Kreditkrise: Römische Armee gegen die Credit Suisse

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KreditkriseRömische Armee gegen die Credit Suisse

Mit Kerzen und Transparenten haben Kleinsparer gegen die Credit Suisse demonstriert, die ihnen Lehman-Brothers-Optionen angedreht hat und ihr Vermögen vernichtet hat. Die Wut ist gross, die Scham auch.

von
Joel Bedetti

Es sind nicht gerade jene Leute, die sonst gegen Grossbanken aufbegehren, die sich heute morgen auf dem Paradeplatz versammelt haben. Rentner in grauer Winterkleidung, gutbürgerlich wirkende Mittelständler mit Lederstiefeln und teuren Broschen. Doch wie Gewerkschafter halten sie Transparente in den Händen. In roter Schrift sind Parolen wie «100 Prozent Verlust» auf die Leintücher geschrieben.

Die Demonstranten, es mögen über Hundert sein, skandieren nicht lauthals, wie es Jungsozialisten zu pflegen tun, wenn sie die Gier der Banken anprangern. Sie haben sich für die stille Form des Protests entschieden. Mit Kerzen. 1700 Stück stehen auf dem Vorplatz des CS-Hauptsitzes am Paradeplatz, sie sind angeordnet in Vierecken, fast sehen sie aus wie römische Kohorten, die sich zum Angriff formieren.

Ein paar Leute bücken sich über die Kerzenarmee und fahren mit ihren Feuerzeugen darüber, bis alle Lichter brennen. Sie gehören zur Anleger Selbsthilfe, eine von drei Gruppen, die sich hierzulande gefunden haben, um gegen die Credit Suisse zu protestieren und ihrem Ärger Luft zu machen. Sie alle fühlen sich verschaukelt und betrogen.

Aufdringlich Anrufe

Sie seien gar nicht auf eine Rendite ausgewesen, Gier sei ihnen fremd. Sie hätten nur ihr Geld sicher anlegen wollen. Der Bankberater habe sie angerufen, mehrmals, auch zu Hause, auf dem Natel, habe sie aufdringlich überzeugt, in Optionen der US-Bank Lehman-Brothers zu investieren. Einmalige Gelegenheit, toller Zins. 100 Prozent kapitalgeschützt sei die Anlage, wurde ihnen zigmal gesagt und auf einer CS-Broschüre schwarz auf weiss gedruckt.

Das Kleingedruckte haben die Anleger aber nicht gelesen. Und hätten sie es gelesen, hätten sie es womöglich kaum verstanden. Und als Lehman-Brothers pleite ging und die schwerste Finanzkrise seit 1929 einläutete, da mussten sie merken: Die CS zahlt nichts zurück. Nur sogenannte Härtefälle entschädigt sie, solche die besonders viel verloren haben oder durch den Verlust in eine Notlage geraten.

Doch die meisten Leute, die sich heute Morgen in einem schimpfenden, murmelnden und fragenden Pulk auf dem Paradeplatz getummelt haben, sind keine Härtefälle. Sie haben einfach Geld verloren, 20 000 Franken, 60 000 Franken. Die Reserve, das Geld, um der Tochter die Ausbildung zu zahlen, oder einfach, wie ein älterer Menn meint, das «sauer verdiente Geld», um sich mal etwas Schönes zu leisten.

Angst, ausgelacht zu werden

Die meisten wollen nicht mit ihrem Namen genannt werden. Es ist ihnen peinlich, Geld verloren zu haben. Eine ältere Italienerin, die sich die Pensionskasse auszahlen und sich zu Lehman-Brothers-Optionen überreden hat lassen, meint: «Schreiben sie nicht, wo ich arbeite. Meine Arbeitskolleginnen würden mich auslachen.» Grösser als die Wut ist nur die Scham.

Nicht bei Gabriela Fischer, Sprecherin der Anleger Selbsthilfe: Die CS habe ihre Kunden falsch informiert und solle die Verluste zu voll entschädigen. Bis dahin boykottiere man die Credit Suisse.

Hinter der Menschensammlung um das Kerzenmeer ragt der Haupteingang des altehrwürdigen CS-Hauses hervor. Ab und an verlassen Banker das Gebäude, gucken zuerst vorsichtig um die Ecke und stehlen sich dann davon. Sie müssen noch die letzten Weihnachtsgeschenke einkaufen.

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