Mehr Lehrstellen besetzt: Run auf Pflegeberufe in der Corona-Pandemie
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Mehr Lehrstellen besetztRun auf Pflegeberufe in der Corona-Pandemie

Das Pflegepersonal berichtet in der Corona-Pandemie von teils belastenden Arbeitsbedingungen. Doch davon lassen sich viele nicht abschrecken: Das Interesse an Pflegeberufen hat seit Corona deutlich zugenommen.

von
Daniel Graf
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Pflegeberufe sind in der Corona-Krise im Aufwind.

Pflegeberufe sind in der Corona-Krise im Aufwind.

SPITEX SCHWEIZ
Die Informationsveranstaltungen für die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachkraft HF sind deutlich besser besucht als vor der Krise.

Die Informationsveranstaltungen für die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachkraft HF sind deutlich besser besucht als vor der Krise.

KEYSTONE
Das sagt Ruth Aeberhard, Bereichsleiterin Höhere Fachschulen und Mitglied der Geschäftsleitung des Careum-Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Zürich.

Das sagt Ruth Aeberhard, Bereichsleiterin Höhere Fachschulen und Mitglied der Geschäftsleitung des Careum-Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Zürich.

Pressebild

Darum gehts

  • Der Initiant von Pflegedurchbruch.com kritisiert in einem mehrseitigen Brief die Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen.

  • Das Interesse an Pflegeberufen steigt in der Krise trotzdem.

  • Informationsveranstaltungen zur Pflegefachkraft-Ausbildung an einer HF erfahren einen Run und auch mehr Lehrstellen in diesem Bereich wurden besetzt.

Unzählige Überstunden, schlechte Bezahlung, extremer Stress und Personal, das trotz positivem Corona-Test arbeiten muss: Das sind nur einige der Missstände, über die das Gesundheitspersonal seit Beginn der Krise klagt. In verschiedenen Schweizer Städten hatte das Gesundheitspersonal im Oktober demonstriert. Die Botschaft: Uns ging es schon vor der Krise nicht gut, jetzt muss endlich etwas passieren.

«Während der Corona-Krise zeigten sich die Probleme überdeutlich, auf die die Pflegenden schon seit Jahren hinweisen», sagt auch Alain R. Müller, Initiant der Plattform Pflegedurchbruch.com. In einem mehrseitigen offenen Brief an die Politik drückte er am Freitag seinen Unmut aus (siehe unten).

«Im Beruf etwas Sinnvolles tun»

Trotz der Kritik an den Arbeitsbedingungen hat das Interesse an Pflegeberufen stark zugenommen. «Wir führen unsere Informationsveranstaltungen zur Ausbildung zur Pflegefachfrau HF seit Beginn der Krise online durch. Das Interesse hat enorm zugenommen, wir hatten bis zu 180 Teilnehmer pro Veranstaltung», sagt etwa Ruth Aeberhard, Bereichsleiterin Höhere Fachschulen und Mitglied der Geschäftsleitung des Careum-Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Zürich.

Natalie Rahm, Leiterin Marketing und Kommunikation beim Branchenverband Organisation der Arbeitswelt (OdA) Gesundheit Zürich, bestätigt: «Bei den Pflegeberufen ist ein grosses Interesse zu verzeichnen.» Beim Beruf Pflegefachmann/-frau auf Stufe Höhere Fachschule habe gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung verzeichnet werden können, ebenso bei den Schulabgängern: «Die Lehrbeginne in der Grundausbildung zum Fachmann Gesundheit EFZ sind steigend.»

Lehrstellen sind beliebt

Theo Nick, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes in Bern, sagt, eine Einschätzung sei derzeit schwierig: «Wir stehen voll im Berufswahlprozess und die Rekrutierungen laufen. Diese sind aber durch die grosse Belastung in den Spitälern und Heimen eher verzögert.» Fakt sei aber: «Die Berufe Fachfrau Gesundheit und Fachmann Betreuung sind mittlerweile auf Rang 2 und Rang 4 der gewählten Berufe. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen.»

