Identitätsdiebstahl - Russischer Dieb klaut Online-Identität von Influencer Steven Epprecht
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IdentitätsdiebstahlRussischer Dieb klaut Online-Identität von Influencer Steven Epprecht

In der Schweiz gibt es dreimal so viele Fälle von Identitätsdiebstahl wie im europäischen Schnitt. Der Schweizer Influencer Steven Epprecht und zwei weitere Leser*innen erzählen, was der Klau ihrer Fotos und die daraus erstellten Fake-Profile mit ihnen gemacht haben.

von
Deborah Gonzalez
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 Als Identitätsdiebstahl wird ein betrügerischer Missbrauch personenbezogener Daten einer Person, mit dem jemand den Anschein erweckt, diese Person zu sein, bezeichnet.

Als Identitätsdiebstahl wird ein betrügerischer Missbrauch personenbezogener Daten einer Person, mit dem jemand den Anschein erweckt, diese Person zu sein, bezeichnet.

Unsplash
Auf Apps wie Instagram werden oft Bilder geklaut …

Auf Apps wie Instagram werden oft Bilder geklaut …

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… um dann Fake-Profile auf Dating-Apps zu erstellen.

… um dann Fake-Profile auf Dating-Apps zu erstellen.

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Darum gehts

  • Wenn jemand Fotos und Daten anderer missbräuchlich nutzt und sich damit als jemand anderes ausgibt, spricht man von einem Identitätsdiebstahl. Drei Prozent der Schweizer Bevölkerung sind von solchen Sicherheitsproblemen betroffen.

  • Drei Leser*innen erzählen davon, wie sie sich gefühlt haben, als sie erfahren haben, dass jemand ihre Identität gestohlen hat.

  • Ein Internetsoziologe erklärt, was Opfer tun können.

Laut dem Bundesamt für Statistik waren 2019 drei Prozent der Schweizer Bevölkerung von Identitätsdiebstahl betroffen – das sind dreimal so viel wie im europäischen Durchschnitt. Im Schweizer Strafgesetzbuch wird der Straftatbestand «Identitätsdiebstahl» aber gar nicht aufgeführt. Der Duden definiert den Begriff folgendermassen: betrügerischer Missbrauch personenbezogener Daten einer Person, mit dem jemand den Anschein erweckt, diese Person zu sein.

Auch in der 20 Minuten-Community gibt es Leser*innen, deren Identität online missbraucht wurde. Drei User*innen erzählen von ihren Erfahrungen und wie sie nach dem Diebstahl ihr Online-Leben verändert haben.

«Ein Unbekannter hat meinen Namen und mein Gesicht in den Dreck gezogen»

Der 32-jährige Steven ist Influencer. Er ist es gewohnt, dass seine Bilder missbraucht werden, doch ein User geht zu weit: «Er nutzt meine Bilder und gibt sich damit als Vermögensberater aus. Damit legt er Leute rein und zockt sie ab!»

Der 32-jährige Steven ist Influencer. Er ist es gewohnt, dass seine Bilder missbraucht werden, doch ein User geht zu weit: «Er nutzt meine Bilder und gibt sich damit als Vermögensberater aus. Damit legt er Leute rein und zockt sie ab!»

Privat

«Es gibt einen russischen Account, der auf Instagram meine Bilder und Stories klaut und sie täglich hochlädt, um so echt wie möglich zu wirken. Die Seite hat bereits über 200’000 Followerinnen und Follower. Die Person dahinter gibt sich als Vermögensverwalter aus und verspricht, aus einer geringen Investition sehr viel Geld zu machen. Einige Leute sind darauf reingefallen, wie viele genau, weiss ich nicht. Sie überweisen dem Täter zwar immer nur kleine Beträge, die aber in der Summe viel ausmachen. Ich finde das so schlimm, weil damit mein Name und mein Gesicht in den Dreck gezogen werden und mein Image Schaden nimmt, das ich mit viel Arbeit aufgebaut habe!», erzählt Influencer Steven. Er könne nichts gegen den Täter machen. Auch die Polizei und Instagram seien keine grosse Hilfe. Von Seiten der Polizei heisse es, dass man nichts tun könne, weil für Steven persönlich kein Schaden entstanden sei, erklärt der Influencer.

«Ich habe versucht, etwas zu unternehmen, für die Opfer, aber auch für mich. Ich habe Angst, dass das Ganze ein schlechtes Licht auf mich wirft oder dass mein Account gelöscht wird! Dass ich auch mit Fake-Profilen auf Dating-Plattformen zu sehen bin, ist mir egal – ich bin eh Single und das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man sein Leben öffentlich teilt. Am Ende des Tages ist man für den Täter oder die Täterin nur Mittel zum Zweck.»

«Es ist vielleicht blöd, aber ich werde nichts an meinem Online-Leben ändern»

Der 28-jährige Alonso ist es gewohnt, dass seine Bilder für Fake-Profile genutzt werden.

