Aktualisiert 12.02.2020 10:23

Leasing-Boom«Risiko-Fahrer leasen gerne schnelle Autos»

In den letzten Wochen kam es zu zahlreichen Unfällen von Junglenkern mit geleasten Autos. Ein Verkehrspsychologe erklärt, wieso eine PS-Limite für Neulenker sinnvoll wäre.

von
dk
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Statt ein eigenes Auto zu kaufen, entscheiden sich viele Personen für die Leasing-Option.

Statt ein eigenes Auto zu kaufen, entscheiden sich viele Personen für die Leasing-Option.

Tramino
Den Traum vom neuen Sportwagen kann man sich laut Leasing-Anbietern im Handumdrehen erfüllen.

Den Traum vom neuen Sportwagen kann man sich laut Leasing-Anbietern im Handumdrehen erfüllen.

AP/Thibault Camus
So muss man sich das Geld für einen Neukauf nicht zusammensparen, sondern kann sich innert kürzester Zeit in einen Neuwagen setzen.

So muss man sich das Geld für einen Neukauf nicht zusammensparen, sondern kann sich innert kürzester Zeit in einen Neuwagen setzen.

Martin-dm

Herr Graber, verhalten sich Personen, die ein geleastes Auto fahren, im Verkehr risikoreicher?

Ein Grossteil der Fahrzeuglenker verhält sich im Strassenverkehr verantwortungsbewusst, auch der Leasingnehmer. Man kann also nicht alle über einen Kamm scheren. Offenbar wurde in den letzten Jahren aber ein statistischer Zusammenhang zwischen Leasing und erhöhter Unfallrate festgestellt. Über die Ursachen wurde bislang hauptsächlich spekuliert. Die Verbindung besteht aus meiner Sicht nicht darin, dass Leasing zu risikoreichem Fahren animiert, sondern dass Personen, die zu Risikoverhalten im Strassenverkehr tendieren, oftmals gerne leasen.

Können Sie das ausführen?

Die Leasing-Option erlaubt es ihnen, relativ einfach an leistungsstarke Fahrzeug zu gelangen, die dann wiederum diese Personen noch mehr reizen, beispielsweise schnell oder aggressiv zu fahren. Mir ist aus meiner Gutachtertätigkeit eine Vielzahl von Fällen bekannt, in denen Personen Autos leasten, deren Preisklasse ihren eigentlichen Lebensstandard deutlich überstiegen. Oftmals lockt dabei das Prestige oder die Leistungsfähigkeit, die ein solches Fahrzeug mit sich bringen.

Wieso fahren diese Personen derart risikoreich?

Die Gründe sind sehr vielfältig. Einige Personen definieren sich beispielsweise verstärkt über ihr Fahrzeug oder ihren Fahrstil. Sie fahren schnell, weil sie sich erhoffen, im Umfeld damit Eindruck zu hinterlassen, da ihnen andere Quellen von vermeintlicher Anerkennung fehlen.

Dieses Bedürfnis wird teilweise durch gezielte Werbung von Vertretern verwandter Branchen auch bewusst angesprochen. Leute, die darauf keinen Wert legen, kaufen vermutlich eher einmal einen Gebrauchtwagen. Andere mögen den Rausch der Geschwindigkeit, überschätzen ihre Fähigkeiten oder unterschätzen die Gefahren.

In den letzten Wochen kam es immer wieder vor, dass 18- bis 23-jährige Personen mit ihren geleasten Autos Unfälle verursacht haben oder zu schnell fuhren. Braucht es für geleaste Autos bis zu einem gewissen Alter eine PS-Limite?

Ja, das wäre aus meiner Sicht eine Möglichkeit, die in Betracht gezogen werden könnte. Ähnlich wird es ja heute bereits mit den Motorrädern gehandhabt, wo für die Zulassung zu den leistungsstärkeren Kategorien ein höheres Alter oder eine längere Fahrerfahrung mit tieferen Kategorien gefordert wird.

Allerdings lassen sich nicht alle Leute von Verboten beeindrucken, gerade wenn die entsprechenden Fahrzeuge auf sie einen hohen Reiz ausüben und gleichzeitig das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Einhaltung von Regeln unterentwickelt ist. Darum ist es notwendig, dass solche Regeln auch konsequent durchgesetzt werden. Letztlich wirkt das Vorhandensein einer ausreichenden Risikosensibilität präventiv immer noch am besten.

Sollten Leasing-Firmen potenzielle Raser von vornherein ablehnen?

Es gibt keinen definierten Charakter-Typ, die man bereits von Anfang an vom motorisierten Strassenverkehr ausschliessen sollte. Ausserdem wäre es aus meiner Sicht weder realistisch noch vertretbar, eine Untersuchung über die charakterliche Fahreignung bei allen Bewerber eines Leasingvertrags durchzuführen.

Dennoch könnte es sinnvoll sein, dass in einem begrenzten Umfang Screenings durchgeführt würden. Etwa mit gezielten Fragen zu sicherheitsrelevanten Aspekten, beispielsweise über zurückliegende Verkehrsdelikte, die bei Vergabeentscheiden mit einfliessen könnten. Generell ist es wünschenswert, dass die Unternehmen ihre Vergabekriterien kritisch überprüfen und dabei neben betriebswirtschaftlichen Zielen auch das Konzept der Verkehrssicherheit im Auge behalten.

Benjamin Graber ist Fachpsychologe für Verkehrspsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

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