Atlantic Row Challenge: Rudernd den Atlantik überqueren – und nackt
Aktualisiert

Atlantic Row ChallengeRudernd den Atlantik überqueren – und nackt

63 Menschen rudern derzeit 3000 Seemeilen quer über den Atlantik, die meisten davon nackt. Und das aus gutem Grund.

von
Fee Riebeling
La Gomera

Bei der Talisker Whisky Atlantic Challenge müssen die Teilnehmer von La Gomera nach Antigua rudern: 3000 Seemeilen, quer über den Atlantik. Bei Wind, Wetter und Wellen von bis zu zwölf Metern Höhe. Draussen auf dem offenen Meer sind sie die meiste Zeit nackt. Dies aber nicht aus freien Stücken, sondern weil die Kombination von Kleidung und Salz die Haut aufreiben würde.

Schon die erste Begegnung mit den Startern überrascht: Statt der erwarteten Muskelmänner mit Ruder-Erfahrung empfängt einen eine punkto Herkunft, Geschlecht und Erfahrung gemischte Truppe, darunter gestandene Frauen, bildhübsche Mädchen und beinamputierte Briten. Der Jüngste ist 19, der Älteste 74 Jahre alt. Sie alle wollen heil ans Ziel kommen.

Kalorienverbrauch hat es in sich

Dafür haben die Teilnehmer in den letzten Wochen einiges in Kauf genommen: Sie haben trainiert, die Boote finanziert und sich mit dem Leben an Bord vertraut gemacht. «Vor allem, was Essen und Verdauung angeht», erklärt Callum Gathercole, der als jüngster Teilnehmer und ganz allein an den Start geht.

Um die Hightech-Ruderboote so leicht wie möglich zu halten, ist die Ausstattung auf das Nötigste begrenzt. Die in Beuteln abgefüllte Nahrung muss mit entsalztem Meerwasser aufgekocht werden. Dazu haben die meisten Teams Powerriegel als Snacks dabei. Das kalorienreiche Essen ist wichtig, denn die Teilnehmer verbrennen täglich bis zu 8000 Kilokalorien.

Toilettensitze und Nikolausmützen

Wer auf die Toilette muss, darf nicht scheu sein. Denn entweder hängt man sich mit dem Allerwertesten direkt über das Meer oder nimmt auf einem Kübel Platz. Was das angeht, ist bei den Frauen von Yorkshire Rows die Entscheidung schon gefallen: Sie haben auf dem Eimer einen Toilettensitz montiert.

Langhantel-Rudern gebeugt

Es scheint den Startern wichtig zu sein, sich an Bord zu Hause fühlen zu können. Während Gatherole Laptop, Musik und Hörbücher eingepackt hat, haben die vier Männer des Teams Wadadli (Antigua) aufblasbare Lounge-Sessel dabei. Die vier jungen Frauen von Row Like a Girl (UK) haben sogar an Weihnachtsdeko, Nikolausmützen und Geschenke gedacht.

Die Mitzwanzigerinnen wollen nicht unbedingt den Sieg heimfahren, sondern vor allem Teammitglied Lauren Morton nach Antigua bringen. Die 26-Jährige möchte mit der Atlantik-Überquerung den Grundstein für ihre Karriere als Extremsportlerin legen. Deshalb tritt sie zum zweiten Mal an. Beim ersten Versuch hatten sie und ihre damalige Mitstreiterin nach 96 Tagen manövrierunfähig vom offenen Meer gerettet werden müssen. «Nicht-Ankommen ist dieses Mal keine Option», sagt Morton. «Ich denke, die anderen wissen das.» Die Erwähnten nicken und berichten rasch von ihrer eigenen Motivation: Sie wollen der Welt beweisen, dass auch das vermeintlich schwache Geschlecht Grosses leisten kann.

Alles ist machbar

Eine ähnliche Botschaft hat die Crew von Row2Recovery (UK). Sie will jenen Mut machen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Und das allein mit ihrer Teilnahme. Denn drei der vier Männer haben ein oder zwei Beine im Afghanistan-Krieg verloren, der vierte bei einem missglückten Fallschirmsprung. Unversehrt ist keiner von ihnen.

Den körperlichen Nachteil denkt die Crew mit ihrer Militär-Erfahrung wettmachen zu können. «Wir wissen, wie es ist, mit anderen Menschen auf engem Raum zu Unzeiten und unter Stress zusammen zu sein», sagt Cayle Royce, der bereits im Jahr nach seiner Amputation schon einmal den Atlantik überquert hat, allerdings zusammen mit nicht-handicapierten Teamkollegen. Dieses Mal will er zeigen, dass auch «drei Beine bei vier Körpern» das schaffen können.

Trotz aller Vorfreude: Die Starter haben Respekt vor dem, was kommt. (Video: Youtube/taliskerchallenge)

An eine Ruderpause ist bei der Atlantic Challenge nicht zu denken. (Video: Youtube/taliskerchallenge)

Kurioses aus den letzten Jahren

Dass das Rennen hinsichtlich Privatleben nicht immer gut ausgeht, zeigen zwei Beispiele aus den vergangenen Jahren. So kam es beispielsweise vor, dass zwei Teilnehmer als Freunde losruderten, aber am Ziel nichts mehr voneinander wissen wollten.

Noch schlimmer traf es einen Starter im vergangenen Jahr. Denn der hatte neben seiner Ehefrau noch zwei Geliebte. Und ausgerechnet die drei lernten sich kennen, als ihre grosse Liebe den Atlantik überquerte. Im Ziel wartete dann keine auf ihn. Und die Gattin hatte die Scheidung eingereicht.

Das Rennen

Mit einer wetterbedingten Verspätung von fünf Tagen verliessen die insgesamt 26 Teams am Sonntag, 20. Dezember 2015 den Hafen von La Gomera. Momentan steht der Wind hinter den Ruderern. Organisator Carsten Heron glaubt, dass dieses Rennen das bisher schnellste wird und die Teams in nur 30 Tagen den Atlantik überqueren könnten. Bislang liegt der Durchschnitt bei 60 Tagen, in denen die Teilnehmer in der Regel abwechselnd in 2-Stunden-Schichten rudern.

Weitere Informationen und die Möglichkeit, die Boote in Echtzeit zu verfolgen, gibt es auf der offiziellen Website.

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