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Russland wirft der Ukraine Gas-Klau vor

Nach wochenlangem Streit hat der russische Staatskonzern Gasprom seine Drohungen wahrgemacht und die Gaslieferungen an die Ukraine eingestellt. Acht Stunden später beschuldigte der Konzern die ukrainische Regierung, die für Westeuropa bestimmten Lieferungen anzuzapfen.

Kiew wies diesen Vorwurf entschieden zurück. Die Gaspipelines von Russland nach Westeuropa führen durch die Ukraine. In Deutschland wuchs die Sorge vor einer möglichen Erhöhung der Gaspreise.

Versorgungsengpässe drohen den deutschen Haushalten nach Auskunft des grössten deutschen Gasimporteurs E.ON Ruhrgas nicht, für Grosskunden könnten unter Umständen allerdings «auf Sicht begrenzte Einschränkungen nicht ausgeschlossen werden». Aktuell seien sie aber nicht betroffen. Der Bundesverband der deutschen Industrie sieht jedoch die Gefahr, dass die Ukraine mittelfristig die Durchleitungsgebühren durch das eigene Gebiet erhöhen könnte, was sich dann auch in den deutschen Gaspreisen niederschlagen könnte.

Gasprom-Sprecher Sergej Kuprijanow erklärte am Sonntagabend, ihm lägen Informationen vor, wonach die Ukraine «damit begonnen hat, russisches Gas abzuschöpfen, das für europäische Kunden bestimmt ist». Der ukrainische Ministerpräsident Juri Jechanurow dementierte dies. «Wir nutzen heute nicht einen einzigen Kubikmeter russischen Gases», sagte der Regierungschef. Der ukrainische Versorger Naftogas hatte zuvor erneut betont, die Versorgung für die kommenden Monate sei gesichert. «Für die Menschen und die Stadtverwaltungen wird es genug Gas geben», sagte Naftogas-Sprecher Eduard Sanjuk.

Gasprom hatte den Druck in den Leitungen Richtung Ukraine am Morgen nach einem wochenlangen Streit um eine Preiserhöhung reduziert. Nach Angaben des russischen Konzerns hatte Kiew zuvor einen letzten Kompromissvorschlag ausgeschlagen, was die ukrainische Seite allerdings dementierte. Naftogas erklärte auf seiner Webseite, die Ukraine habe bis zum späten Samstagabend alle Bedingungen des russischen Kompromissvorschlags akzeptiert. Demnach sollte das Land noch drei Monate lang billiges Erdgas beziehen und bis zum zweiten Quartal 2006 marktgerechte Preise aushandeln.

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko warf der russischen Regierung am Sonntag vor, mit der Einstellung der Gaslieferungen wolle sie «offenkundig wirtschaftlichen Druck auf die Ukraine» ausüben. Die von Gasprom angekündigte Preiserhöhung von derzeit 50 Dollar (42 Euro) auf 220 bis 230 Dollar (186 bis 194 Euro) sei inakzeptabel. Der neue Preis entspricht etwa dem Weltmarktniveau, allerdings hat Gasprom in der vergangenen Woche dem politisch treu zu Moskau stehenden Nachbarn Weissrussland weit günstigere Konditionen eingeräumt.

Der Druckabfall in den Gasleitungen machte sich am Sonntagabend bis Polen bemerkbar, wie der dortige Gasmonopolist PGNiG mitteilte. Das Wirtschaftsministerium in Warschau versicherte indes, die Verbraucher würden davon nichts merken.

Lieferungen aus Turkmenien fraglich

Die Ukraine hat auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen erklärt, sie werde künftig mehr Gas aus Turkmenien beziehen. Allerdings hat auch Russland eine Erhöhung seiner Gasimporte aus dieser ehemaligen Sowjetrepublik angekündigt. Kuprijanow erklärte am Sonntag, Gasprom erhalte jetzt täglich 141 Millionen Kubikmeter aus Turkmenien. Bei diesen Mengen seien weitere Lieferungen an die Ukraine technisch unmöglich. Pipelines von Turkmenien in die Ukraine führen durch russisches Gebiet. (dapd)

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