Wie im Kalten Krieg: Russland tauscht vier gegen zehn Spione
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Wie im Kalten KriegRussland tauscht vier gegen zehn Spione

Eine Szenerie fast wie in einem Spionageroman: In Wien ging der grösste Agentenaustausch zwischen den USA und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges über die Bühne. 14 Spione wechselten die Seiten.

Am Vormittag landeten in der österreichischen Hauptstadt vier von Moskau begnadigte Russen und zehn aus den USA abgeschobene Agenten in getrennten Maschinen. Die Maschinen waren so abgestellt, dass die Türen nicht einsehbar waren. Fahrzeuge brachten mehrere Personen von einem Flugzeug zum anderen und umgekehrt.

Gegen 10.30 Uhr hob dann das russische Flugzeug in Richtung Moskau ab. Rund 15 Minuten später startete die US-Maschine in die entgegengesetzte Richtung. «Der Austausch ist vollendet», sagte ein Sprecher des US-Justizministeriums am Freitag.

Russlands Aussenministerium bestätigte das diplomatische Manöver nicht direkt, gab aber bekannt, dass die Geheimdienste beider Staaten «im Geiste der konstruktiven Partnerschaft» die Rückkehr von zehn russischen Bürgern erreicht hätten - gleichzeitig übergebe Moskau den USA vier Häftlinge.

Rasche Beilegung der Affäre

Mit dem raschen Vorgehen beim Austausch wollen beide Länder offenkundig eine diplomatische Krise gar nicht erst aufkommen lassen. Der russische Spionagering war Ende Juni in den USA aufgedeckt worden; die Affäre hatte die Beziehungen zwischen beiden Staaten erheblich belastet. Beide Seiten arbeiteten danach an einer schnellen Lösung.

Aus dem Kreml verlautete, der Austausch sei aufgrund «des grossen Vertrauens» zwischen dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und seinem US-Amtskollegen Barack Obama möglich gewesen.

Um dem Agentenaustausch den Weg zu ebnen, gaben die in den USA Inhaftierten vor einem Gericht in New York zu, als Spione für Russland tätig gewesen zu sein. Das Gericht verzichtete daraufhin auf eine Verurteilung der Beschuldigten und ordnete deren sofortige Abschiebung an.

Begnadigung durch Medwedew

Im Gegenzug begnadigte Russlands Präsident Medwedew in der Nacht zum Freitag vier in russischen Gefängnissen einsitzende Männer. Sie hatten zuvor in Briefen an Medwedew Spionagevorwürfe eingeräumt. Alle waren bereits seit mehreren Jahren inhaftiert.

Der angebliche CIA-Agent und Nuklear-Experte Igor Sutjagin etwa sass bereits seit knapp elf Jahren in einem nordrussischen Straflager. Er sei von den russischen Behörden stark unter Druck gesetzt worden, das Schuldbekenntnis zu unterschreiben, sagte seine Anwältin Anna Stawizkaja.

Ausser Sutjagin wechselten in Wien wohl auch Sergej Skripalj, Alexander Saporoschski und Gennadi Wassilenko die Seiten, wie das russische Staatsfernsehen berichtete. Die vier Männer waren wegen Spionage zu Haftstrafen bis zu 18 Jahren verurteilt worden.

Nicht alle wollen nach Russland

Unterdessen kündigten zwei der zehn russischen Spione an, nicht in Russland bleiben zu wollen. Die wegen ihres attraktiven Äusseren von der Boulevardpresse als «Agentin 90-60-90» bezeichnete Anna Chapman wolle in Grossbritannien leben, sagte ihr US-Anwalt Robert Baum.

Die Journalistin Vicky Pelaez will hingegen in ihr Heimatland Peru zurückkehren. Russland habe der 55-Jährigen ein Appartement und eine Lebensrente von 2000 Dollar im Monat angeboten sowie Visa und Flugtickets für ihre Kinder, wurde Pelaez' Anwalt zitiert. Dies habe sie jedoch abgelehnt.

Die in den USA Festgenommenen sollen einem elfköpfigen Spionagering angehören, der seit den 1990er-Jahren für den Kreml in den USA spioniert haben soll. Die zehn Männer und Frauen wurden in der vergangenen Woche in New York, Boston und Virginia festgenommen. Ein weiterer Mann wurde in Zypern gefasst, ihm gelang allerdings die Flucht. (sda)

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