Selbstverletzung: «Ritzen gilt bei einigen Teenagern als cool»
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Selbstverletzung«Ritzen gilt bei einigen Teenagern als cool»

In Avenches VD haben mehrere Jugendliche derselben Schule ihre Arme mit Schnitten verletzt. Auch in der Deutschschweiz scheint Ritzen zum Trend zu werden.

von
Camille Kündig
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Eine 12-Jährige aus Avenches VD hat sich diese Verletzungen zugefügt. Laut ihrer Mutter ging es um Gruppendruck.

Eine 12-Jährige aus Avenches VD hat sich diese Verletzungen zugefügt. Laut ihrer Mutter ging es um Gruppendruck.

Leser-Reporter
Sie ist gemäss Psychologen nicht die einzige. «Früher war das Ritzen etwas Beschämendes, heute gilt es in gewissen Kreisen als cool», sagt Allan Guggenbühl.

Sie ist gemäss Psychologen nicht die einzige. «Früher war das Ritzen etwas Beschämendes, heute gilt es in gewissen Kreisen als cool», sagt Allan Guggenbühl.

DPA picture alliance/Robert Schlesinger

Marie*, Mutter einer 12-Jährigen, hatte bereits gehört, einige Jugendliche würden sich in der Schule ihrer Tochter die Arme ritzen. An einem warmen Sommertag wollte ihre Tochter dann nicht mit ins Schwimmbad. «Da habe ich verstanden, dass auch sie dem Gruppendruck nachgegeben und sich geritzt hatte», sagt sie zu 20 minutes.

Eine Mutter aus Zürich berichtet Ähnliches über ihre 15-jährige Tochter, die sich ebenfalls ein- oder zweimal geritzt habe. «Sie hat mir ihre Arme gezeigt und erklärt, sie habe sich schlecht gefühlt und sich spüren müssen.» Sie habe aber auch erzählt, dass andere das auch machten. «Ich kenne meine Tochter. Ich habe eher den Eindruck, Ritzen ist gerade Trend unter den Jugendlichen, sie schien fast stolz darauf zu sein.»

«Die Reaktion des Umfelds ist wichtig»

Psychologe Allan Guggenbühl bestätigt diesen Eindruck: «Früher war das Ritzen etwas Beschämendes, heute gilt es in gewissen Kreisen als cool.» Die Jugendlichen würden sich dadurch von den Erwachsenen abgrenzen, gleichzeitig würden sie sich zu einem Kollegenkreis zugehörig fühlen. Das sei vor allem eine Form von Provokation. Guggenbühl sieht darin aber auch eine Gefahr: «Das Ritzen wegen tiefer psychischer Problemen könnte so verharmlost werden.»

Wichtig sei, wie die Umgebung auf das Ritzen reagiere, erklärt Guggenbühl. «Wenn es im Umfeld beschämende und verurteilende Reaktionen gibt, wird es dem Jugendlichen eher peinlich sein. Kommen ihm dagegen Aufmerksamkeit und Mitleid entgegen, könnte das die gewünschte Reaktion sein.»

«Selbstverletzung heisst nicht Wunsch nach Selbstmord»

«Das Nachahmen solcher Praktiken gab es vereinzelt schon früher», sagt Christine Kutschal, Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Inselspitals Bern. Heute, im multimedialen Zeitalter, finde es eine deutlich weitere Verbreitung. Vor allem, wenn beispielsweise Youtube-Stars erzählten, dass es bei Anspannungen helfe, gebe es Nachahmer. «In Jugendkulturen wie zum Beispiel bei den Emos gehört es dazu, sich selbst zu verletzen, also ritzt man sich, weil man etwas Besonderes sein möchte und dazugehören will.»

Als Eltern solle man nicht überreagieren, sagt Kutschal. Jugendliche wollten kontroverse Sachen ausprobieren und seien bestrebt, mit ihrem Verhalten zu Gleichaltrigen dazuzugehören. «Selbstverletzungen sind ausserdem nicht mit Selbstmordabsichten gleichzusetzen.»

«Man sollte das Gespräch suchen»

Wichtig sei, das Gespräch zu suchen. Wenn die Tochter oder der Sohn erzähle, dem Klassenkameraden habe Ritzen auch bei Liebeskummer geholfen, solle man mit dem Teenager nach anderen Lösungswegen suchen. «Wenn aber ein tiefes geistiges Leiden dahintersteckt, ist es wichtig, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.»

*Name der Redaktion bekannt

Laut Frau Christine Kutschal, Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Inselspitals Bern, merke man in den meisten Fällen, ob tiefe psychische Probleme hinter dem Ritzen stecken. Dann seien die Wunden häufig tiefer und oft auch an nicht sofort sichtbaren Stellen. «In solchen Fällen ist es wichtig, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.» Wenn eine Schule bemerkt, dass sich mehrere ihrer Schüler selbst verletzen, müsse ein Schulpsychologe eingeschalten werden und das Gespräch mit den Betroffenen suchen, denn «Ritzen ist weder eine empfehlenswerte Art zur Problemlösung noch ein besonderer Coolness-Faktor», sagt Kutschal.

Laut Frau Christine Kutschal, Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Inselspitals Bern, merke man in den meisten Fällen, ob tiefe psychische Probleme hinter dem Ritzen stecken. Dann seien die Wunden häufig tiefer und oft auch an nicht sofort sichtbaren Stellen. «In solchen Fällen ist es wichtig, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.» Wenn eine Schule bemerkt, dass sich mehrere ihrer Schüler selbst verletzen, müsse ein Schulpsychologe eingeschalten werden und das Gespräch mit den Betroffenen suchen, denn «Ritzen ist weder eine empfehlenswerte Art zur Problemlösung noch ein besonderer Coolness-Faktor», sagt Kutschal.

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