäude und ein Fahrzeug mit Farbe. Die Stadtpolizei nahm im Anschluss mehrere Personen fest. Der Revolutionäre Aufbau bekannte sich auf Indymedia.org zur «Blitzdemo».

«Dass der Revolutionäre Aufbau grosse politische Themen aufgreift und Demonstrationen und Auftritte anderer Gruppierungen vereinnahmt, ist nichts Neues», sagt Althof. Er spricht damit die «Kill Erdogan»-Schriftzüge an, die nach dem Farb-Anschlag zahlreiche Wände rund ums Konsulat zierten. Ein Plakat mit gleichem Schriftzug hatte bereits Ende März in Bern für Aufruhr gesorgt.

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