Forschung: Ronny Keller darf auf die Medizin hoffen
Aktualisiert

ForschungRonny Keller darf auf die Medizin hoffen

Die Diagnose Querschnittlähmung bedeutet bis heute: Ein Leben im Rollstuhl. Doch Erkenntnisse aus den Labors der Paraplegie-Forscher wecken Hoffnung – gerade auch in der Schweiz.

von
M. Egger
Zahlreiche vielversprechende Forscher in der Schweiz und im nahen Ausland beschäftigen sich mit der Heilung von Querschnittsgelähmten

Zahlreiche vielversprechende Forscher in der Schweiz und im nahen Ausland beschäftigen sich mit der Heilung von Querschnittsgelähmten

Die Diagnose ist niederschmetternd. Am Dienstag noch jagte Ronny Keller dem Puck nach, bis zu diesem fatalen Sturz in die Bande. Keller blieb liegen – und ist seither querschnittgelähmt. Er wird nie mehr gehen können.

Doch die Forschung arbeitet daran, das Rätsel um die Heilung von verletztem Rückenmark und durchtrennten Nervensträngen zu lösen. Die Uniklinik Balgrist in Zürich hat im März 2011 mit der weltweit ersten Studie mit neuronalen Stammzellen bei Querschnittlähmung begonnen. Bei der neuartigen Therapie werden menschliche Stammzellen des Nervensystems ins Rückenmark der Patienten injiziert. Diese sollen bis zur verletzten Stelle wandern und sich dort zu Nervenzellen entwickeln und sich ins Rückenmark integrieren.

Krebsmittel regeneriert Nervenfasern

Derzeit befinden sich vier Personen im Forschungsprojekt und die Ergebnisse sind vielversprechend. «Bei den querschnittgelähmten Patienten reduziert sich die Lähmungshöhe», erzählt Armin Curt, Ärztlicher Direktor am Zentrum für Paraplegie der Uniklinik Balgrist. Und: Die Patienten haben keine Nebenwirkungen. Die Stammzellenbehandlung sei jedoch noch am Anfang. «Wir hoffen, in den nächsten fünf Jahren mehr über die Wirkung und die Möglichkeiten zu erfahren.»

Hoffnung kommt aber nicht nur aus dem Balgrist-Labor. Vor zwei Jahren sorgte das deutsche Max-Planck-Institut (MPI) für Aufsehen, als es einen Durchbruch bei der Querschnittlähmung vermeldete. Deutsche und amerikanische Forscher haben mit dem Krebsmedikament Taxol, das ursprünglich aus der Rinde der pazifischen Eibe gewonnen wird, beim Wachstum von Nervenfasern hoffnungsvolle Erfolge erzielt. Frank Bradke aus der Forschungsgruppe des MPI meinte gar: «Ich glaube, dass wir auf einem sehr vielversprechenden Weg sind.» Experimente mit Ratten zeigten, dass die Regeneration mit dem klassischen Krebsmittel begünstigt werden.

Mit Elektrostimulation wieder laufen

Martin Schwab von der ETH Zürich sagte damals zu Spiegel Online: «Diese Arbeit ist beeindruckend, und die Resultate sind auch unerwartet.» Das Lob kam von einem, der es wissen muss: Schwab forscht selbst intensiv an der Heilung von Nervenzellen. Der Neurobiologe hat zusammen mit Novartis einen Wirkstoff entwickelt, der die wachstumshemmenden Moleküle in der Rückenmarkswunde angreift. Gegen diese Nogo-Proteine hat er einen Antikörper entwickelt und an rückenmarksverletzten Primaten aufgezeigt, dass das Prinzip funktioniert. Aber: Dies betrifft nur weniger schwere Verletzungen, bei denen das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt wurde.

Aus einer anderen Schweizer Forschungsküche kommt ein weiterer Forschungsansatz, der Querschnittgelähmte ebenfalls hoffen lässt. An der ETH Lausanne implantiert das Team rund um den Neurologen Gégoire Courtine rückenmarkverletzten Ratten Elektroden. Die Behandlung beginnt damit, dass den Ratten Substanzen ins Rückenmark injiziert werden, welche die Nerven anregen sollen. Kurz darauf stimulieren die Forscher das Rückenmark über die Elektroden mit elektrischen Signalen. Die Kombination der chemischen und elektrischen Signale soll den fehlenden Signal-Input des Gehirns ersetzen.

Eine Kombination der Methoden ist das Ziel

Courtines System hatte Erfolg: Dank Laufband-Training, Chemie und Elektrostimulation lernten die Ratten wieder gehen. Rund um die verletzte Stelle herum bildeten sich gar neue Nerven. Nur: Auch hier gibt es vor allem Hoffnung für Menschen, deren Rückenmark nicht vollständig durchtrennt ist. «Bei schwereren Verletzungen wären keine bedeutsamen Verbesserungen zu erwarten», so Courtine.

Den zahlreichen Forschern schwebt vor, die verschiedenen Methoden miteinander zu kombinieren und so eine neue Ebene im Bereich der Behandlung von Paraplegikern zu erreichen. Doch dies ist derzeit noch Zukunftsmusik. «Zuerst müssen wir die einzelnen Methoden genügend erforschen, bevor wir eine Kombination anwenden können», sagt Armin Curt von der Uniklinik Balgrist.

(Mitarbeit A. Hirschberg)

Deine Meinung