06.07.2016 20:57

«Ich fühle mich missbraucht»RTL zeigt Racheporno zur Primetime

Seit Jahren kämpft die Dänin Emma Holten dagegen an, dass gestohlene Nacktfotos von ihr im Internet verbreitet werden. Nun strahlte RTL die Bilder zur besten Sendezeit aus.

von
mch
Weltweit wurde über ihren Mut berichtet: Die Dänin Emma Holtens. (Archivbild) Foto: Emma Holton/Instagram

Weltweit wurde über ihren Mut berichtet: Die Dänin Emma Holtens. (Archivbild) Foto: Emma Holton/Instagram

Kein Anbieter

Vor fünf Jahren hackte ein Unbekannter Emma Holtens E-Mail-Postfach, stahl Nacktfotos von ihr und verbreitete sie online. Seit der Veröffentlichung wird die Dänin im Internet erniedrigt. Vor rund zwei Wochen zeigte RTL einen Beitrag über Holtens Geschichte – samt den gestohlenen Nacktfotos.

Die Bilder waren im Beitrag unverpixelt zu sehen, bloss ein kleiner blauer Stern bedeckte auf manchen Bildern Holtens Brustwarzen. «Ich habe den Beitrag gesehen, und es war extrem schmerzhaft für mich», sagt Holten im Gespräch mit der Zeitung «Die Welt». «Ich fühle mich missbraucht.»

Nicht einmal volljährig

Bekannte aus Deutschland hätten sie kontaktiert, nachdem Holtens Geschichte und Bilder am 15. Juni in der RTL-Sendung «Die 10 pikantesten Geschichten der Welt» auf Platz eins gelandet waren. «Auf vielen der Fotos, die RTL zeigt, bin ich definitiv nicht einmal 18 Jahre alt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das legal ist», sagt Holten zur Zeitung. Ein befragter Rechtsanwalt gibt ihr recht: RTL habe ihre Privatsphäre verletzt und keine Nutzungsrechte an den Bildern.

Zusätzlich beschuldigt der Sender fälschlicherweise Holtens Ex-Freund, die Fotos nach der Trennung veröffentlicht zu haben. « Das ist eine Lüge und eine Diffamierung. Mein Ex-Freund hatte damit nichts zu tun», klärt Holten. Ein RTL-Sprecher gesteht im Gespräch mit der Zeitung Fehler ein.

Mut gegen anonyme Angreifer

Dabei ist Holtens Geschichte eigentlich ein Beispiel einer mutigen jungen Frau, die ihre Würde selbstbewusst gegen eine anonyme Internetmeute verteidigt. Sie habe anfänglich unter den Erniedrigungen gelitten und geglaubt, das Interesse an den Bildern würde automatisch nachlassen. «Aber das war falsch. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es nicht um die Bilder geht, sondern um Macht.» Die anonymen Peiniger hätten es genossen, Macht über sie auszuüben und sie zu quälen.

Holten erhielt dazumal Hunderte E-Mails pro Monat, wie die Zeitschrift «Annabelle» schrieb: «Wissen deine Eltern, dass du eine Schlampe bist?» – «Ich möchte dich kennen lernen.» – «Schick mir solche Fotos von deiner kleinen Schwester, oder ich lasse deinen Chef wissen, was du so treibst.» Emma Holten sagt: «Sie fühlten sich dazu berechtigt, weil sie mich nackt gesehen hatten.»

Eine neue Geschichte über den Körper

Vor rund einem Jahr entschloss sich Holten, sich zu wehren. Sie veröffentlichte selber zehn neue und stilvolle Aktfotos im Internet. Der Titel des Projekts ist «Consent» (Zustimmung) und besteht aus den Bildern und einem Essay. «Ich hasste meinen Körper und habe lange darüber nachgedacht, wie ich das ändern könnte. Ich gab ihm die Schuld für meine Demütigung», schreibt Holten da.

«Ich müsste eine neue Geschichte über meinen Körper schreiben, so dass ich mich weiterhin nackt ansehen kann und da einen Mensch sehe», dachte sie. «Ich entschied, dass es eine Art Rehumanisierung brauche.» Und daher kam der Gedanke, die alten Bilder ohne Zustimmung mit neuen Bildern mit Zustimmung zu überschreiben.

Wie viel sind Persönlichkeitsrechte wert?

Holten will mit ihren eigenen Aktfotos und dem dazu verfassten Essay ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig der Schutz der Privatsphäre in Zeiten des Internets ist. «Die geltenden Gesetze sind in den meisten Ländern nicht ausreichend», sagt sie. Und: «Wir müssen grundsätzlich eine Antwort auf die Frage finden, was uns Persönlichkeitsrechte wert sind.»

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