SCL Tigers: Riskante Transfer-Experimente
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SCL TigersRiskante Transfer-Experimente

Nach dem 6:3 gegen den EV Zug können die SCL Tigers zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg von 1998 schon in der Weihnachtspause am Team für die nächste Saison arbeiten. Kommt Biels Thomas Nüssli?

von
Klaus Zaugg
Thomas Nüssli: Kontakt zu Langnau besteht.

Thomas Nüssli: Kontakt zu Langnau besteht.

Für die SCL Tigers beginnt nach dem 6:3 gegen Zug das «Vorbereitungslager» auf die ersten NLA-Playoffs der Unternehmensgeschichte. Die Langnauer überrollten die Zuger im besten Sinne des Wortes. Sie sind inzwischen so selbstischer geworden, dass sie den Puck für sich arbeiten lassen und durch schnelle Passfolgen das Spiel beschleunigen wie eine Spitzenmannschaft. Selbst ein Eigentor von Pascal Pelletier zum 2:3-Anschlusstreffer (beim Befreiungsversuch lenkte er den Puck mit der Hand ins eigene Tor) vermochte das neue Selbstvertrauen der Langnauer nicht mehr zu erschüttern.

Trainer John Fust spricht zwar nicht über die Playoffs und lässt es nicht zu, dass sich die Langnauer zu früh freuen. «Wir können die Ziellinie sehen - aber wir sind noch nicht in den Playoffs.» Allerdings dürften die bitteren Erfahrungen aus der Vergangenheit die Langnauer vor Selbstzufriedenheit bewahren. Gerade die zuletzt gezeigte Stilsicherheit gegen Fribourg (4:5 n.P.) und Zug (6:3) provoziert zur Prognose, dass die restlichen 16 Partien der Qualifikation so etwas wie ein «Trainingslager» für Playoffs werden.

Wohin geht die SCL-Reise?>/B>

Aber wohin wird die Reise der SCL Tigers nach dieser Saison führen? Werden sie in den nächsten Jahren ein Team für die obere Tabellenhälfte sein, oder dauert das Emmentaler Eishockey-Wintermärchen nur eine Saison lang?

Eines der Erfolgsgeheimnisse ist der Zusammenhalt der Mannschaft. Dafür braucht es die richtige Chemie. Diese richtige Chemie zu finden ist fast so schwierig und von so vielen Zufällen abhängig wie einst die Entdeckung von LSD durch Albert Hofmann. Er kam durch Zufall auf die Wirkung von LSD.

Trainer John Fust kam zwar nicht nur durch Zufall, aber doch durch viele von ihm nicht beeinflussbare äussere Umstände zum richtigen Mix in seinem Team.

Dem guten Mix Sorge tragen

Zu diesem Mix gilt es nun Sorge zu tragen. «"Wir müssen uns deshalb sehr sorgfältig überlegen, welche Spieler wir holen», sagt Fust gegenüber 20 Minuten Online. Es gibt durchaus Transfer-Optionen für die Emmentaler. Zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg von 1998 sind sie nämlich nicht mehr Bettler. Sie können Spielern schon vor der Weihnachtspause bessere sportliche Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten bieten als etwa die Lakers, Ambri, Lugano oder Biel und bei weniger Lohn so gute wie Servette, Fribourg, Bern oder die ZSC Lions.

Bis zur Stadionsanierung (bis im September 2012) kann das Budget nicht markant erhöht werden und das Geld bleibt knapp. Manager Ruedi Zesiger und Trainer John Fust verfolgen zwei Strategien: «Big Bang» oder «Coming Home». Entweder mit einem grossen Namen ein Signal setzen («Big Bang») oder mit mehreren günstigen Transfers die Basis der Mannschaft verbreitern und die Qualität verbessern.

«Big Bang» war bisher nicht möglich

«Big Bang» war bisher nicht möglich und wird wohl auch nicht möglich sein. Verteidigungsminister Steve Hirschi (29) bleibt in Lugano. Nun geht es darum, mit klugen Transfers die Basis zu verbreitern und eine Qualitätssteigerung zu erzielen, ohne dass dabei die so heikle Chemie gestört wird.

