Richtig gewickelt
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Richtig gewickelt

Weg vom Schmuddel-Image:
Das Porn Filmfestival Berlin zerrt die Pornoindustrie aus der Besenkammer und betrachtet Porno aus einem unverkrampften Blickwinkel.

Ein ganz in Schwarz gekleideter Mittvierziger betritt den Raum. Neben ihm eine üppige Assistentin im pechschwarzen Minidress. Keine fünf Minuten vergehen, dann baumelt sie verschnürt von der Decke und stöhnt leise vor sich hin. Vor Schmerzen oder vor Lust? Ich tippe auf Letzteres. Die knapp 20 Neugierigen, die sich im Seminarraum eines Berliner Hinterhauses zum Bondage-Workshop eingefunden haben, sind beeindruckt. Einige sind hier, weil sie noch keine Ahnung von Bondage haben, andere wiederum wollen ihre Fesselkünste perfektionieren – ein gemischter Haufen, zumeist sympathische Mitmenschen aller Altersklassen. Nach einer kurzen Einführung darf die wagemutige Truppe selber Hand anlegen – zum Glück angezogen. So einfach, wie es beim Meister aussieht, ist das lustvolle Verschnüren des Partners aber lange nicht: Immer wieder dringt ein Lachen durch den Raum, wenn sich ein Seminarteilnehmer besonders schlimm verheddert hat. Trotzdem: Die zwei Stunden reichen aus, um einen ersten Einblick in eine anspruchsvolle erotische Technik zu erhalten, die in Japan bis zur Perfektion zelebriert und als eigene Kunstrichtung verstanden wird.

Daran knüpft das 1. Porn Filmfestival Berlin an, das letztes Wochenende Premiere feierte. Porno-Starlets an schmuddeligen Ständen, die sich vor Horden ambitionierter Handy-Fotografen mit gespreizten Beinen entblössten, sieht man dort keine. Dafür gibt es Diskussionen mit Filmemachern, einen Kurzfilmwettbewerb und eine beeindruckend grosse Ausstellung. Und für tiefergehende Horizont-Erweiterungen werden Workshops mit Themen wie «Japanische Bondage», «Die Kunst des Zungenkusses» oder «How to Become a Pornstar» angeboten. Das Porn Filmfestival Berlin will mit den negativen Vorurteilen aufräumen. «Porno wird erst zu einem Problem, wenn man eins draus macht», sagt Produzent und Filmemacher Jürgen Brüning, der das Festival ins Leben gerufen hat. Er ist fest davon überzeugt, dass Porno längst mehr ist, als sein billiges Image vermuten lässt. Auch wenn das nur vereinzelt in den Mainstream durchdringt. Dann etwa, wenn Arthouse-Filme wie «Baise-Moi» oder «Nine Songs» mit expliziten Sex-Szenen für rote Köpfe und Aufruhr im Feuilleton-Wald sorgen. Oder aber wenn sich das Regie-Wunderkind Lars von Trier als Teilhaber der dänischen Hardcore-Schmiede Puzzy Power outet. Brüning will mit der Auswahl der Filme die ganze Bandbreite der Pornographie abbilden. «Ich habe darauf geachtet, dass Heteros, Schwule und Lesben gleichermassen auf ihre Kosten kommen», sagt er.

Das tun sie denn auch im Workshop «Die Kunst des Zungenkusses». Die Beschreibung hat leise angedeutet, dass dort wild rumgeknutscht wird. Deshalb beäugt man die Runde noch genauer – und erschrickt: eine Überzahl von Männern, zwei davon vom Typ «ekliger Lustmolch». Ein Aufatmen geht schliesslich durch den Raum, als sympathische Zuspätkommende das Geschlechterverhältnis ausgleichen – es kann losgehen. Nach einem kleinen Vortrag über die Geschichte des Zungenkusses und seiner Bedeutung kündigt die Workshop-Leiterin den praktischen Teil an. Unter fachkundiger Führung soll man einen neuen Blick auf die Lieblingsbeschäftigung Frischverliebter gewinnen. Es ist zwar seltsam, ohne jeglichen Bezug mit fremden Menschen zu knutschen, aber tatsächlich nimmt man plötzlich ganz andere Dinge wahr, wenn die emotionale Verklärung wegfällt.

Fazit: Durch den spielerischen Umgang mit dem Thema wird das 1. Porn Filmfestival Berlin seinem Anspruch mehr als gerecht. Ohne sich in Grabenkämpfen zwischen Kunst und Kommerz zu verlieren, wird das Thema lustvoll ausgeleuchtet, wobei sich zeigt, dass Pornographie auch jenseits von Klischee-Messen wie Extasia oder Venus funktionieren kann. Porno als Hochkultur? Ja, sehr gerne!

Thomas Nagy

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