09.11.2020 14:33

Anna Stern30-Jährige gewinnt überraschend Schweizer Buchpreis

Anna Stern (30) aus Rorschach SG erhält für ihren Roman «das alles hier, jetzt» den Schweizer Buchpreis 2020.

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Anna Stern, Schriftstellerin, porträtiert am 22. September 2020 in Rorschach.

Anna Stern, Schriftstellerin, porträtiert am 22. September 2020 in Rorschach.

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Anna Stern wurde für ihren Roman «das alles hier, jetzt» mit dem Schweizer Buchpreis 2020 ausgezeichnet. 

Anna Stern wurde für ihren Roman «das alles hier, jetzt» mit dem Schweizer Buchpreis 2020 ausgezeichnet.

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Der Preis unterstützt den Verkauf. Am Montagmittag war das Buch in der Stadt St. Gallen in zwei Buchhandlungen kurzzeitig ausverkauft. 

Der Preis unterstützt den Verkauf. Am Montagmittag war das Buch in der Stadt St. Gallen in zwei Buchhandlungen kurzzeitig ausverkauft.

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Eine Überraschung – das ist der Schweizer Buchpreis 2020 in jeglicher Hinsicht. Als am Sonntag im Foyer des Theaters Basel der Preis verkündet wurde, hatte wohl niemand die junge Autorin Anna Stern aus Rorschach SG mit ihrem Trauerroman «das alles hier, jetzt» auf dem Schirm.

Am wenigsten die Autorin selber. Die 30-jährige schmale Frau mit den kurzen Haaren und der markanten runden Brille zeigte kaum eine Regung, kein Lächeln, als sie frisch gekürt mit einem Blumenstrauss auf den Stufen des Theaterfoyers stand. Sie schien völlig überrumpelt von der Tatsache, dass sie mit ihrem vierten Roman ausgezeichnet worden war.

Altes Thema in neuer Form

Die 1990 geborene Autorin beschreibt in dem ausgezeichneten Werk den Trauerprozess um einen engen Freund, der mit gerade einmal 25 Jahren gestorben ist. Dabei ist «das alles hier, jetzt» gleichermassen das intime Protokoll einer Trauer, ein Erinnerungsbuch und zudem sprachlich ungewöhnlich – ist doch nie ganz klar, ob es sich bei den Figuren um einen Mann oder eine Frau handelt. Auch das Buch an sich, erschienen beim Zürcher Verlag Elster & Salis, ist ungewöhnlich gestaltet.

Darüber hinaus ist die Entscheidung der fünfköpfigen Jury für die junge, produktive Autorin eine Überraschung. Stern habe einem der ältesten Themen der Literatur «eine völlig neue Form und unerhörte Töne abgewonnen», heisst es in der Mitteilung zur Begründung. Neben ihr nominiert waren Dorothee Elmiger für den Text «Aus der Zuckerfabrik», Tom Kummer für seinen Roman «Von schlechten Eltern», Charles Lewinsky mit «Der Halbbart» sowie Karl Rühmann für «Der Held».

Die Preisträgerin erhält 30'000 Franken; die vier weiteren Autorinnen und Autoren, die in der engeren Auswahl waren, erhalten jeweils 3000 Franken.

150 Tage Trauerarbeit

Die 1990 geborene Anna Stern ist eine sehr produktive Autorin. Gut ein Jahr nach ihrem Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» legt sie mit «das alles hier, jetzt» ein neues Buch vor.

Beide Bücher verbindet eine Melancholie, die im neuen Roman in eine abgrundtiefe Trauer umschlägt. Anlass dafür ist der frühe Tod von Ananke, der eine Schar von Freunden ebenso ratlos wie hilflos zurücklässt. Zusammen mit Cato, Eden, Vienna und wie sie heissen, droht die Erzählerin von diesem schicksalhaften Ereignis innerlich erdrückt zu werden.