Am besten eigenen sich dafür die mit Land und Leuten und dem Team vertrauten Emmentaler. Langnaus Transferstrategie lautet deshalb auch: «Coming home to Hockey Country.» Die Wunschspieler müssten nicht einmal weit zügeln. Die Frage ist, ob SCB-Sportchef Sven Leuenberger seinem Rumpelstürmer Roland Gerber (26) und dem ehemaligen Nationalverteidiger Martin Stettler (26) neue Verträge offerieren wird. Beide sind beim Meister Hinterbänkler mit null Einfluss auf das Spiel.

Gerber und Stettler würden passen

Beide wären ideale Transfers für Langnau. Gerber ist Langnauer und kann mit seiner Wasserverdrängung auf den Aussenbahnen dem Team Respekt verschaffen («Rumpel-Role»). Viele halten ihn wegen seiner kompromissolsen Härte und Geradlinigkeit nicht nur wegen seiner Rückennummer 88 (wie Eric Lindros) für einen der meistunterschätzten Powerstürmner der Liga. Stettler setzt zur Zeit beim SCB etwa 50 Prozent seines Talentes um. Der dreifache Internationale könnte in Langnau wieder zu einem produktiven Zweiweg-Verteidiger werden.

Gerber wie Stettler könnten die Tiefe im Kader erhöhen. Doch John Fust ist auch auf der Suche nach einem Spieler, der die Differenz in einzelnen Partien machen kann. «Im Idealfall finden wir vier Spieler, die uns in der Verteidigung und in der Offensive besser machen.» Nach dem Abgang von Andreas Camenzind (28) der des Geldes wegen zu den Lakers wechselt, erst recht. Ein Kenner der Verhältnisse höhnte gegenüber 20 Minuten Online: «Mit dem Lohn, den die Lakers zahlen, kann man im Emmental ein Heimetli kaufen.» Ein Heimetli ist ein kleiner Bauernhof und die sind, je nach Lage, schon zwischen 400 000 und 500 000 Franken zu haben.

Kommt Thomas Nüssli?

Spieler, die eine Partie entscheiden können und eine Mannschaft besser machen, sind entweder unerschwinglich teuer oder es gibt ganz spezielle Gründe, warum sie zu haben sind. Biels Thomas Nüssli (28) ist so einer, der Spiele entscheiden kann. Er hat in den letzten 115 Spielen für Biel immerhin 39 Tore geschossen - aber nur noch sieben in den letzten 32. Der eigenwillige Riese (191 cm/95 kg) ist einer der schussgewaltigsten Spieler der Liga, er kann die Mittelachse oder die Aussenbahnen verstärken und eigentlich in jedem NLA-Team das Powerplay befeuern.

In Biel ist er nicht mehr glücklich: Zu wenig Powerplay-Eiszeit und wohl auch zu wenig Streicheleinheiten von Cheftrainer Kevin Schläpfer. Und so hat sein Agent auch in Langnau angerufen. «Das stimmt», bestätigt John Fust auf Anfrage von 20 Minuten Online. «Aber wir haben noch nicht entschieden, was wir in dieser Sache tun werden. Keine Frage, Nüssli kann für uns ein sehr, sehr wichtiger Spieler sein. Aber wir müssen zuerst alle Umstände abklären. Wir machen einen Transfer nur, wenn wir hundertprozentig sicher sind, dass ein Spieler in unsere Mannschaft passt.»

Gerade weil die Langnauer nicht das Geld haben, um «fertige», bestandene Stars einzukaufen, können sie ihre Mannschaft nur mit Risikotransfers verstärken. Jeder Transfer ist ein riskantes Experiment.

Der Kampf um Torhüter Conz

Die Frage hingegen, ob Servette den Langnauern Torhüter Benjamin Conz (19) für eine weitere Saison ausleihen wird, ist weit weniger brisant als es auf den ersten Blick scheint. «Wir unternehmen alles, um mit Servette eine Lösung zu finden und gehen auch an die finanzielle Schmerzgrenze», sagt Manager Ruedi Zeisger. Ein «Heimetli» wird er wohl in den Goalieposten investieren.

Aber die Existenz hängt nicht von Conz ab. Bleibt er nicht, bleibt die Option eines ausländischen Torhüters. Die Verträge von drei der vier Ausländer (von Murphy, Pelletier und Iggulden) laufen Ende Saison aus, hier haben die Langnauer genügend Spielraum.

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