Der 28-jährige Alonso ist es gewohnt, dass seine Bilder für Fake-Profile genutzt werden.

Privat

Alonsos Gesicht ist gleich mehrmals auf verschiedenen Dating-Plattformen zu sehen, immer wieder werden seine Fotos genutzt, um neue Profile zu eröffnen. Freund*innen haben ihn darauf aufmerksam gemacht. Wer dahinter steckt, weiss Alonso nicht. Anzeige erstatten wollte er trotzdem: «Ich bin zur Polizei, aber dort wurde ich nicht wirklich angehört. Sie schickten mich weiter zur Cybercrime-Abteilung. Dort musste ich ein Formular ausfüllen. Doch ihre Antwortmail hat mich sehr verwirrt. Es hiess, dass sie nicht viel machen könnten. Wieso, weiss ich auch nicht. Eine richtige Erklärung habe ich nie bekommen. Lediglich eine Empfehlung gab es: Ich könne mit der Plattform schauen, dass das Profil blockiert wird. Aber das bringt ja nichts, die Person kann ja jederzeit wieder ein neues eröffnen. Und ich kann einfach nichts dagegen machen. Ich habe schnell gemerkt, dass ich wehrlos bin. Jeder könnte sich als Alonso ausgeben und mir sind die Hände gebunden – das ist schon bitter.»

Was ist die Cybercrime-Abteilung?

Das Nationale Zentrum für Cybersicherheit (NCSC) ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Cybersicherheit. Auf cybercrimepolice.ch werden tagesaktuell Warnmeldungen für die Bevölkerung vor gegenwärtigen und vor allen neuen Cyberbedrohungen publiziert. Damit erhalten alle Bürger*innen eine interaktive Übersicht über die aktuellen Bedrohungen im Internet.

Sein Online-Leben möchte Alonso trotz der wiederholten Identitätsdiebstähle nicht einschränken: «Es ist vielleicht blöd, aber ich werde nichts gross ändern. Ich schränke mein Onlinedasein nicht ein, ich möchte dieser Person nicht die Genugtuung geben. Klar nimmt es mich mit und ich bin etwas vorsichtiger geworden, aber im Endeffekt kann ich ja nichts anderes tun, als es zu akzeptieren.»

«Ich weiss, wer der Täter ist – die Polizei tut trotzdem nichts»

Merle* (28) aus Winterthur weiss, dass ihr Ex hinter dem Fake-Profil steckt, kann aber trotzdem nichts dagegen unternehmen. (Symbolbild)

Merle* (28) aus Winterthur weiss, dass ihr Ex hinter dem Fake-Profil steckt, kann aber trotzdem nichts dagegen unternehmen. (Symbolbild)

Unsplash

Auch die 28-jährige Merle* hat schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, wie sie erzählt: «Im Gegensatz zu vielen anderen, die unter Identitätsdiebstahl leiden, weiss ich, dass mein Ex der Täter ist und trotzdem wird nichts gemacht. Wahrscheinlich muss zuerst etwas Schlimmes passieren!» Er sei mit der Trennung nicht klar gekommen und habe dann auf einer Dating-Plattform mit ihrem Namen und Bildern ein Profil erstellt. «Er hat mich mit diesem Profil angeschrieben und mich bedroht. Er hat mich beleidigt und gesagt, dass noch etwas Schlimmes passieren würde.»

Wie sieht es strafrechtlich aus?

Die Kantonspolizei Zürich sagt auf Anfrage: «Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass der Straftatbestand «Identitätsdiebstahl» im Schweizer Strafgesetzbuch nicht aufgeführt ist. Entscheidend sind verschiedene Faktoren, welche schlussendlich strafrechtlich relevant sind. Die Kantonspolizei Zürich appelliert diesbezüglich auch an die Userinnen und User zu prüfen, welche Bilder öffentlich bereitgestellt werden und wie die Privatsphäre in den Plattformen eingerichtet ist. Wenn die Bilder/Inhalte durch die Täterinnen und Täter durch Hacking/Phishing erlangt worden sind oder damit zum Beispiel Betrug, ehrverletzende Darstellungen etc. erstellt werden, kann bei der Polizei eine Anzeige erstattet werden.

Bei einer Anzeigeerstattung sollten der Polizei möglichst viele Screenshots von Original-Profil und Fake-Profil abgegeben werden; wenn möglich auch in digitaler Form. Weiter ist die Dokumentation der Kommunikation mit dem User oder der Userin hinter dem Fake-Profil sehr wichtig. Die Mitarbeitenden der Kantonspolizei Zürich nehmen bei einer solchen Anzeige mit den Spezialisten der Abteilung Cybercrime für die Klärung von Detailfragen Kontakt auf. Weiter empfiehlt die Kantonspolizei Zürich, dass sich die Nutzerinnen und Nutzer nach einer solchen Feststellung sofort bei den Betreibern der Plattform melden und die Sperrung/Löschung beantragen.

