Aktualisiert 04.10.2013 13:55

Mittel gegen ADHSRitalin war gestern – heute gibts Psychosemittel

Kindern mit ADHS werden in der Schweiz immer häufiger Medikamente gegen schwere psychische Erkrankungen verschrieben. Experten mahnen zur Vorsicht.

von
vro
Kinder und Jugendliche erhalten immer öfter starke Psychosemedikamente.

Kinder und Jugendliche erhalten immer öfter starke Psychosemedikamente.

Eigentlich werden Medikamente wie Risperidon, Paliperidon, Quetiapin und Tiaprid für Behandlungen von Schizophrenie, manisch-depressiver Erkrankung oder Wahnvorstellungen eingesetzt. Doch immer mehr Ärzte verschreiben die Neuroleptika auch Kindern und Jugendlichen, die unter der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS leiden. Diese Krankheit wird in der Regel mit Ritalin behandelt. Doch Psychosemittel sind auf dem Vormarsch: In den letzten zehn Jahren habe sich die Zahl der Kinder, denen Neuroleptika verschrieben wurden, vervierfacht, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. In den USA sei dieses Phänomen schon lange bekannt.

Die Medikamente können starke Nebenwirkungen erzeugen. So kann es etwa zu Zittern, Muskelstarre oder anderen Bewegungsstörungen kommen. Bei neueren Medikamenten treten diese Begleiterscheinungen zwar nicht mehr auf, dafür können sie zu einer starken Gewichtszunahme führen.

«Der Anstieg ist stark»

2012 wurden rund einem halben Prozent der bei der CSS versicherten 15- bis 18-Jährigen Neuroleptika verschrieben. Bei den 7- bis 14-Jährigen waren es halb so viele und bei der jüngsten Altersgruppe waren es 0,028 Prozent. Laut Apothekerverband Pharmasuisse hat sich der Verkauf von Psychosemedikamenten seit 2002 geradezu verdoppelt.

Fachleute sind alarmiert: «Die Anzahl Verschreibungen sollte nicht weiter zunehmen», sagt Susanne Walitza, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. «Der Anstieg ist tatsächlich stark.» Trotzdem hält sie fest, dass die Zahlen noch nicht im roten Bereich liegen. «Sie entsprechen etwa der Häufigkeit schwerer psychiatrischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.» Damit gemeint sind Krankheiten wie Schizophrenie oder bipolare Störungen. Bei Kindern unter 13 Jahren helfen Medikamente gegen Tic-Erkrankungen oder Autismus.

Es gibt keine Alternative

Einen Beleg, dass starke Neuroleptika nur bei schweren Krankheiten verschrieben werden, gibt es in der Schweiz indes nicht, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. In Deutschland habe eine Studie jedoch gezeigt, dass die Medikamente am häufigsten bei ADHS verschrieben werden – ausserdem werden sie gegen Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen und Angststörungen eingesetzt. Dafür sind die Neuroleptika aber nicht gedacht.

Dass die Situation in der Schweiz ähnlich sein könnte, glaubt Walitza nicht: «Es mag in der Schweiz das eine oder andere schwarze Schaf geben, aber solche Fehlverordnungen gibt es bei uns sicher nicht.» Auch Oskar Jenni, Leiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, glaubt nicht daran. Die Kinderärzte hätten zu grossen Respekt vor Neuroleptika. «Das ist ganz anders als bei Ritalin und ähnlichen Stimulanzien, die grosszügiger verschrieben werden», so Jenni.

Auch wenn Neuroleptika starke Nebenwirkungen hervorrufen können: Für die Behandlung von schweren Psychosen gibt es bei Kindern keine Alternativen. Dank ihnen könnten betroffene Kinder und Jugendliche laut Walitza normal leben.

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