Schütze von Rehetobel AR: «Roger S. war eine tickende Bombe»
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Schütze von Rehetobel AR«Roger S. war eine tickende Bombe»

Roger S., der Schütze von Rehetobel, sei ein Meister der Täuschung gewesen. Das sagt der Ex-Direktor des Massnahmenzentrums, in dem der 33-Jährige einsass.

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20M

Hier lebte der Schütze Roger S. (Video: luh/gts)

Renato Rossi, Ex-Direktor des Massnahmenzentrums Arxhof in Niederdorf BL, hatte mehrere Jahre lang mit dem Schützen von Rehetobel gearbeitet. Roger S. sass von 2004 bis 2009 seine Strafe im Massnahmenzentrum ab. Gegenüber Radio Energy beschreibt Rossi ihn als «tickende Bombe».

«Seine Welt war eine kleine Welt, in der Ausländer keinen Platz haben. Er hatte Fantasien von Metzeleien und Schiessereien», so Rossi. Zudem sei er manipulativ und ein Meister der Täuschung gewesen. «Er kooperiert, ist angepasst, das Misstrauen ihm gegenüber wird kleiner. Und plötzlich schlägt er zu.» Auch die verwundeten Polizisten seien möglicherweise in diese Falle getappt, mutmasst er im Radio-Bericht.

Roger S. soll zudem quasi süchtig nach Waffen gewesen sein. «Man kann fast schon von einer Liebesbeziehung sprechen», so Rossi. Die Behörden seien genau über die Risiken informiert worden. «Das ist das Risiko, mit welchem wir leben müssen, dass solche Menschen rückfällig werden. Sie sind tickende Bomben in unserer Gesellschaft», so Rossi.

«Er hatte nie viel Besuch»

Roger S. schoss am Dienstag bei einer Hausdurchsuchung zwei Polizisten an. Danach verschanzte er sich und richtete sich nach stundenlangen Verhandlungen selbst. Nachbarn beschreiben ihn als korrekt und anständig. Er sei nie negativ aufgefallen oder habe gestört. S. habe seit zwei Jahren neben ihm gewohnt – alleine, so ein Nachbar. «Er hatte nie viel Besuch und war auch nicht derjenige, der etwa auswärts einkehrte.» S. sei eher ein Einzelgänger gewesen.

Laut einem Bekannten ist es schade, dass nun so ein negatives Bild von S. gemacht werde: «Eigentlich war er ein ganz Toller», sagt der Mann.

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Trotz schwerer Verletzungen haben sich die beiden Polizisten wieder erholt.

Trotz schwerer Verletzungen haben sich die beiden Polizisten wieder erholt.

gts / 20 Minuten
Noch seien sie nicht bei hundert Prozent, doch dies sei nur eine Frage der Zeit.

Noch seien sie nicht bei hundert Prozent, doch dies sei nur eine Frage der Zeit.

Keystone/Gian Ehrenzeller
Die Rehabilitation ist immer noch in Gange.

Die Rehabilitation ist immer noch in Gange.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Die Nachbarn kannten S. Vorgeschichte. «Wir dachten, er sei therapiert und erwachsen geworden und habe das hinter sich gelassen.» Man habe sich deshalb nicht weiter darum gekümmert. S. war vorbestraft. An Ostern 2003 war er mit einer Schrotflinte auf zwei Männer losgegangen. Im Jahr zuvor hatte er ein damals 14-jähriges Mädchen kennen gelernt und ging mit ihr eine sexuelle Beziehung ein, wie der «Blick» schreibt. Als sie sich trennen wollte, bedrohte Roger S. die Familie seiner Ex und deren neuen Freund.

In der Nacht auf Ostermontag brannten ihm die Sicherungen durch: Er lauerte beiden Brüdern auf und verletzte sie mit Schüssen aus einer Schrotflinte. Für die Tat sass der 33-Jährige bis 2009 im Massnahmenzentrum Arxhof in Basel.

«Dass es so ausartet, haben wir nicht erwartet»

Damit, dass die Polizei irgendwann bei S. vorbeikommt oder ihn beobachtet, hatte der Nachbar gerechnet: «Wegen seiner Vorgeschichte wäre das nicht überraschend gewesen.» Dass die Hausdurchsuchung vom Dienstag allerdings einen derart dramatischen Verlauf nahm und Roger S. sogar auf Polizisten schoss, hätte er nie erwartet.

In die Hausdurchsuchung wurde auch ein Schuppen in Heiden miteinbezogen:

Hier kam es zur Hausdurchsuchung in Rehetobel

Die Tat macht den Nachbar sehr betroffen: «Klar beschäftigt mich das. Dass ein junger Mann so etwas tut, ist menschlich nicht nachzuvollziehen.» Auch der Rehetobler Gemeindepräsident Peter Bischoff ist betroffen, wie er im Interview mit 20 Minuten verrät:

Gemeindepräsident äussert sich

Polizisten-Solidarität auf Facebook

Der 29-jährige Polizist, der durch den Schützen S. einen Herzsteckschuss erlitt, kämpft noch immer ums Überleben. Zum Zeichen der Solidarität haben in den letzten Stunden zahlreiche Ostschweizer Polizisten ihr Profbild auf Facebook angepasst: Es zeigt ein graues Kreuz auf schwarzem Grund mit blauer Linie. «Unter Polizisten kennen die meisten dieses Symbol», erklärt Dionys Widmer, Sprecher der St. Galler Stadtpolizei, gegenüber «Blick». Auch er hat es übernommen.

Es steht für «The Thin Blue Line» und stammt ursprünglich aus Grossbritannien. Der obere schwarze Balken steht für die Bevölkerung, der untere für Kriminelle. Das blaue Band symbolisiert die Polizisten, die sich dazwischen stellen und sich täglich zwischen Leben und Tod bewegen, ihre Aufgabe zwischen Gut und Schlecht und auch als Zeichen der Ehrerbietung für Polizisten, die ihm Dienst getötet wurden.

* Name der Redaktion bekannt

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