Während 150 Tagen protokolliert sie, wie kaputt sie sich fühlt und eine Therapie beginnt, wie sie sich abkapselt und nur selten die Kraft findet, ihre Freunde zu suchen. Dieses Protokoll, jeweils linksseitig abgedruckt, wird begleitet von einem Strom von losen Erinnerungen an glückliche Tage der Kindheit und Jugend: immer wieder Baden im See oder Grillfeuer im Wald. Diese Erinnerungen stehen auf den gegenüberliegenden Seiten in grauer, sozusagen ausbleichender Schriftfarbe.

Anna Stern lässt ihre Erzählerin bohrend-intensiv in diese Trauer eintauchen. Dafür wird die Aussenwelt gänzlich abgedunkelt. Das Ich spricht in Du-Form zu sich selbst, und die Freunde tragen Alias-Namen, die kaum Hinweise auf ihr Geschlecht oder ihre Rolle als Vater, Mutter, Freundin geben. Trauer wie Erinnerung bleiben wie in einem Kokon gefangen – bis nach 150 Tagen Vienna eine ebenso verrückte wie rettende Idee hat.

SDA

Öffentliche Preisverleihung abgesagt

Die Preisverleihung fand im Theater Basel statt, allerdings in reduziertem Umfang. Im Unterschied zu den Vorjahren war am Sonntag im Theater Basel neben den Veranstaltern nur die Preisträgerin anwesend. Bis anhin waren jeweils alle Nominierten angereist. Die öffentliche Preisverleihung war pandemiebedingt abgesagt worden.

Der Schweizer Buchpreis wurde dieses Jahr zum dreizehnten Mal vergeben. Initiiert wurde der Preis vom Verein LiteraturBasel und dem Schweizer Buchhändler-und Verleger-Verband (SBVV). Der Schweizer Buchpreis wurde 2008 Als Marketinginstrument ins Leben gerufen. Der Buchpreisträger platziert sich meist – neu oder erneut – oben auf den Bestsellerlisten. Auch die Nominierten erleben in der Regel Verkaufsschübe. Ein Augenschein in der Stadt St. Gallen am Montagmittag zeigt, dass bei den zwei besuchten Buchhandlungen das Buch derzeit nicht erhältlich ist. Am Dienstag soll Nachschub kommen.
Die vergangenen Preisträger:

Die Preisträgerinnen und Preisträger:

2019: Sibylle Berg, «GRM. Brainfuck»

2018: Peter Stamm, «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt»

2017: Jonas Lüscher, «Kraft»

2016: Christian Kracht, «Die Toten»

2015: Monique Schwitter, «Eins im Andern»

2014: Lukas Bärfuss, «Koala»

2013: Jens Steiner, «Carambole»

2012: Peter von Matt, «Das Kalb von der Gotthardpost»

2011: Catalin Dorian Florescu, «Jacob beschliesst zu lieben»

2010: Melinda Nadj Abonji, «Tauben fliegen auf»

2009: Ilma Rakusa, «Mehr Meer. Erinnerungspassagen»

2008: Rolf Lappert, «Nach Hause schwimmen»

Trauerst du oder jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Tel. 147

(jeb, SDA)

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4 Kommentare
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Tinu Tobler

10.11.2020, 13:01

Das Thema ist aktuell, die Frau hat Mut. Hut ab! Auch wenn ihr Stil gewöhnungsbedürftig ist.

Nick

10.11.2020, 12:26

Warum nennt sich Anna Bischofberger für ihre Bücher Anna Stern? In Deutschland gibt es bereits eine Schreiberin, die Anne Stern, also sehr sehr ähnlich heisst. Ist das gewollt oder Zufall? Oder möchte sie der Leserin / dem Leser mit dem Namen Stern etwas suggerieren? Mal sehen was das Buch inhaltlich hergibt auch wenn viele Seiten nur zur Hälfte und mit Kleinbuchstaben geschrieben sind.

Leseratte

09.11.2020, 17:52

So nicht! Hab gestern im Fernsehen gesehen, dass dieses Buch nur mit klein Buchstaben geschrieben wurde. Geht gar nicht! Wie kommt die Jury dazu ein solches Buch auszuzeichnen? Inhalt mag ja gut sein, aber korrekte Schreibweise muss Voraussetzung für eine engere Auswahl sein!