Hormon-Tradition: Rumspringa – die digitale Pubertät der Amischen
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Hormon-TraditionRumspringa – die digitale Pubertät der Amischen

Obwohl die Amischen Technik ablehnen, spielen Facebook & Co. bei der Jugend eine immer wichtigere Rolle. Möglich wird das auch durch eine erstaunlich liberale Tradition.

von
phi

Die Amischen sind im 18. Jahrhundert in die USA eingewandert: Die Täufer, die für ihre Technikfeindlichkeit bekannt sind, kamen aus den Regionen Elsass, Pfalz, Baden und Württemberg sowie der Deutschschweiz in die neue Welt. Dort geniessen ihre Kindeskinder heute mehr Fortschritt denn je: Ausgerechnet Facebook ist zum Mekka der pubertierenden Jung-Amischen geworden.

In der Glaubensgruppe ist Technik eigentlich tabu: Der Besitz von Autos ist etwa verboten, die Nutzung bei Liberalen aber erlaubt. Wo sie verboten sind, kommen Kutschen zum Einsatz, die bei strengen Amischen allerdings keinen Gummi an den Reifen haben dürfen. Die Gemeinden sind ausserdem nicht ans Stromnetz angeschlossen: Wie kann es also sein, dass die Jugend ganz heiss auf soziale Netzwerke im Internet ist?

Keine Technik: Amische Traditionen auf Englisch erklärt. Quelle: YouTube/MyEarbot

Das Rätsels Lösung hat einen technischen, einen traditionellen und einen praktischen Aspekt, wie die Website «BuzzFeed» aufzeigt. Während die Benutzung von Computern wegen des langatmigen Wiederaufladens durch Solar- oder Windenergie keinen einfachen Internet-Zugang ermöglicht, können Teenager mit Smartphones wie dem iPhone problemfrei Facebook oder Instagram besuchen. Dass sie überhaupt folgenlos online gehen dürfen, verdanken sie einer Tradition, die überraschend liberal anmutet: dem Rumspringa.

Rumspringa: Persilschein zum Pubertieren

Das Wort verrät die mitteleuropäische Herkunft der Gläubigen, die sich teilweise noch in Pennsylvania-Deutsch unterhalten: Rumspringa bezeichnet einen Zeitraum des Übergangs von der Kindheit zur Adoleszenz. Er beginnt etwa im 14. Lebensjahr, endet ungefähr mit 16 und dient als erklärtes Experimentierfeld in der Pubertät. Die Jugendlichen dürfen dann Dinge wie Fernsehen oder Auto fahren, aber auch Alkohol und Drogen ausprobieren. Das Wichtigste: Sie sollen die Zeit nutzen, um eine Frau zu finden.

Am Ende müssen sie sich entscheiden, ob sie in der Gemeinde nach ihren Regeln oder doch lieber in der modernen Welt leben wollen. Das Konzept scheint aufzugehen: Angeblich kehren nur einige den Amischen den Rücken. Aus praktischen Gründen empfiehlt es sich aber auch nach der Zeit des Rumspringa, über Social Media mit Glaubensbrüdern und –schwestern Kontakt zu halten – denn die Gemeinden sind teilweise weit versprengt.

The Bachelor (Amish Edition)

«Es gab Partys, aber es war schwer, sie zu finden», erklärt Chris Weber, der Amisch-Teens bei Drogenmissbrauch berät. «Jetzt kann man sie schnell auf die Beine stellen und 700 Kids tauchen auf. Alle sind verbunden, jeder textet jedem.» Wenn das Jungvolk zarte Bande zum anderen Geschlecht geknüpft hat, kann es über das Internet den Kontakt halten und ausbauen. Ein weiterer Pluspunkt: Neugierige Eltern können nicht herumschnüffeln, weil sie die Technik nicht bedienen können.

Die jungen Nachfahren des Amisch-Gründervaters Jakob Amman aus Erlenbach BE posieren zwar wie andere Jugendliche (siehe Bildstrecke), doch Weber glaubt, dass sie sich stark von ihnen unterscheiden. «Sie haben kein Interesse daran, berühmt zu sein. Nicht mal unter Freunden. Es steckt tief in ihren Knochen, dass sie wenig Aufmerksamkeit wollen.» Die Amisch sehen soziale Netzwerke mehr als Werkzeug. Spiele wie «Angry Birds» lehnen sie ab. «Sie finden es dumm. Sie sind sehr praktisch und denken, dass das kindisch ist.»

Die einstündige BBC-Dokumentation «Trouble In Amish Paradise» zeichnet die Geschichte zweier Familien nach, die aus einer konservativen Amisch-Gemeinde verstossen worden sind. Quelle: YouTube/D Stewart

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