Zürcher Obergericht: Richter kaufen Drogenkurier «Zufälle» nicht ab
Aktualisiert

Zürcher ObergerichtRichter kaufen Drogenkurier «Zufälle» nicht ab

Ein türkischer Fürsorgeempfänger aus Zürich Oerlikon wollte am Flughafen Kloten rund fünf Kilogramm Heroin einführen. Nun muss er für 51 Monate hinter Gitter.

von
Attila Szenogrady

Ein heute 38-jähriger Türke wollte am 1.Mai 2008 nach einem Flug von Istanbul nach Zürich rund fünf Kilogramm Heroin am Flughafen Kloten über den Zoll bringen. Der Mann wurde deshalb Bezirksgericht Bülach verurteilt. Das Zürcher Obergericht bestätigt nun die Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Manten, womit die kantonale Berufungsinstanz das Urteil gegen den Sozialhilfeempfänger aus Zürich-Oerlikon wegen Drogenschmuggels umfassend stützt.

Unwissen geltend gemacht

Nachdem der Angeklagte von der Polizei erwischt worden war, beteuerte er seine Unschuld. So habe er nicht gewusst, dass sich im Koffer Drogen befunden hätten, sagte er aus. Während der Untersuchung gab er zu Protokoll, dass er bloss wegen seiner kranken Mutter in die Türkei gereist sei. Den Umstand, dass er ohne Koffer nach Istanbul gereist sei, bezeichnete er als Zufall. Ebenso zufällig habe er dann in Ankara einen alten Bekannten namens Ali getroffen. Dieser habe ihn gebeten, gegen ein Entgelt einen Koffer nach Zürich mitzunehmen. Er habe dabei an Geschenke für Verwandte gedacht.

Weiter führte der Angeklagte aus, dass er auch wegen einer Verlobung seines in der Türkei lebenden Bruders nach Anatolien gereist sei.

Überdosis an Zufällen

Schon das Bezirksgericht Bülach konnte dem Angeschuldigten die Unschuldsversion nicht abkaufen. Gegen diese sprach schon alleine die Tatsache, dass die Polizei einen Tag nach der Verhaftung des mutmasslichen Drogentransporteurs eine Hausdurchsuchung an dessen Wohnort durchführte. Und - welch ein Zufall – Heroingemisch für 1,24 Kilogramm Heroin sicherstellte. Hinzu kam geradezu eine Überdosis an weiteren Zufällen.

Alleine schon das zufällige Treffen mit dem in Istanbul wohnhaften Ali, sei völlig realitätsfremd, schrieben schon die Bülacher Richter und rechneten vor, dass Ankara letztes Jahr eine Bevölkerungszahl von 4,1 Millionen Einwohnern auswies. Zudem hatte die Polizei in der Zürcher Wohnung des Angeklagten einen Notizzettel mit Alis Telefonnummer gefunden. Diesen habe sein Bruder zufällig in seinem Zimmer vergessen, lautete das schwache Argument des Angeschuldigten.

51 Monate Knast bestätigt

Auch am Zürcher Obergericht fand der erwischte Drogenkurier kürzlich kein Gehör. Sein Verteidiger versuchte wenigstens eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten zu erreichen. Vergebens. Das Obergericht bestätigte das Bülacher Verdikt umfassend. Auch eine hohe Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten. Das Obergericht lehnte eine Notsituation des Beschuldigten klar ab.

So hatte dieser in Zürich Taggelder von 2200 Franken pro Monat erhalten. Zudem wurden ihm die Krankenkasse und die Wohnung von der Sozialhilfe bezahlt. So sei der ehemalige und nun ausgesteuerte Pizzajolo in der Schweiz optimal gegen die negativen Auswirkungen seiner Arbeitslosigkeit geschützt gewesen, schrieben die Richter und stuften deshalb sein Verschulden als schwer ein.

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