Silvester-Krawalle: «Riesenproblem, wenn Medien Ausländergewalt nicht benennen»

Aktualisiert

Silvester-Krawalle«Riesenproblem, wenn Medien Ausländergewalt nicht benennen»

Jugendliche, viele davon mit Migrationshintergrund, haben Deutschland an Silvester ins Chaos gestürzt. Das Schweigen gewisser Medien zur Herkunft der Täter wird scharf kritisiert.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Nach den gewaltsamen Ausschreitungen in mehreren deutschen Städten an Silvester geraten die staatsnahen Medien in die Kritik. Grund: Sie schienen den Migrationshintergrund einer Vielzahl der Täter nicht benennen zu wollen.

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen in mehreren deutschen Städten an Silvester geraten die staatsnahen Medien in die Kritik. Grund: Sie schienen den Migrationshintergrund einer Vielzahl der Täter nicht benennen zu wollen.

Screenshot Das Erste
«Die Tagesschau berichtete über die Vorfälle. Aber: Sie schien keine Worte zu finden, um die Täter zu benennen», schreibt etwa die Bild-Zeitung.

«Die Tagesschau berichtete über die Vorfälle. Aber: Sie schien keine Worte zu finden, um die Täter zu benennen», schreibt etwa die Bild-Zeitung.

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In Neukölln musste die Feuerwehr Hunderte Male ausrücken: «Wenn wir Ausländergewalt nicht als solche benennen dürfen, haben wir ein Riesenproblem», sagt Ahmad Mansour.

In Neukölln musste die Feuerwehr Hunderte Male ausrücken: «Wenn wir Ausländergewalt nicht als solche benennen dürfen, haben wir ein Riesenproblem», sagt Ahmad Mansour.

IMAGO/Marius Schwarz

Darum gehts

  • An Silvester kam es in Deutschland zu mehreren Ausschreitungen – besonders stark traf es Berlin.

  • Die staatsnahen Medien hielten sich zurück, wenn es um Täterbeschreibungen ging.

  • Dafür ernten sie nun Kritik: «Endgültig in der Realsatire angekommen.»

  • Auch ein Extremismus-Experte und ein Medienkritiker bemängeln die zurückhaltende Berichterstattung.

Das ist passiert

In der Silvesternacht kam es deutschlandweit zu schweren Ausschreitungen: Alleine in Berlin wurden 103 Täterinnen und Täter festgenommen, 18 Polizistinnen und Polizisten wurden verletzt. Der Bundeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft sagte gegenüber Focus: «Bei vielen Einsatzkräften ist der Eindruck vorherrschend, dass Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund weit überrepräsentiert sind.»

Das sorgt für Diskussionen

Die staatsnahen Medien hielten sich bei den Täterbeschreibungen bedeckt. In einem Beitrag der ARD-Tagesschau vom 2. Januar sagt der Berlin-Korrespondent: «Von den Tätern zu sprechen ist in solchen Kontexten immer ein bisschen schwierig.» Er zitiert die Gewerkschaft der Polizei, die das Problem in «gruppendynamischen Prozessen» und «einem gesamtgesellschaftlich grossen Druck» sehe. Der Journalist stottert, verhaspelt sich und es scheint, als wolle er um jeden Preis vermeiden, etwas Falsches zu sagen.

Das kritisieren private Medien

Ulf Poschardt, Chefredaktor der Welt, kommentiert den Ausschnitt der ARD-Tagesschau vom 2. Januar so: «Endgültig in der Realsatire angekommen.» Die Bild-Zeitung schreibt: «Die Tagesschau berichtete über die Vorfälle. Aber: Sie schien keine Worte zu finden, um die Täter zu benennen.» Dass es sich überwiegend um junge Männer in Gruppen, häufig mit Migrationshintergrund, handle, sei eine bittere Wahrheit. «Doch die Nachrichtensendungen erweckten den Eindruck, sich Mühe zu geben, diese zu umschiffen.»

Das sagen Menschen mit Migrationshintergrund

Der Aktivist Bilgili Üretmen meldete sich auf Tiktok zu Wort: «Wir müssen über die Silvesternacht reden, von Migrationshintergrund zu Migrationshintergrund – also nicht der Deutsche, der ganz vorsichtig sein muss, wie er sich ausdrücken soll, wenn er sagen will, dass das hauptsächlich Personen mit Migrationshintergrund waren», sagt er in einem Tiktok-Video.

Extremismus-Experte: «Müssen diese Debatte führen»

Auch Ahmad Mansour übt scharfe Kritik: «Wenn wir Ausländergewalt nicht als solche benennen dürfen, haben wir ein Riesenproblem. Das ist kein Journalismus, das ist Aktivismus, ein Totalversagen gewisser Medien.» Linke und Woke könnten sich noch lang einreden, es gäbe keine Probleme mit falsch sozialisierten jungen Menschen mit Migrationshintergrund. «Die Realität spricht immer wieder eine andere Sprache. In Frankreich, in Brüssel, in Graz, in Berlin, in Stuttgart und in Frankfurt.» Für Mansour ist klar: «Wir müssen endlich eine Debatte darüber führen, dass wir ein Problem haben mit einer Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund, die unseren Rechtsstaat verachtet und glaubt, das habe keine Konsequenzen.»  Dass am 3. Januar alle Täter wieder auf freiem Fuss seien, bestärke die Krawallmacher in dieser Haltung.

Medienkritiker: «Angst vor dem Rassismus-Vorwurf»

«Die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien ist ein perfektes Beispiel für die deutsche Spezialität, das Offensichtliche nicht zu benennen», sagt auch Medienkritiker und Welt-Reporter Henryk Broder. Für die Zurückhaltung sieht er drei Ursachen: «Erstens ist es die Angst davor, ein Rassist, oder schlimmer noch, ein Nazi genannt zu werden. Rassismusvorwürfe können heutzutage Karrieren beenden.» Zweitens wollten die deutschen Medien die Tatsachen nicht benennen, weil man sich dann auch mit den Ursachen beschäftigen müsste. «Drittens ist Deutschland Weltmeister darin, Tatsachen zu leugnen, wenn sie politisch nicht opportun sind», sagt er.

In der Silvesternacht kam es in Berlin zu Ausschreitungen, zahlreiche Personen schossen mit Pyros auf Einsatzkräfte. 103 Menschen wurden verhaftet, 18 Polizisten wurden verletzt.

20min/sag

So rechtfertigt sich der Norddeutsche Rundfunk

Der Norddeutsche Rundfunk, der für die ARD-Tagesschau zuständig ist, reagierte gegenüber 20 Minuten auf die Kritik. In mehreren Sendungen werde seit dem Neujahrstag über die Gewalt gegen Einsatzkräfte in der Silvesternacht und die Diskussion um Konsequenzen berichtet. «Dabei geht ARD aktuell auch der Frage nach den Tätern nach und berichtet dem Erkenntnisstand zur jeweiligen Zeit entsprechend.» Der Rundfunk Berlin-Brandenburg, bei dem der Berlin-Korrespondent tätig ist, schreibt: Der Journalist habe in diesem Moment schlicht den Faden verloren.

Soll bei Ausschreitungen die Herkunft der Verhafteten genannt werden?

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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