Aktualisiert 12.02.2020 19:28

RekrutenschuleRobert Lüssi macht mit 62 noch einmal die RS

Vor 40 Jahren machte Robert Lüssi (62) seine RS. Jetzt absolviert er sie erneut, um einen Vergleich zu ziehen und Verbesserungsvorschläge abzugeben.

von
D. Krähenbühl

Robert Lüssi erzählt im Video von seinen Erfahrungen als Rekrut. Die Verpflegung sei jedenfalls viel besser als früher: «Es gab sogar Döner!»

Das dunkelblaue Auto rollt näher, als Rekrut Lüssi die Hand ausstreckt und zum Stopp auffordert. «Halt, Schweizer Militär», ruft der 62-Jährige laut. Unter den wachsamen Augen seines Vorgesetzten kontrolliert er mit seinen RS-Kollegen den Lenker und das Innere des Wagens. Das will geübt sein. «Lüssi, noch mal!», bellt der Wachtmeister. Als Milizoberst ausser Dienst ist sich der 62-jährige Robert Lüssi eigentlich daran gewöhnt, selber Befehle geben zu können. Doch in dieser RS ist alles anders.

Lüssi absolvierte seine eigene Rekrutenschule im Sommer 1976 in der Fliegerkaserne in Payerne. Vor sechs Wochen trat er dort erneut in die RS ein. «Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was sich in den letzten 40 Jahren verändert hat – im Guten wie auch im Schlechten.» Am Ende der Feldstudie in der RS wird er dem Korpskommandant Aldo Schellenberg einen Bericht mit Verbesserungsvorschlägen bei Organisation, Führung, Ausbildung, Infrastruktur und Material abgeben.

Lüssi auf seinem Luftbeobachterposten (1976)

Keine Sonderbehandlung

Auf die RS hat sich der in Winterthur aufgewachsene Pensionär gut vorbereitet – drei Monate im Fitness machten ihn bereit. «Mit den Jungen kann ich trotzdem nicht mithalten, aber einige Kilos habe ich abgenommen», sagt Lüssi nicht ohne Stolz. Sonderbehandlungen gebe es für ihn trotz seiner speziellen Funktion aber nicht, betont Lüssi. «Ich gehöre zur Truppe, übernachte in der gleichen Unterkunft und erhalte die gleiche Verpflegung.» Erwerbsersatz oder Sold erhalte er nicht.

Zu Beginn hätten einige Rekruten noch Vorbehalte bezüglich des Altersunterschieds und seinem Grad als Oberst gehabt. Die seien spätestens in der ersten Woche verflogen, als er zusammengestaucht wurde, weil er gedankenversunken ins Handy gestarrt und darum einen Befehl überhört hatte. «Die sagten sich: Er ist einer von uns.»

Das Abtreten in den Urlaub (1976). Lüssi ist hinter dem Rekruten mit der Brille zu sehen.

«Letzte Erziehungsphase»

Neugierige Blicke und Verwechslungen gebe es trotzdem immer wieder, steche er doch aus der Masse heraus wie ein bunter Hund. «Am ersten Wochenende im Zug nach Hause wurde ich von Rekruten einer anderen Kompanie gefragt, ob ich nicht meine Gradabzeichen verloren hätte», sagt Lüssi lachend.

Einen ersten Vergleich zu den insgesamt fünf Rekrutenschulen, die er im Laufe seiner Offizierslaufbahn miterlebt hat, konnte Lüssi schon ziehen. «Es ist noch immer so, dass die RS die letzte grössere Erziehungsphase des Lebens ist. Wer es hier nicht lernt, lernt es nimmermehr.» Als Erstes sei ihm aufgefallen, dass der Haarschnitt der Rekruten kein Thema mehr sei. «Zu meiner Zeit wurde vor dem Abtreten teils sogar ein Coiffeur aufgeboten, der alles zurechtstutzte.»

Lüssi am Bass in der RS-Band Payerne (1976)

Lese- und Schreibschwächen

Positiv wertet Lüssi unter anderem die Digitalisierung: «Früher gab es jeden Abend eine Schlange vor der Telefonkabine, und nur mit viel Glück konnte man mit der Freundin oder den Eltern sprechen.» Heute gebe es in jeder RS einen Gruppenchat. Von den jungen Männern und Frauen spricht er in den höchsten Tönen: «Disziplin, Kameradschaft und Hilfsbereitschaft werden noch immer grossgeschrieben – egal welcher Hautfarbe oder Religion jemand angehört.»

Auch das Essen oder der Zwipf, die Zwischenverpflegung, sei um Klassen besser als früher, obwohl inflationsbereinigt nicht mehr dafür ausgegeben wird: «Viele zivile Kantinen könnten sich vom Militär buchstäblich eine Scheibe abschneiden.» Und auch bei den Materialien und Unterkünften habe die Armee deutlich zulegen können.

Doch Lüssi übt auch Kritik. So sei in der Kaserne der Sanitätsdienst wegen der Grippewelle oft überlastet gewesen, die Winter-Handschuhe der Armee hätten nichts getaugt und die Kenntnis der Landessprachen bei den Rekruten sei früher deutlich besser gewesen. Viele legten ausserdem massive Lese- und Schreibschwächen an den Tag. Lüssi lächelt: «Und Krawatten binden kann heute auch fast niemand mehr.»

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