MotoGP-Showdown: Rossi braucht Höllenritt im Kampf gegen Teamfeind
Aktualisiert

MotoGP-ShowdownRossi braucht Höllenritt im Kampf gegen Teamfeind

Valentino Rossi und Jorge Lorenzo streiten in Valencia um den WM-Titel in der MotoGP. Weil der Italiener von ganz hinten starten muss, wird es wohl ein Fernduell.

von
Kai Müller

Er ist der WM-Führende. Seine Aussichten auf den Titel sind: schlecht. Was paradox klingt, ist die bittere Realität für Valentino Rossi. Nach seinem Revanche-Akt vor knapp zwei Wochen in Sepang, als der Italiener Provokateur Marc Márquez mit dem Fuss zu Boden und von der Strecke beförderte, schwanden seine Chancen auf den zehnten Titel massiv. Zwar fuhr der Italiener als Dritter über die Ziellinie, die Rennleitung ahndete die Aktion jedoch mit drei Strafpunkten. Weil Rossi schon in Misano einen aufgebrummt bekommen hatte, verlangte das Reglement die Versetzung auf den letzten Startplatz für das abschliessende Rennen vom Sonntag in Valencia (14 Uhr).

Der 112-fache GP-Sieger legte beim Internationalen Sportgerichtshof CAS Be­rufung ein, der zuständige Richter in Lausanne hielt jedoch am Urteil fest. «Es liegen keine Gründe vor, um die Strafe auszu­setzen», hiess es in der offiziellen Mitteilung. «Leider macht der Start vom Ende des Feldes jetzt alles richtig schwierig», sagte Rossi am Donnerstag in Valencia. Er hätte auch sagen können: nahezu unmöglich.

So wird Rossi Weltmeister

Sieben Punkte beträgt sein Vorsprung auf Yamaha-Teamkollege Jorge Lorenzo, der in den vergangenen Wochen eher zum Teamfeind geworden ist. Rossi wird an der spanischen Mittelmeerküste von Platz 26 aus ins Rennen gehen müssen und ist auf einen Höllenritt angewiesen, sollte der Spanier nicht ausfallen. Folgende Szenarien würden Rossi zum Triumph reichen:

- Gewinnt Lorenzo, muss Rossi mindestens Zweiter werden.

- Wird Lorenzo Zweiter, muss Rossi mindestens Dritter werden.

- Wird Lorenzo Dritter, muss Rossi mindestens Sechster werden.

- Wird Lorenzo Vierter, muss Rossi mindestens Neunter werden.

- Wird Lorenzo Fünfter bis Neunter wird, darf sich Rossi nicht mehr als sechs Plätze dahinter klassieren.

- Wird Lorenzo Zehnter, muss Rossi nicht punkten.

Im Normalfall ist davon auszugehen, dass Lorenzo, der in den Freitagstrainings die Tagesbestzeit erzielte, in der aktuellen Form aufs Podest fährt. Rossi müsste dann nichts weniger als die spektakulärste Aufholjagd der MotoGP-Historie gelingen. Den bisher grössten Sprung schaffte Max Biaggi 2004, als er von Startplatz 24 auf Rang 6 vorstiess. Rossis Meisterstück vor zehn Jahren – in Valencia – brachte ihn von Platz 15 auf 3.

Reue bei Rossi und Lorenzo

Um keine weitere Polemik aufkommen zu lassen, strich Rechteinhaberin Dorna die offizielle Donnerstags-Pressekonferenz und appellierte an sämtliche Piloten, sich «auf die Werte des Sports zu besinnen». Die Streithähne Rossi, Márquez und Lorenzo erhielten die Weisung, zu den Vorfällen rund um den GP von Malaysia zu schweigen, um dem Image der Königsklasse nicht weiter zu schaden. Stattdessen stellten sie sich den Medien einzeln.

Rossi hielt sich an die Vorschrift und sagte zum Vorfall in Malaysia nur: «Ich bereue lediglich, so weit rausgefahren zu sein und nicht meine normale Linie genommen zu haben.» Auch Lorenzo gab sich bedeckt. Er sagte: «Meine Geste auf dem Podium war ein Fehler. Das tut mir leid. Ich möchte mich vor allem bei den Fans entschuldigen, die das im TV gesehen haben. Das war kein gutes sportliches Vorbild für die jungen Leute, die die MotoGP auf der ganzen Welt verfolgen.» Lorenzo hatte mit einer abschätzigen Geste – Daumen runter – reagiert, als Rossi den Pokal für Platz 3 bekommen hatte.

Rossi braucht Márquez

Márquez verriet, dass ihm die vergangenen Tage zugesetzt hätten, schliesslich war ein regelrechter Shitstorm vonseiten der Rossi-Sympathisanten über ihn hereingebrochen. Der neunfache Weltmeister hatte dem Spanier in Sepang unterstellt, ihn wie schon zuvor auf Phillip Island schikaniert zu haben, weil Márquez Landsmann Lorenzo als Weltmeister bevorzugen würde. «Es war eine der schwierigsten Wochen meines Lebens. Nach Malaysia wollte ich das vergessen und mich zu 100 Prozent auf das letzte Saisonrennen konzentrieren. Es war aber keine normale Vorbereitung möglich», schilderte Márquez.

Ironischerweise ist Rossi nun ausgerechnet auch auf den 22-jährigen Heisssporn angewiesen. Denn je mehr Fahrer sich vor Lorenzo schieben, desto machbarer wird die unmögliche Mission für den «Doctor».

Deine Meinung