Verschwörungstheorien: Russen-Trump oder Schnüffel-Obama?
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VerschwörungstheorienRussen-Trump oder Schnüffel-Obama?

Ist Trump ein russischer Agent? Oder liess ihn Obama abhören? Oder beides? Antworten zu Washingtons wilden Verschwörungstheorien.

von
Martin Suter
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Donald Trump zieht sein Programm als neuer US-Präsident durch, aber er ist frustriert. Bild: Auftritt auf dem Flugzeugträger USS Gerald R. Ford am 2. März 2017 in Newport News, Virginia.

Donald Trump zieht sein Programm als neuer US-Präsident durch, aber er ist frustriert. Bild: Auftritt auf dem Flugzeugträger USS Gerald R. Ford am 2. März 2017 in Newport News, Virginia.

AFP/Saul Loeb
Seit Wochen wehrt er sich gegen den in einer Verschwörungstheorie erhobenen Vorwurf, mit russischen Geheimdiensten verbandelt zu sein. Bild: Wandbild mit Trump und Wladimir Putin (links) am 14. Mai 2016 in Wilna, Litauen.

Seit Wochen wehrt er sich gegen den in einer Verschwörungstheorie erhobenen Vorwurf, mit russischen Geheimdiensten verbandelt zu sein. Bild: Wandbild mit Trump und Wladimir Putin (links) am 14. Mai 2016 in Wilna, Litauen.

Mindaugas Kulbis
Dem Russenskandal fiel der Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn zum Opfer: Im Februar musste er den Hut nehmen, weil er über ein Telefonat mit dem russischen Botschafter in den USA nicht die Wahrheit gesagt hatte. (10. Februar 2017)

Dem Russenskandal fiel der Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn zum Opfer: Im Februar musste er den Hut nehmen, weil er über ein Telefonat mit dem russischen Botschafter in den USA nicht die Wahrheit gesagt hatte. (10. Februar 2017)

AP/Carolyn Kaster

In Nordkorea starten Raketen, im Irak fällt Mosul, und der neue US-Präsident nimmt sich die Gesundheitsreform vor. Journalisten in Washington fasziniert aber vor allem eines: die Verschwörungstheorien um Donald Trump.

Die Theorie einer Absprache zwischen der Trump-Kampagne und russischen Geheimdienstleuten kursierte schon vor der Wahl des Republikaners letzten November. Seither hält sie sich hartnäckig in den Schlagzeilen. Sie führte im Februar zum Rücktritt des Sicherheitsberaters Michael Flynn, der über ein Telefongespräch mit dem russischen Botschafter nicht die Wahrheit gesagt hatte. Zuletzt brachte sie Justizminister Jeff Sessions in Bedrängnis.

Trump verteidigt Justiziminister

Der US-Präsident hat «totales» Vertrauen in Jeff Sessions. (Video: Tamedia/AFP)

Trump verteidigt Justizminister Sessions (Tamedia-Webvideo mit AFP)

Seit letztem Samstag macht eine zweite Theorie die Runde: der von Trump in mehreren Tweets erhobene Vorwurf, sein Vorgänger Barack Obama habe ihn und sein Team schon im Wahlkampf abhören lassen. Politische Freunde des Präsidenten stemmen diese Anklage zu einem zweiten Watergate hoch. Hier Antworten auf die sechs wichtigsten Fragen:

1. Was besagt die Theorie einer Russland-Connection?

Die Theorie baut auf der inzwischen nicht mehr bezweifelten Einmischung Russlands in die US-Wahlen auf. Sie besagt, dass Mitglieder der Trump-Kampagne eingeweiht waren, als im Auftrag der russischen Geheimdienste gehackte E-Mails der demokratischen Partei sowie von Hillary Clintons Kampagnenvorsitzendem John Podesta verbreitet wurden.

2. Was ist an Fakten bezüglich Russlandkontakten gesichert?

Etabliert sind einige Kontakte: Trumps früherer Kampagnenleiter Paul Manafort beriet einst den russlandfreundlichen ukrainischen Politiker Viktor Janukowitsch. Michael Flynn sass 2016 an einem Jubiläumsanlass des Propagandasenders RT in Moskau neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Laut «New York Times» vom Januar werden auch der frühere Merrill-Lynch-Banker Carter Page und der Trump-Freund Roger Stone wegen angeblicher Russlandkontakte untersucht.

3. Was behauptet Trump mit seinem Abhörvorwurf?

Trump twitterte am Samstag, Obama habe die Drähte im Trump Tower in New York anzapfen lassen. Seine Theorie ist offenbar, dass Obama oder die Obama-Regierung die Geheimdienste damit beauftragt habe, Telefonleitungen und/oder Datenleitungen zum Nervenzentrum der Trump-Kampagne abzuhören. Das Ziel des Manövers könnte gewesen sein, Hillary Clinton Vorteile im Wahlkampf zu verschaffen. Nach der Wahl sollten «geleakte» Informationen Trump beim Amtsantritt behindern.

4. Wie viel ist bezüglich Abhörungen gesichert?

Fest steht nur, dass ein Telefonat von Sicherheitsberater Flynn mit dem russischen Botschafter Sergej Kisljak im Januar abgehört und eine Abschrift davon der «Washington Post» zugespielt wurde. Zudem gab Obama wenige Tage vor seinem Abtritt der für elektronische Schnüffeleien zuständigen National Security Agency (NSA) mehr Kompetenzen, anderen Behörden rohe Geheimdienstdaten weiterzugeben. Das erleichtert Informationslecks. Andere konkrete Schnüffelverdächtigungen werden von anonymen Quellen erhoben.

5. An welcher Verschwörungstheorie ist mehr dran?

Für die Theorie einer Verbandelung Trumps und seiner Leute mit Russland sprechen bloss vereinzelte persönliche Kontakte und das russische E-Mail-Hacking. Konkrete Hinweise auf eine aktive Kollusion gibt es nicht, das bestätigte der frühere Geheimdienstdirektor James Clapper am Sonntag. Skeptische Beobachter glauben, wenn die Vorwürfe Substanz besässen, hätte man mittlerweile davon erfahren.

Für die Existenz von Lauschangriffen der US-Geheimdienste auf die Trump-Kampagne sprechen jedoch zahlreiche teils ausführliche Berichte in renommierten Medien wie der «New York Times» oder der BBC. Offen bleibt allerdings, wer genau schnüffelte – die NSA oder die Bundespolizei FBI –, und auf welcher rechtlichen Grundlage dies erfolgte. Ungeklärt ist zudem, wer die Abhörungen veranlasste, und welche Rolle Obama dabei spielte.

6. Wird die Wahrheit je ans Licht kommen?

Um ihre Theorie der Russland-Connection an den Tag zu bringen, fordern die Demokraten den Einsatz eines unabhängigen Untersuchungsrichters. Die Trump-Regierung will davon nichts wissen. Sie möchte die Untersuchungen der zwei Geheimdienstausschüsse im Kongress abwarten. Jener des Repräsentantenhauses will am 20. März ein erstes öffentliches Hearing veranstalten.

Politisch herrscht bezüglich der Skandale ein Patt: Trump konnte mit seinen Tweets den Anschuldigungen gegen ihn vorerst die Spitze brechen. Die Vorwürfe sind auf beiden Seiten jedoch so kompliziert und viele Fakten sind so geheim, dass eine sehr lange Zeit vergehen wird, bis Klarheit entstehen kann – wenn überhaupt.

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