Rückkehr zum Ort des Schreckens
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Rückkehr zum Ort des Schreckens

Zum ersten Mal nach dem Attentat vom 27. September 2001 tagt das Zuger Parlament am Donnerstag wieder im Kantonsratssaal.

Viele sehen der Rückkehr an den Ort des Blutbades mit gemischten Gefühlen entgegen.

Der Zuger Kantonsrat war zu seiner September-Sitzung zusammen getreten. Kurz nach der Kaffeepause trat Friedrich Leibacher in den Saal und richtete ein für schweizerische Verhältnisse beispielloses Blutbad an. Er tötete 14 Menschen (11 Mitglieder des Kantonsrates, 3 der Regierung) und verletzte 15, bevor er sich selbst erschoss.

Leibachers Tat - Amoklauf eines Querulanten - erschütterte nicht nur den Kanton Zug, sondern das ganze Land. Eine weitere Tragödie in dem an Erschütterungen reichen Herbst 2001. Eine Tat, die in der Schweiz nicht für möglich gehalten wurde.

Nach dem Attentat wurde der Parlamentssaal im Regierungsgebäude geschlossen. Seither tagte der Kantonsrat unter strengen Sicherheitsvorkehrungen im Polizeigebäude.

Minimalvariante für Umbau des Saales

Zugleich machten sich die Zuger Gedanken über den künftigen Tagungsraum. Neben einer kompletten Neugestaltung des Saales im Regierungsgebäude wurde die Idee eines Neubaus aufgeworfen. Doch wurde entschieden, im Regierungsgebäude zu bleiben.

Ein Projekt für 4,9 Mio. Franken mit grosszügigeren Platzverhältnissen wurde vom Kantonsrat abgelehnt. Er entschied sich für eine Sparvariante für 2,5 Mio. Franken. Weil zusätzliche Sicherheitseinrichtungen vorgenommen wurden, sind die Verhältnisse im ohnehin kleinen Raum heute noch enger.

Der Entscheid war umstritten und nicht frei von Emotionen. Es sei schwierig für betroffene Kantonsräte und -rätinnen, wieder an den Ort des Schreckens zu gehen, der gleich aussehe wie früher wurde argumentiert. Immerhin wurde jenen, die damit Mühe haben, psychologische Begleitung in Aussicht gestellt.

Viele sehen der Rückkehr in den Kantonsratssaal denn auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Entsprechend behutsam bereitete man den Bezug vor. So wurden Betroffenen geschlossene Besichtigungen während des Umbaus und nach Abschluss der Arbeiten angeboten.

Die Fluchttreppe - das eigentliche Mahnmal

Schlicht ist auch die Gedenkstätte, die Ende August vor dem Regierungsgebäude eingeweiht wurde. «Einschnitt» heisst sie und soll an den Einschnitt vom 27. September 2001 erinnern. Bewusst wurde kein in die Augen springendes Denkmal gewählt. Wer nicht erinnert werden will, soll den «Einschnitt» ignorieren können.

Doch so leicht ist das Attentat nicht zu verdrängen. Zwar lässt sich die Gedenkstätte durchaus übersehen. Doch wer um die Ecke des Regierungsgebäudes biegt, steht vor einer unübersehbaren Metallkonstruktion: Der neuen Fluchttreppe des Kantonsratssaals.

Dieser mit Bronzestäben vergitterte Treppenanbau ist - Folge des Attentats - eine Sicherheitsmassnahme für das Parlament. Sie lässt sich nicht ignorieren und wird so zum eigentlichen Mahnmal.

Sie erinnert daran, dass die Opfer im alten Saal eingeschlossen waren, dass ihnen kein Fluchtweg offen stand, dass sie Leibacher schutzlos ausgeliefert waren.

(sda)

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