Für das gesteigerte Interesse sieht Ruth Aeberhard mehrere Gründe: «Das Bewusstsein der Menschen, in ihrem Beruf etwas Sinnvolles tun und Menschen helfen zu wollen, hat in dieser Krise klar zugenommen. Das hören wir bei unseren Eignungsgesprächen oft.» Ein weiterer wichtiger Faktor seien die wirtschaftlich schwierigen Zeiten: «In der Pflege wird es immer Jobs geben, das Personal ist knapp. In der Krise wurde wohl vielen bewusst, dass ein Job in der Pflege sicher ist und Zukunft hat.»

Das Durchschnittsalter der Menschen, die sich zur diplomierten Pflegefachkraft ausbilden lassen, liegt laut Aeberhard ungefähr bei 23 Jahren. «Wir merken in der Krise aber, dass auch die Zahl der Quereinsteiger zunimmt.» Ältere Menschen, die zuvor etwas ganz anderes gemacht hätten, verspürten ebenfalls vermehrt den Drang, ihr restliches Berufsleben in den Dienst von Pflegebedürftigen zu stellen.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

«Sind froh um jeden»

Für Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachkräfte, sind das gute Nachrichten: «Wir sind unglaublich froh um jeden, der sich für einen Beruf in der Pflege interessiert und eine Ausbildung macht.» Die Pandemie zeige, dass es letztlich auch die Pflegenden seien, die wüssten, wie man mit solchen Infektionskrankheiten umzugehen habe, wie man sich schütze und den Gepflegten trotz schwieriger Umstände die bestmögliche Behandlung zukommen lasse.

Ribi, selber diplomierte Pflegefachfrau, schwärmt von ihrem Beruf. «Wir haben ein grosses Fachwissen und arbeiten sehr eng mit Menschen zusammen. So dürfen wir viele schöne Moment erleben, aber auch viele schwierige, intensive. All diese Momente machen einen Job in der Pflege eigentlich zum schönsten Beruf, den es gibt», sagt Ribi.

«Pflegenotstand könnte sich verschärfen»

Das grosse Aber: «Die Arbeits- und Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass fast die Hälfte der ausgebildeten Pflegefachkräfte den Beruf früher oder später verlassen. Es ist deshalb unabdingbar, dass die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Es muss möglich sein, dass Pflegende ein ganzes Arbeitsleben lang engagiert, motiviert und gesund bleiben. Da braucht es Investitionen, da ist die Politik gefordert. Andernfalls verschärft sich der aktuelle Pflegenotstand», mahnt Ribi.

«Pflegende stehen schon lange am Abgrund»

Alain R. Müller ist seit 20 Jahren diplomierter Pflegefachmann und Initiant der Plattform Pflegedurchbruch.com. Am Freitag hat Müller einen offenen Brief an die Politik und die Bevölkerung veröffentlicht. Darin beschreibt er die «unhaltbaren Bedingungen», unter denen die Pflegenden schon seit Jahren arbeiten müssten. Er kritisiert fehlendes Personal, fast tägliche Überstunden und gestrichene Feiertage. Auch müssten fachliche und ethische Prinzipien bei der Arbeit gezwungenermassen vernachlässigt oder sogar dagegen verstossen werden, um die Arbeit «wenigstens halbwegs» zu erledigen. Die Folge seien Fehler, unter denen die Patienten leiden müssten. Auch die Gefahr körperlicher Gewalt beschreibt Müller.
«Zunehmend werden wir von unseren Arbeitgebern unter Druck gesetzt, solche Missstände nicht anzusprechen», schreibt Müller weiter. Wer reklamiere oder auf seinen Rechten beharre, müsse damit rechnen, aus dem Betrieb geekelt zu werden. Dazu komme zurzeit, dass Pflegepersonal arbeiten gehen müsse trotz positivem Corona-Test.
Müller beklagt auch den tiefen Lohn und vergleicht ihn mit dem eines diplomierten Betriebswirts. Ihn stört, dass die Pflegenden für ihre Protestaktionen teils sogar noch kritisiert worden seien. «Wenn Sie nicht bald anfangen, tiefgreifende und wirksame Verbesserungen in unserem beruflichen Alltag einzuführen, werden Ihnen noch mehr Gesundheitsfachpersonen davonlaufen, als es bis jetzt schon der Fall ist», warnt Müller. Den ganzen Brief gibt es hier zu lesen.

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