Journalismus: Roger Köppels «Weltwoche» für Abdruck von Lawrow-Rede in der Kritik

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JournalismusRoger Köppels «Weltwoche» für Abdruck von Lawrow-Rede in der Kritik

Die «Weltwoche» druckte die Rede des russischen Aussenministers bei der UNO-Vollversammlung kommentarlos ab. Das wird scharf kritisiert. Einordnung ist laut einem Experten die wichtigste Leistung von Journalisten.

von
Daniel Graf
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Der russische Aussenminister Sergei Lawrow hielt am 24. September während einer Pressekonferenz am Rande der 77. Generalversammlung der Vereinigten Nationen in New York City eine Rede.  

Der russische Aussenminister Sergei Lawrow hielt am 24. September während einer Pressekonferenz am Rande der 77. Generalversammlung der Vereinigten Nationen in New York City eine Rede.  

via REUTERS
Diese sorgte für Wirbel. Lawrow verliess den Saal direkt im Anschluss, Dialog war nicht möglich. 

Diese sorgte für Wirbel. Lawrow verliess den Saal direkt im Anschluss, Dialog war nicht möglich. 

via REUTERS
Am selben Tag veröffentlichte die «Weltwoche» von SVP-Nationalrat und Verleger Roger Köppel die Reden von Lawrow und Joe Biden in ganzer Länge und Übersetzung. 

Am selben Tag veröffentlichte die «Weltwoche» von SVP-Nationalrat und Verleger Roger Köppel die Reden von Lawrow und Joe Biden in ganzer Länge und Übersetzung. 

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

«Wir haben keinen Zweifel daran, dass sich die Ukraine endgültig in einen totalitären Staat im Nazi-Stil verwandelt hat.» (...) «Die Vereinigten Staaten haben ihre Politik auf Selenski basierend auf dem berüchtigten amerikanischen Prinzip aufgebaut: ‹Sicher, er ist ein H****sohn, aber er ist unser H****sohn.›» Diese Auszüge aus der Rede des russischen Aussenministers Sergei Lawrow von letztem Samstag stammen von der Webseite der «Weltwoche». Das Magazin von SVP-Nationalrat und Verleger Roger Köppel hat sie übersetzt und unkommentiert veröffentlicht.

«Skandalöser Tiefpunkt»

Für Fabian Eberhard, Recherche-Chef bei der «Blick»-Gruppe, ist das der «skandalöse Tiefpunkt» der «Weltwoche»: «18’000 Zeichen Propaganda – fein säuberlich übersetzt. In den Desinformations-Kanälen auf Telegram wird der Link bereits hundertfach geteilt. Die Weltwoche als Brandstifterin», schreibt Eberhard. Dass Köppel am selben Tag die Rede von Joe Biden ebenfalls in voller Länge und unkommentiert abgedruckt hat, reicht für Eberhard als Rechtfertigung nicht.

In seinem Ursprungs-Post auf Twitter unterstellt Eberhard Köppel indirekt, Geld für die Publikation erhalten zu haben. Er schreibt: «Es stellt sich tatsächlich die Frage: Fliesst hier Geld?»

Medienwissenschaftler: «Heikles Thema»

Daniel Vogler ist Medienwissenschaftler am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich. Er sagt: «Das Thema ist heikel. Einerseits ist es aus journalistischer Sicht schwierig, Mutmassungen über etwas anzustellen, über das man nicht eindeutig Bescheid weiss. Insbesondere dann, wenn der Vorwurf mitschwingt, jemand habe sich an etwas Verwerflichem bereichert.»

Auf der anderen Seite sei die Kritik nicht völlig haltlos. «Sachverhalte einzuordnen, ist eine der wichtigsten journalistischen Leistungen. Im vorliegenden Fall ist zwar die Ausgeglichenheit gegeben, weil die Rede von Joe Biden ebenfalls abgedruckt worden ist. Trotzdem wäre es gerade bei einer so heiklen und kontroversen Rede besonders wichtig gewesen, eine zusätzliche Einordnung abzugeben.»

Roger Köppel und Fabian Eberhard wollten sich gegenüber 20 Minuten nicht näher zum Thema äussern.

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