Kriegsverbrechen: Ruanda-Völkermörder hinter Gittern
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KriegsverbrechenRuanda-Völkermörder hinter Gittern

Im Schatten von Ratko Mladic konnte auch das UNO-Tribunal für den Völkermord in Ruanda einen Erfolg verbuchen: Einer der letzten gesuchten Hutu-Kriegsverbrecher wurde gefasst.

von
pbl
Überreste von Opfern des Völkermords, ausgestellt in einem Mahnmal im ruandischen Nyamata.

Überreste von Opfern des Völkermords, ausgestellt in einem Mahnmal im ruandischen Nyamata.

Der 52-jährige Bernard Munyagishari wurde in der Demokratischen Republik Kongo festgenommen, wie das UNO-Gericht am Mittwoch mitteilte. Er wurde von kongolesischen Soldaten und Mitarbeitern des UNO-Tribunals in einem entlegenen und bewaldeten Gebiet in der Region Kivu aufgespürt. Derzeit befindet er sich laut der Mitteilung in der Stadt Goma, von dort soll er an das Tribunal im tansanischen Arusha ausgeliefert werden.

Munyagishari war Chef der radikalen Hutu-Miliz Interahamwe in der Stadt Gisenyi im Westen Ruandas. Seit 2005 wurde er wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht. Die Anklage wirft ihm vor, schon lange vor Beginn des Völkermords im April 1994 Interahamwe-Kämpfer ausgebildet zu haben, damit sie Tutsi und gegnerische Hutu «effizienter angreifen und töten konnten». Er soll zudem eine spezielle Miliz geschaffen haben, um «Tutsi-Frauen und -Mädchen zu vergewaltigen, bevor sie getötet wurden».

Bis 800 000 Tote

Die Verhaftung Munyagisharis fand praktisch gleichzeitig statt mit jener von Ratko Mladic. Allerdings wurde sie bei uns kaum beachtet, was bezeichnend ist für die Wahrnehmung eines Konflikts, der zur gleichen Zeit wie der Jugoslawienkrieg stattfand und um einiges grausamer und blutiger verlief. Zwischen April und Juli 1994 waren in Ruanda laut UNO bis zu 800 000 Menschen umgebracht worden, überwiegend Tutsi, aber auch gemässigte Hutu.

Der Völkermord wurde vor allem von radikalen Hutu-Milizen organisiert. Er begann am 6. April 1994, als das Flugzeug des gemässigten Hutu-Präsidenten Juvenal Habyarimana beim Landeanflug auf die Hauptstadt Kigali mit einer Rakete abgeschossen wurde – die Urheber sind bis heute umstritten. Die in Ruanda stationierten UNO-Blauhelme waren mit der Situation hoffnungslos überfordert, und die internationale Gemeinschaft rührte keinen Finger.

Erfolg für UNO-Tribunale

Der Genozid endete erst mit dem Vormarsch der Tutsi-Rebellenbewegung Ruandische Patriotische Front (RPF) unter Führung des heutigen Staatspräsidenten Paul Kagame. Viele Hutu-Milizionäre flüchteten in die benachbarte Demokratische Republik Kongo, von wo aus sie weiterkämpften. Ähnlich wie im Fall der Jugoslawien-Kriegsverbrecher lief die Zeit jedoch gegen sie, vor allem seit die beiden Nachbarstaaten vermehrt zusammenarbeiten.

Die Verhaftung von Mladic und Munyagishari ist auch ein Erfolg für die oft als teuer und ineffizient kritisierten UNO-Kriegsverbrechertribunale, wie CNN hervorhebt. Beim Jugoslawien-Gericht in Den Haag steht nun noch ein Name auf der Fahndungsliste, bei jenem für Ruanda sind es noch deren neun. Bislang wurden in Arusha 32 Fälle abgeschlossen, 22 weitere Verfahren sind im Gang. Mitte Mai war der frühere Generalstabschef Ruandas, Augustin Bizimungu, zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. (pbl/sda)

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