«Beeindruckender Zynismus»: Russen feiern Konzert vor zerbombten Theater in Mariupol
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«Beeindruckender Zynismus»Russen feiern Konzert vor zerbombten Theater in Mariupol

Auf Social Media ist ein Video aufgetaucht, dass Russen beim Feiern zeigen soll – ausgerechnet an dem Ort, wo im März Hunderte Zivilisten durch ihre Bomben getötet wurden. Der Clip scheint echt.

von
Fee Anabelle Riebeling
Jean-Claude Gerber
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«Der Zynismus beschreibt nicht einmal ansatzweise, was in der Stadt passiert» – so kommentiert der ehemalige stellvertretende Innenminister der Ukraine Anton Gerashchenko ein Video, das auf Twitter und Telegram verbreitet wird. (Im Bild: Ausschnitt aus dem Video.)

«Der Zynismus beschreibt nicht einmal ansatzweise, was in der Stadt passiert» – so kommentiert der ehemalige stellvertretende Innenminister der Ukraine Anton Gerashchenko ein Video, das auf Twitter und Telegram verbreitet wird. (Im Bild: Ausschnitt aus dem Video.)

Screenshot Twitter/@Gerashchenko_en
Der Grund für den Zynismus-Vorwurf: Auf dem Video sind russische Zivilistinnen, Zivilisten und Soldaten beim Feiern in der Stadt Mariupol zu sehen. Deren Innenstadt ist seit Anfang April, die gesamte Stadt inklusive Asow-Stahlwerk seit dem 20. Mai in russischer Hand. 

Der Grund für den Zynismus-Vorwurf: Auf dem Video sind russische Zivilistinnen, Zivilisten und Soldaten beim Feiern in der Stadt Mariupol zu sehen. Deren Innenstadt ist seit Anfang April, die gesamte Stadt inklusive Asow-Stahlwerk seit dem 20. Mai in russischer Hand. 

Screenshot Telegram/Ukraine Now (German)
Die Aufnahmen entstanden ausgerechnet dort,  wo im März Hunderte Zivilisten durch russische Bomben getötet wurden. Am 16. März 2022 war das Drama-Theater in Mariupol Ziel eines Luftangriffs.

Die Aufnahmen entstanden ausgerechnet dort,  wo im März Hunderte Zivilisten durch russische Bomben getötet wurden. Am 16. März 2022 war das Drama-Theater in Mariupol Ziel eines Luftangriffs.

REUTERS

Darum gehts

«Tanzen auf Knochen und Schmerzen – was gibt es Schrecklicheres?» So kommentieren die Verantwortlichen des Telegram-Kanals «Ukraine Now (German)» ein kurzes Video. Dieses ist zwar nur sieben Sekunden lang, sorgt aber bei den Followern und Followerinnen für Fassungslosigkeit. Das Video zeigt – so suggeriert es der Post – Russen und Russinnen, die in der Stadt Mariupol ein kleines Konzert abhalten. Deren Innenstadt ist seit Anfang April, die gesamte Stadt inklusive Asow-Stahlwerk seit dem 20. Mai in russischer Hand. Die Feierlichkeiten finden ausgerechnet an jenem Ort statt, wo durch einen Angriff von russischer Seite «Hunderte Menschen starben», wie der Twitter-Account @Flash43191300 schreibt.

Bombardierung trotz Hinweis auf Kinder

Es handelt sich um den Platz vor dem Drama-Theater in Mariupol, dass am 16. März 2022 bei einem Luftangriff zerstört wurde. Laut Angaben der Stadtverwaltung ging dieser von russischer Seite aus. Der Kreml widerspricht und gibt Kiew die Schuld dafür.

Laut einer Rekonstruktion der Nachrichtenagentur AP starben damals etwa 600 Menschen – vor allem Frauen und Kinder, die in dem Gebäude Schutz gesucht hatten. Einen entsprechender Hinweis hatten sie in grossen, weissen Buchstaben zur Warnung auf den Platz gepinselt: «Deti – Kinder.» Dieser ist auch auf dem kurzen Video zu sehen, ebenso wie die markanten Steinplatten des Theaterplatzes sowie die zerstörte Fassade des Schauspielhauses (siehe Bildstrecke).

Aufgenommen Ende Mai, Anfang Juni

Das Video ist also tatsächlich dort aufgenommen worden, wo vor knapp drei Monaten Menschen ihr Leben liessen. Wann genau, bleibt offen. Zum ersten Mal öffentlich gepostet wurde es am 7. Juni 2022 von Anton Gerashchenko, dem ehemaligen stellvertretenden Innenminister der Ukraine. Entsprechend ist davon auszugehen, dass die Feierlichkeiten in den Tagen zuvor stattfanden.

Das deckt sich auch mit der Vegetation, die im Video zu sehen ist: Die grünen Bäume deuten auf ein fortgeschrittenes Frühjahr oder frühen Sommer hin. Anfang April, als pro-russische Kräfte die Kontrolle über die Innenstadt übernahmen, waren die Bäume noch ohne Laub, wie eine Aufnahme der Nachrichtenagentur Reuters vom 10. April zeigt (siehe Bildstrecke). Dazu passt auch die Kleidung der Menschen. Sie lässt auf warme Temperaturen schliessen, die laut der Plattform Wolframalpha.com dort tatsächlich in den letzten Tagen herrschten.

Logische Schlüsse deuten auf Russen hin

Nicht eindeutig klären lässt sich, ob es sich bei den Menschen im Video tatsächlich um russische Zivilistinnen, Zivilisten und Soldaten handelt. Einige logische Punkte deuten jedoch darauf hin: So spricht der vermutete Zeitpunkt der Aufnahme – Ende Mai/Anfang Juni 2022 – dafür, dass es sich um eine russische Veranstaltung handelt. Davon, dass die neuen Machthaber den ukrainischen Bürgern und Bürgerinnen der Stadt ein Fest gestatten, ist nicht auszugehen. Zumal diese derzeit auch wohl nichts zu feiern haben.

Die zivilen Besucherinnen und Besucher, die zu Beginn des Videos zu sehen sind, könnten mit den hinter ihnen stehenden Bussen auf den Platz gebracht worden sein. Einen weiteren Hinweis darauf, dass es sich um eine Veranstaltung von russischer Seite handelt, liefern die Flaggen, die an den Säulen des Theaters angebracht sind. Es handelt sich dabei um die Flagge der nur von Russland und Syrien anerkannten Volksrepublik Donezk, also der pro-russischen Rebellen.

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