Aktualisiert 21.05.2013 22:06

TV-ExperimentRollentausch weckt das Tier im ägyptischen Mann

Für eine ägyptische TV-Show ziehen sich Männer Frauenkleidung an, um die Reaktionen des «starken Geschlechts» zu testen. Das reagiert aber vor allem anzüglich, aufdringlich, schwach.

von
phi

Dass Frauen in Ägypten keinen leichten Stand haben, hat spätestens das Schicksal von Natasha Smith deutlich gemacht. Im Juni 2012 wollte die britische Journalistin über die erste freie Präsidentenwahl berichten, als in Kairo eine Horde Männer über sie herfiel, auszog und begrapschte. Nur mit Mühe konnte sie dem Mob entkommen. Ein Jahr zuvor war bereits ihre US-Kollegin Lara Logan ebenfalls auf dem Tahrir-Platz Opfer sexueller Übergriffe geworden. Tatsächlich sind derartige Zwischenfälle in dem nordafrikanischen Land gang und gäbe, wie eine UN-Studie zeigt: 99,3 Prozent aller Ägypterinnen sind bereits belästigt worden.

Nun hat sich der Privatsender ONTV des Themas angenommen: Für das Fernsehformat «Awal Al Kheit» wurde Schauspieler Walid Hammad geschminkt und in Frauenkleider gesteckt. Anschliessend lief der 24-Jährige durch die Strassen, während ein Kamerateam heimlich die Reaktionen der Männer filmte. Für Hammad entpuppte sich das Experiment als Spiessrutenlauf: «Ich habe begriffen, wie schwer es für Frauen ist, einfach nur auf die Strasse zu gehen. Es ist ein psychologischer und ein körperlicher Aufwand. Es scheint, als würden Frauen belagert.»

Gewalt gegen Frauen gilt als Kavaliersdelikt, doch neue Gesetze sollen Abhilfe schaffen. Quelle: YouTube/GeoBeatsNews

Reporterin Lena el-Ghadban ergänzt gegenüber der Nachrichtenagentur AP: «Wir wollen, dass die Männer fühlen, was Frauen bei Belästigungen empfinden. Wenn der Mann selbst zum Opfer sexueller Belästigung wird, fragt er sich vielleicht: ‹Was mache ich da eigentlich?›»

Ramy Aly von ONTV erklärt der «Thomson Reuters Stiftung», was die Macher der Sendung mit Hammads Auftrittt bezwecken. «Als Mann kann er einfach auf die Strasse gehen, um seinen täglichen Geschäften nachzugehen – ohne gross darüber nachzudenken, was er trägt oder wer ihn anguckt und ohne Angst, physisch oder verbal belästigt zu werden. Jemand als Frau zu verkleiden, hat vielen die Augen geöffnet. Es ist eine Übung in Empathie.»

«Trotz Kopftuch für Dirne gehalten»

Als Gründe für Übergriffe nennt Aly Arbeitslosigkeit und Armut, aber auch Internet und Pornographie. «Wir haben herausgefunden, dass die meisten Belästiger verheiratet sind.» Angemacht wurde er sowohl mit offenem Haar als auch mit Kopftuch. Kein Wunder, dass er sich nach seiner Verwandlung in einem «Zustand konstanter Alarmiertheit» befunden hat.

In einer Szene bietet ein Autolenker Hammad 4000 ägyptische Pfund (550 Franken) für eine Liebesnacht an, obwohl sein Haar bedeckt ist. Es ist erstaunlich, dass auch das Kopftuch in Kairo keinen Schutz gewährt. «Je mehr eine Frau verhüllt ist, desto grösser ist die Herausforderung.» Daneben benehmen sich ausserdem beide Geschlechter, betont der Darsteller gegenüber «Aswat Masriya»: «Mir tun ehrlich gesagt alle Ägypter Leid, denn die Belästigungen kamen nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen.»

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