Auf der Seite der Dating-Plattform wird einem in solchen Fällen dazu geraten, die Polizei einzuschalten. Das habe die Winterthurerin sofort getan und trotzdem sei nichts passiert. Der Polizist habe nicht wirklich verstehen wollen, worum es geht, erzählt Merle: «Er meinte, dass man damit rechnen müsse, wenn man Privates auf Social Media teilt und fragte mich, wo denn das Problem sei, wenn ich meinen Ex bereits blockiert hätte.»

Die 28-Jährige wollte ihren damaligen Freund anzeigen, erfuhr aber, dass er als Beschuldigter das Recht auf Akteneinsicht hat. In den Akten stehen sämtliche Daten der Anzeige-Erstatteringeschwärzt sei laut Merle nichts. Das sei ein Problem, weil sie bereits umgezogen sei und ihre Telefonnummer gewechselt habe und nicht wolle, dass er sie ausfindig mache. «Ich bin schockiert, dass der Opferschutz nicht gross geschrieben wird und dass das Recht des Täters wichtiger ist, als der Schutz des Opfers. Ich fühle mich schutzlos und alleine gelassen.»

Ob das wirklich so ist, dass die Opfer hängen gelassen werden, beantwortet die Medienstelle der Kapo Bern: «Wenn die missbräuchliche Verwendung eines Bildes nicht mit anderen Straftaten einhergeht, handelt es sich um einen Fall, gegen den man primär zivilrechtlich vorgehen kann. Nur wenn auch strafrechtliche Aspekte im Raum stehen, könnte bei der Polizei Anzeige erstattet und entsprechende Ermittlungen aufgenommen werden.»

*Name geändert

«Viele Opfer von Identitätsdiebstahl brauchen professionelle Hilfe»

Stephan Humer, Internetsoziologe.

Stephan Humer, Internetsoziologe.

Privat

Herr Humer, was kann man gegen einen Identitätsdiebstahl tun?

Viele Menschen sind sehr unvorbereitet und blauäugig im Internet unterwegs. Es ist aber wichtig, dass man sich mögliche Konsequenzen seines Online-Handelns immer vor Augen hält. Das ist zwar mühsam, aber man sollte die Gefahr eines Identitätsdiebstahls nicht einfach ausblenden und hoffen, dass alles gut geht. Eine allgemeingültige Präventionsstrategie gegen Identitätsdiebstahl gibt es leider nicht.

Wie gestaltet man seine digitale Identität bewusst?

Eine digitale Identität ist Arbeit. Man sollte sich immer im Vornherein fragen: Auf welchen Plattformen bin ich vertreten? Was nutze ich wie und wofür? Was will ich dort? Ein Minimum an Strategie sollte man sich aneignen. Viele Menschen wollen im Privatleben locker sein und Spass haben und diese Seite auch online ausleben – dabei bedenken sie aber häufig nicht, welche Macht das Internet hat. Das Internet ist nicht privat und deswegen werden die dort veröffentlichten Inhalte auch nicht privat bleiben. Eine gewisse Ernsthaftigkeit sollte man also an den Tag legen.

Was kann man machen, wenn eigene Online-Inhalte online missbraucht werden?

In den meisten Fällen ist es «nur» ärgerlich – es stört, man muss Meldung machen, vielleicht die Polizei einschalten, das kostet Zeit und Nerven. Wird der eigene Inhalt über längere Zeit missbraucht, braucht die Person professionelle Hilfe. Wichtig ist hier: Keine Scheu oder Scham zeigen.

Wie kann sich ein Identitätsdiebstahl bei den Betroffenen auswirken?

Identitätsdiebstahl kann grundsätzlich eine Vielzahl von Ängsten und Stressreaktionen auslösen. Manche Menschen stresst vielleicht die Verwundbarkeit. Andere fühlen sich manipuliert und betrogen. Dazu können Erkrankungen kommen, die von Kopfschmerzen bis zu Depressionen reichen können. Es kann die Betroffenen auch nachhaltig verstören, sodass sie im Alltag Probleme mit dem eigenen Selbst entwickeln oder anderen gegenüber misstrauischer werden und sich selbst weniger zutrauen.

An wen kann man sich wenden?

Viele Betroffene stossen bei einem Grossteil der Psycholog*innen auf taube Ohren, weil sie sich im Bereich Cybercrime noch überhaupt nicht auskennen. Auch bei den Behörden stelle ich grosse Wissenslücken fest. Betroffene, die sich an die Polizei wenden, laufen häufig auf. Es gibt noch viel zu lernen und zu verbessern. Trotzdem ist es wichtig, die Folgen eines Identitätsdiebstahls nicht zu unterschätzen und diese alleine zu verarbeiten. Man sollte sich ein Netzwerk aufbauen und schauen, dass immer jemand in der Nähe ist, mit dem man reden kann. In der Gesellschaft ist das Thema angekommen und die Leute haben viel mehr Verständnis als noch vor zehn Jahren.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Cybercrime betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Meldestellen:

Polizei nach Kanton

Aufklärung:

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