Gegen-SanktionenRussland nimmt West-Kondome ins Visier
Gummis aus dem Westen sollen auf die Sanktionsliste, fordert das russische Handelsministerium. Der oberste Gesundheitspolitiker zeigt sich begeistert.
- von
- kmo

Was Wladimir Putin von einem Einfuhrverbot für Kondome aus dem Westen hält, ist nicht bekannt.
Russland debattiert über den nächsten Schritt im Sanktionskrieg mit dem Westen: Neu sollen auch medizinische Güter auf die Einfuhrverbotsliste. Laut «Moscow Times» geht es um Produkte wie Röntgenapparate, Ultraschallgeräte, Defibrillatoren, aber auch Prothesen, Bandagen, Gummihandschuhe – und Kondome.
Der Vorschlag kommt aus dem russischen Handels- und Industrieministerium. Er stösst beim bekanntesten Gesundheitspolitiker des Landes auf Begeisterung. Gennadij Onyschtschenko, seines Zeichens Regierungsberater und ehemaliger Chef der obersten Gesundheitsbehörde in Russland, findet vor allem die Idee eines Einfuhrverbots für westliche Kondome gut.
Positiver Effekt für russische Werte
Onyschtschenkos Argument: Sind weniger Verhütungsmittel auf dem Markt, könnte die Geburtenrate in Russland endlich wieder ansteigen. Zudem erhofft sich der Funktionär einen positiven Effekt auf die Werte seiner Mitbürger: «Das zwingt die Menschen dazu, bei der Partnerwahl disziplinierter, präziser und wählerischer vorzugehen», glaubt Onyschtschenko.
Anders sieht das naturgemäss der Chef des russischen HIV-Bekämpfungszentrums: Wadim Pokrowski macht darauf aufmerksam, dass Kondome nicht nur der Schwangerschaftsverhütung dienen, sondern auch effektive Mittel im Kampf gegen Geschlechtskrankheiten und Aids sind.
Kondome kaufen ist peinlich
Die Russen benutzten jetzt schon viel zu selten Kondome, sagte Pokrowski in einem Interview mit dem russischen Portal Ura.ru Denn: «Gummis sind in Russland ziemlich teuer. Ausserdem ist es vielen Menschen immer noch peinlich, Kondome zu kaufen», so Pokrowski. Seine Forderung: Mehr Russen sollten einfacheren Zugang zu bezahlbaren Kondomen in guter Qualität haben. Gerade Letzteres ist in Russland ebenfalls ein grosses Problem. Laut dem Newsportal «Quartz» sind die russischen Kondome zwar günstiger als die westlichen, aber oft von miserabler Qualität.
Russland hat eine der höchsten HIV-Ansteckungsraten in Europa. «Wir verzeichnen durchschnittlich 250 Neuinfektionen pro Tag – die Hälfte davon wird sexuell übertragen», so Pokrowski zu Ura.ru. Das macht rund 90'000 Ansteckungen pro Jahr. Laut «Spiegel Online» sind eine Million Russen mit dem Virus infiziert.
Und was will Putin?
Was der russische Präsident Wladimir Putin von der Sanktionsidee hält, ist nicht bekannt: Die «Prawda» zitiert seinen Sprecher, der sagte, der Kreml habe noch nicht über eine Einfuhrsperre für medizinische Güter beraten.