Simbabwe: Rote Tinte oder Blut

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SimbabweRote Tinte oder Blut

Wer sich an diesem Freitag nicht die rote Tinte aus dem Wahllokal abholt, muss todesmutig sein. Die Handlanger von Robert Mugabe haben viele Mittel, um seinen Sieg bei der sogenannten Stichwahl sicherzustellen.

Das Kontrollsystem Mugabes ist denkbar einfach: Wer nach der Schliessung der Wahllokale keine rote Tinte der Wahlaufsicht am kleinen linken Finger hat, kann von Mugabes Schlägertrupps leicht des Wahlboykotts überführt werden.

Cyril Munyanyi aus Chitungwiza, einem Vorort der Hauptstadt Harare, hat seine Stimme deshalb lieber abgegeben. «Ich habe einfach 'Weiter so' auf den Zettel geschrieben», sagt er.

Opposition in der Zwickmühle

Die Bewegung für einen Demokratischen Wandel (MDC), deren Chef Morgan Tsvangirai fünf Tage vor der Wahl das Handtuch geworfen hat, weil er keinen fairen Wahlgang mehr für möglich hielt, steckt in der Zwickmühle: Seit dem ersten Durchgang Ende März seien 2000 MDC- Mitglieder festgenommen worden, beklagt die Partei.

Generalsekretär Tendai Biti ist wegen Hochverrats angeklagt, 80 Anhänger der Opposition wurden laut MDC getötet. Er könne von seinen Wählern nicht erwarten, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen, sagte Tsvangirai, als er sich aus dem ungleichen Kampf verabschiedete.

«Wenn es möglich ist, wählt nicht», heisst es in seinem Aufruf zum Wahltag. «Aber wenn ihr für Mugabe stimmen müsst, weil euer Leben bedroht ist, dann tut dies.»

«Ergebnis schon vorher bekannt»

Die meisten Wähler geben unter diesen Umständen keine Auskunft über ihr Wahlverhalten. Phebion Kangoni hingegen wirkt belustigt. «Das erscheint so sinnlos: Alle gehen zur Wahl, aber das Ergebnis ist schon bekannt», gluckst Kangoni.

«Ich habe den Stimmzettel einfach so abgegeben, wie er war, ohne das kleinste i-Tüpfelchen», sagt er. «Ich wollte nur diese rote Tinte auf meinem Finger haben.»

Bei einer Versammlung vor ein paar Tagen habe es geheissen: «Wir kümmern uns um die, die die Wahl boykottieren.» Für solche Fälle gibt es Schlägertrupps, die sich zum Teil aus Veteranen des Unabhängigkeitskrieges gegen Grossbritannien in den 70er Jahren rekrutieren.

Ganz andere Sorgen

Eigentlich haben die Simbabwer ganz andere Sorgen als die Wiederwahl des 84-jährigen Staatschefs, der seit 28 Jahren die Geschicke des Landes lenkt. Niemand bleibt verschont vom rasanten wirtschaftlichen Niedergang, der die einstige Kornkammer Simbabwe erfasst hat.

In Harare kosten ein paar Bananen inzwischen 250 Millionen Simbabwe-Dollar. Neuerdings werden 75-Milliarden-Dollar-Scheine gedruckt, die Inflationsrate kann nicht mehr zuverlässig angegeben werden, vielleicht liegt sie bei zwei Millionen Prozent.

Selbst Milliardäre sind hier arme Schlucker. Früher konnte sich die 41-jährige Gladys Dawanyi ein Auto kaufen und in die Ferien fahren. Nun ist ihr Monatsgehalt von 100 Milliarden Dollar so gut wie wertlos. Sie weiss nicht, wie sie ihre sechs Kinder durchbringen soll. «Das Leben ist jeden Tag ein Kampf.»

«Sieg oder Krieg!»

Mugabes Getreue ficht dies alles nicht an. Schon zwei Stunden vor der Öffnung der Wahllokale ziehen Gruppen von Jugendlichen durch die Townships und intonieren Schlachtgesänge. Mehrere Wähler berichten, dass Mitglieder von Mugabes ZANU-PF-Partei Strassenposten errichtet, an denen die Wähler die Nummern ihrer Wahlunterlagen offenbaren müssen.

In Mapanda im Osten des Landes müssen die Wähler nach den Schilderungen eines Vertreters der Opposition sogar direkt ihren ausgefüllten Wahlzettel dem ZANU-Vertreter vorzeigen. Auf dem Land werden die Mugabe-Anhänger mit Bussen in die Wahllokale gekarrt. «WW» skandieren die Gangs des Machthabers. «Win or War! Sieg oder Krieg!»

(sda)

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