Aktualisiert 14.11.2019 15:10

Severin Lüthi (44) «Roger ist der positivste Mensch, den ich kenne»

Er begleitet Roger Federer seit Jahren als Coach und Freund. Mit uns redet Severin über mentale Stärke, Niederlagen und Rogers Vorlieben.

von
Geraldine Schläpfer
14.11.2019
Roger Federer und sein Coach Severin Lüthi in Wimbledon 2019.

Roger Federer und sein Coach Severin Lüthi in Wimbledon 2019.

Keystone/Peter Klaunzer
Der Coach begleitet Roger seit vielen Jahren und ist mittlerweile ein enger Freund der Familie.

Der Coach begleitet Roger seit vielen Jahren und ist mittlerweile ein enger Freund der Familie.

Keystone/Alexandra wey
Severin Lüthi (r.) war selber Tennisprofi, bevor er seine Karriere als Trainer einschlug.

Severin Lüthi (r.) war selber Tennisprofi, bevor er seine Karriere als Trainer einschlug.

Keystone/Peter Klaunzer

Severin, was rätst du als Mental-Coach Leuten, die aus dem Gleichgewicht geraten sind?

Ich finde, man muss immer zuerst von sich ausgehen. Frage dich: Was kann ich ändern? Übernimm Selbstverantwortung für dein Leben. Klar, es gibt schwere Schicksalsschläge und auch psychische Erkrankungen. Aber wenn du mit einer Komponente aus deinem Alltag nicht zufrieden bist oder mit dir selber, dann pack es an und fokussiere dich auf Lösungen statt Probleme.

Du bist Davis-Cup-Captain. Siehst du Unterschiede in der mentalen Stärke von jüngeren und älteren Menschen?

Früher haben wir beim Davis Cup zwischen den Trainings zusammen gejasst oder einfach am Tisch über den Tag geredet. Heute sind Nachwuchsspieler oft am Handy und dadurch mehr für sich. Auch die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer bei den Jüngeren. Früher war man mal müde oder auch ausgebrannt, heute suchen die Jüngeren einen Ausdruck führ ihr Befinden oder eine Diagnose. Klar, das ist natürlich sehr allgemein formuliert, aber diese Tendenz gibt es schon.

Wie komme ich selber wieder zu Motivation, wenn ich länger keinen Sport gemacht habe?

Wer aus der Routine fällt, denkt sich: Jetzt habe ich zwei Wochen keinen Sport gemacht, da kommt es auf eine dritte auch nicht mehr an. Ich ertappe mich da manchmal selber dabei. Der Wiedereinstieg ist immer das Schwierigste. Nimm dir deshalb ein kleines Ziel, das kann auch heissen, ins Gym zu gehen und nur eine Übung zu machen. Das zweite Mal wird dir viel leichter fallen, die Freude kommt zurück und so steigerst du dich langsam wieder.

Wie schafft Roger Federer es, nach über 1500 Matches und 20 Jahren auf der Tour immer noch motiviert zu sein?

Roger ist unglaublich bodenständig und ist sehr dankbar, dass er seiner Leidenschaft bis heute nachgehen darf. Wenn er spielen darf, ist er wie ein kleines Kind, voller Freude, selbst bei Routineübungen im Training. Auch da findet er immer neue Wege, um Spass zu haben und seine Spielfreude zu zeigen.

Wie richtest du ihn nach einer Niederlage wieder auf?

Roger ist der positivste Mensch, den ich kenne. Er sieht auch nach einem verlorenen Match das Gute und baut sich selber wieder auf. 2009 sagte er nach einer Niederlage zu mir: «Severin, du bist ja enttäuschter als ich, wenn ich verliere» (lacht.) Mir geht es teils sehr nahe.

Im Sport spielt die Ernährung eine immer wichtigere Rolle. Achtet auch Roger heute stärker auf seinen Speiseplan als früher?

Er isst sehr ausgewogen und gesund, erlaubt sich aber alles. Wenn er Lust auf Sushi hat, dann gibt es Sushi. Jeder Spieler ist anders, Novak Djokovic ernährt sich beispielsweise komplett vegan und sagt, dass ihn dies nochmals fitter gemacht und seine Leistung gesteigert hat.

Wie hältst du dich selber fit?

Ich spiele nicht mehr so viel Tennis wie früher, gehe dafür vermehrt laufen und wenn ich daheim in Thun bin, spiele ich am Montagabend Fussball mit meinen Freunden. Darauf freue ich mich immer, es fühlt sich überhaupt nicht wie Sport an — auch wenn ich danach manchmal kaum mehr laufen kann.

Severin «Seve» Lüthi

Seit über zehn Jahren begleitet er Roger Federer als Coach und Freund von Erfolg zu Erfolg, gewann 2014 als Teamcaptain den Davis Cup für die Schweiz und wurde 2017 zum Schweizer Trainer des Jahres gekürt:. Wir trafen ihn anlässlich des Launch-Events vom Adez-Reisdrink in Zürich, bevor er nach London reiste.

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