Impftourismus boomt – Russen strömen zum Impfen nach Serbien
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Impftourismus boomtRussen strömen zum Impfen nach Serbien

Weil der heimische Impfstoff Sputnik V in vielen Ländern nicht die Tür öffnet, lassen sich reisehungrige Russinnen und Russen ihren Impfschutz auf dem Balkan mit international anerkannten Vakzinen aufstocken.

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Russland präsentierte schon im Sommer 2020 den Impfstoff Sputnik V. 

Russland präsentierte schon im Sommer 2020 den Impfstoff Sputnik V.

AFP
In rund 70 Staaten ist der Impfstoff anerkannt – zu wenig für reisefreudige Russinnen und Russen.

In rund 70 Staaten ist der Impfstoff anerkannt – zu wenig für reisefreudige Russinnen und Russen.

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Als Sputnik V in Russland zugelassen wurde, waren die Pawlows unter den Ersten, die sich den Corona-Impfstoff aus heimischer Produktion spritzen liessen. Doch dann steckten sie im Dilemma: Das russische Vakzin wird international weitgehend noch immer nicht anerkannt, fürs Reisen reicht das Sputnik-V-Impfzertifikat in vielen Ländern nicht aus. Und die Pawlows wollten reisen.

Für den Flug in den Westen fand die Familie aus Rostow am Don nur die Lösung, sich anderweitig noch einmal nach einem anderen Impfstoff umzusehen. Die Suche führte sie nach Serbien. In dem Balkanland, in das Russinnen und Russen ohne Visa einreisen dürfen, hatten die Pawlows die Wahl zwischen mehreren Impfstoffen aus dem Westen, die international anerkannt werden.

Sie waren – und sind – bei weitem nicht die Einzigen, die für die Impf-Aufstockung in Serbien Geld in die Hand nahmen. Hunderte ihrer Landsleute sind allein in den letzten Wochen nach Serbien gereist, um ihre Covid-19-Impfung für den Urlaub und Besuche im westlichen Ausland fit zu machen. Organisierte Touren für Impfwillige aus Russland sind zu einem boomenden Geschäftszweig geworden.

Solche Impf-Tour-Pakete sind nach Angaben des russischen Reiseveranstalterverbands seit Mitte September auf dem Markt. Die Preise beginnen bei umgerechnet gut 270 bis 640 Euro, je nachdem was alles inbegriffen ist, wie Geschäftsführerin Maja Lomidse erklärt.

WHO zögert

«Wir liessen uns die Biontech-Impfung geben, weil wir um die Welt reisen wollen», sagt die 54-jährige Nadeschda Pawlowa nach der Spritze in einem Belgrader Impfzentrum. Die ganze Welt sollte offen für sie sein, nicht nur ein paar Länder, ergänzt ihr Mann Vitali Pawlow.

Sputnik V wurde schon im Sommer 2020 von Russland vorgestellt. Präsident Wladimir Putin feierte das Vakzin als weltweit ersten registrierten Corona-Impfstoff. Seitdem wurde Sputnik V in rund 70 Staaten anerkannt, darunter auch Serbien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zögert allerdings noch und verweist darauf, dass die Prüfung des Präparats noch andauere.

Dieser Tage verlautete nun aus der WHO, dass rechtliche Fragen, die den Prozess bremsten, kurz vor der Lösung stünden. Weitere Hürden aber bleiben, darunter nach internationaler Sicht eine fehlende komplette wissenschaftliche Offenlegung und unzureichende Inspektionen an den Produktionsstätten, wie WHO-Vizegeneraldirektorin Mariangela Simao erklärt. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat Sputnik V noch nicht abgesegnet.

Frustriert vom langen Warten griffen im September viele Russinnen und Russen zur Selbsthilfe, sprich zur Impf-Fahrt nach Serbien, als die WHO im September weitere Verzögerungen ankündigte. «Die Leute wollen nicht warten», betont Anna Filatowskaja vom Moskauer Reiseunternehmen Russki Express. Sie wollten aus ganz verschiedenen Gründen ganz Europa bereisen können. «Manche haben Verwandtschaft dort. Manche haben Geschäfte, manche das Studium, manche Arbeit. Manche wollen einfach nach Europa reisen, weil es ihnen fehlt.»

In Serbien sind – neben dem chinesischen Sinopharm – auch Biontech und AstraZeneca im Angebot. Dort gibt es Impfungen für Ausländer seit August. Nach offiziellen Zahlen haben bislang fast 160’000 Menschen davon Gebrauch gemacht, wie viele davon aus Russland kamen, ist nicht aufgeschlüsselt.

Wegen hoher Nachfrage haben russische Reiseveranstalter ihre Fahrten inzwischen auch auf Kroatien ausgeweitet, wo sich Touristinnen und Touristen mit dem Johnson&Johnson-Vakzin impfen lassen können. Der grosse Vorteil dabei: Es reicht erst einmal eine Spritze und damit ist keine zweite Anfahrt ein paar Wochen später nötig.

Tourismusbranche freut es

«Für Serbien ist die Nachfrage lawinenartig angewachsen», sagt Filatowskaja. «Es ist irgendwie, als ob unser Unternehmen derzeit nichts anderes macht, als Touren nach Serbien zu verkaufen.»

Die Kolleginnen und Kollegen im Zielland freut es. Nach den Corona-Einbrüchen in der Branche bringen die Impf-Touristen wieder Geld in die Kasse. Sie seien derzeit gut ausgebucht, sagt Predrag Tesic, der Chef des Reisebüros BTS Kompas in Belgrad.

Sein Unternehmen kümmere sich um alles, vom Flughafentransfer über Unterkunft bis zur Übersetzung im Impfzentrum. Bei der Anreise für die Zweitimpfung stehe dann auch der Besuch einiger Sehenswürdigkeiten Serbiens auf dem Programm, erklärt Tesic und freut sich auf weitere Kundschaft. «Es hat verhalten angefangen, aber von Tag zu Tag nehmen die Zahlen schön zu.»

(DPA/roy)

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