Aegerter und Lüthi: Rockstar gegen Bauernbub
Aktualisiert

Aegerter und LüthiRockstar gegen Bauernbub

Für Dominique Aegerter (20) beginnt durch den Aufstieg in die Klasse «Moto2» eine ganz neue Karriere: Jetzt ist sein Idol Tom Lüthi (23) sein Gegner.

von
Klaus Zaugg
Katar
Dominique Aegerter: Wann findet er sich in der neuen Moto2-Klass zurecht?

Dominique Aegerter: Wann findet er sich in der neuen Moto2-Klass zurecht?

Aus dem scheuen Buben, der im Herbst 2006 heimlich, still und leise in Begleitung seiner Mutter in Estoril (Portugal) seinen ersten GP in der 125er-Klasse bestritten hat, ist ein kecker junger Mann geworden. Mit den langen blonden Haaren und einem erfrischenden Selbstvertrauen erinnert er an einen Rockstar und Ur-Rohrbacher. Der Garagistensohn stammt aus Rohrbach im Oberaargau, rund zehn Kilometer talaufwärts von Langenthal. Der Sage nach sind einst alle aufmüpfigen Elemente aus dem benachbarten Städtchen Huttwil nach Rohrbach abgeschoben worden. Deshalb seien die Bewohner des 1500-Seelen-Dorfes heute noch in ihrem Wesen und Wirken wilder und rebellischer als ein Durchschnittsschweizer und wenn von Rohrbach die Rede ist, sagen die Alten heute noch: «Z'Rohrbach bim Donner.»

So gesehen ist Aegerter ein echter Rohrbacher. Er gehört zu den Geheimtipps in der neuen Viertakterklasse Moto2. Zwar klassierte er sich bei den letzten Tests im andalusischen Jerez nur auf Rang 22. Aber der Rückstand auf die Bestzeit betrug weniger als zwei Sekunden, die Differenz zu Tom Lüthi und den japanischen Teamkollegen Shoya Tomizawa (20) weniger als eine Sekunde.

Lüthi: Vom Vorbild zum Gegner

Tom Lüthi, der Bauernbub aus Linden im Emmental, wird in dieser Saison zum ersten Mal in seiner GP-Karriere von einem Schweizer herausgefordert. Aegerter tritt mit gleichwertigem Material gegen Lüthi an. «Das ist schon etwas speziell. Tom war mein Vorbild und jetzt ist er auf einmal mein Gegner ...»

Die Rivalität ist eine rein sportliche. Die beiden schnellen Berner verstehen sich gut. Dabei sind sie durchaus verschieden: Lüthi ist ein feiner Stilist. Talentierter und im Rennen cool und kontrolliert. Aegerter eher ein Haudegen, ein aggressives «Renntier». Lüthis Sorge, er könnte zum ersten Mal in seiner Karriere von einem Schweizer auf WM-Niveau besiegt werden, hält sich in Grenzen. Auf die Frage, ob es denn sein könnte, dass er 2010 einmal hinter Aegerter über die Ziellinie fährt, antwortet er gewitzt: «Ja. Aber es wäre ganz sicher das einzige Mal ...»

Rennintelligenz, Mut und fahrerische Künste werden entscheiden

Die neue Klasse Moto2 kommt Aegerter entgegen. Anders als bei den 125ern spielt es keine Rolle, dass er ein paar Kilo schwerer (kräftiger) ist als seine Konkurrenten. Motorisiert sind alle Maschinen gleich. Honda liefert die 600er-Einheitsmotoren mit rund 135 PS und zuverlässig wie die Aggregate einer Notstromgruppe. Der einzige technische Unterschied zwischen Lüthi und Aegerter: Lüthi setzt ein Moriwaki-Fahrwerk ein, Aegerter vertraut auf das Fabrikat des Schweizers Eskil Suter.

Rennintelligenz, Mut und fahrerische Künste werden entscheiden. Und nicht die Technik. Aegerters Problem, das (noch) absolute Spitzenzeiten verhindert: Dunlop liefert Einheitsreifen. Bei den Tests hat sich gezeigt: Die Gummis halten bei aggressivem Fahrstil keine Renndistanz. «Das kann für mich ein Problem werden», hat Aegerter erkannt. «Ich bin daran, meinen Stil anzupassen. Ich muss nach den Kurven schneller wieder aufrichten und ich darf nicht zu lange in Schräglage beschleunigen. Sonst nützen sich die Reifen zu schnell ab.» Dieses Driften ist ein Erbe seiner Motocross-Vergangenheit.

Aegerter braucht wohl längere Angewöhnungszeit

Damit zeichnet sich ab: Aegerter wird eine längere Angewöhnungszeit an die neue Klasse brauchen als Lüthi. Er dürfte Form und Sicherheit nach fünf, sechs Rennen finden - und dann ist er zwar nicht im Dauerwettbewerb WM, wohl aber in einzelnen Rennen tatsächlich ein heisser Gegner für Lüthi.

Abgesehen von möglichen Problemen mit den Reifen sind die Voraussetzungen für den Rohrbacher optimal: Das Team (Technomag CIP) wird erneut vom Waadtländer Unternehmer Olivier Métraux finanziert (sein Vater Michel war die zentrale Figur in der Karriere von Jacques Cornu). Baron Leo de Graffenried, Sohn des legendären Formel-1-Piloten Toulon de Graffenried, kümmert sich ums Management. Töff und Technik sind also bezahlt. Aber gratis ist die Saison 2010 für Aegerter trotzdem nicht: Die Reisen in Europa muss er nach wie vor selber finanzieren und auf ein der Gefahr und der Leistung angemessenes Salär muss er nach wie vor verzichten.

Das ist die neue Moto2-WM

2010 ist eine völlig neue Töff-WM-Klasse geschaffen worden: Moto2. Als Ersatz für die 250er-WM. Die Besonderheit: Moto2 ist eine kostengünstige Viertakterserie mit Honda-Einheitsmotoren (600 ccm) und Einheitsreifen (Dunlop). Verschieden sind nur die Chassis. Im Grunde ist es die «Königsklasse des armen Mannes» mit einer Technik, die pro Saison, alles eingerechnet, nicht mehr als 600 000 Franken kostet. Dies führt zu einer «Kernschmelze»: Zu einer Kategorie, in der sich die besten Talente aus allen Ländern und Klasse sofort zu recht finden. Die wichtigsten Landesmeisterschaften werden weltweit mehr und mehr nur noch in Viertakterserien ausgefahren und der Einstieg in den GP-Zirkus ist für diese Talente extrem schwierig geworden: Sie mussten auf Zweitakter (125er- oder 250er-WM umsteigen und vor allem die Nordamerikaner waren im Nachteil weil nur noch in Europa Zweitakter-Landesmeisterschaften haben (125 ccm) ausgefahren werden.

Damit ist Moto2 eine spektakuläre Rennserie mit weltweiter Präsenz entstanden: Die 40 Fahrer kommen aus 18 verschiedenen Ländern, in den ersten elf der letzten Tests vor der Saison sind zehn verschiedene Nationalitäten vertreten. Erstmals gibt es eine Rennklasse mit Piloten aus allen Kulturkreisen und Kontinenten: Amerikaner, Thailänder, Russen, Südamerikaner, Araber und, natürlich, Europäer. Das hat es noch nie gegeben. Neben Tom Lüthi fährt mit Dominique Aegerter ein zweiter Schweizer um die Moto2-WM.

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