Aktualisiert 24.08.2008 09:39

«Peking direkt» mit Klaus ZauggRöthlin hat den Mount Everest bezwungen

Viktor Röthlins Leistung im olympischen Marathon war spitzenmässig - davon ist 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg überzeugt. Und: Das «Modell Röthlin» ist für den Schweizer Sport wegweisend.

«White men cant jump» - dieses Vorurteil, das soviel heisst wie «Weisse Männer können nicht springen», stammt eigentlich aus der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA. Doch Inzwischen springen sogar Deutsche in derselben Liga zu Dollarmillionen. Superstar Dirk Nowitzki ist dafür wohl das beste Beispiel

Genauso wie Weisse nicht springen können sollen, liesse sich auch behaupten: «Swiss men can't run the olympic marathon» - also «Schweizer Männer können den olympischen Marathon nicht laufen.» Besser als auf Platz 22 war im grossen olympischen Sportdrama noch nie ein Eidgenosse klassiert. Und dieses Resultat stammt noch aus der Zeit, als die Bilder im Fernsehen laufen lernten. Der Mann hiess Schiesser und rannte 1948 in London als 22. durchs Ziel (in 2:52,09).

Aber: Damals waren noch keine Afrikaner dabei und nur 40 Läufer am Start. Hier in Peking traten deren 98 zum grossen olympischen Wettlauf an. Oder anders gesagt: Röthlin wäre in der Sportwelt von 1948 mit Sicherheit Olympiasieger geworden.

Immense Anforderungen

Sein sechster Platz und das olympische Diplom sind gleich hoch zu bewerten wie Fabian Cancellaras Goldmedaille im Einzelzeitfahren. Die angekündigte Auszeichnung auch herauszufahren (was er in grandioser Art und Weise getan hat) war für den Berner Radprofi vergleichsweise vielleicht eine Besteigung des Kilimandscharo (5892 Meter). Ein olympisches Diplom im Marathon stellt hingegen an Planung und Ausführung noch höhere Anforderungen.

Ein solches ist wie die Besteigung des Mount Everest (8846 Meter) - und auf diesem Mount Everest war noch kein Schweizer. Röthlins Expedition hat schon vor acht Jahren begonnen. Er war 2000 in Sydney (36.) dabei und 2004 in Athen musste er aufgeben. Nun ist er hier in Peking auf dem Gipfel angekommen. Als einziger Schweizer hat ist er dreimal zum Olympia-Marathon angetreten, als einziger Schweizer hat er in der Königsdisziplin ein olympisches Diplom geholt.

Allen Weissen den Meister gezeigt

Röthlin wurde bester «Nicht-Afrikaner», bester weisser Mann im olympischen Marathon von Peking - vor allen Europäern, Australiern, Amerikanern und Asiaten. Diese Leistung kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Und sie zeigt noch etwas: Für Schweizer ist im Sport - wie schon Roger Federer und Fabian Cancellara bewiesen haben - erst der Himmel die Limite. In unserem Land hat ein Sportler alles, was er braucht um an die Weltspitze zu kommen: Sportmedizin, Trainingsmöglichkeiten, Spezialisten auf allen möglichen Gebieten. Wer die richtige Kombination von Talent und Persönlichkeit hat, kann die Sportwelt erobern.

Viktor Röthlin ist der Schweizer Modellathlet des 21. Jahrhunderts. Er nützt Verbandsstrukturen, ist aber auf diese nicht mehr existenziell angewiesen. Er positioniert sich als Einzelunternehmer im internationalen Sport-Business, indem er sich selbst, sein Wissen und seine Erfahrungen erfolgreich vermarktet.

Das «Modell Röthlin» ist für unseren Sport wegweisend.

Klaus Zaugg, Peking

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