Aktualisiert 06.12.2011 10:20

AAA in Gefahr

S&P greift Frankreich und Deutschland an

Die Ratingagentur Standard & Poor's will die Bonität sämtlicher Euro-Zonen-Staaten überprüfen – auch diejenige von Deutschland und Frankreich. Merkel und Sarkozy sehen der Sache gelassen entgegen.

Standard & Poor's holt zum Rundumschlag aus: Die mächtige US-Ratingagentur droht Deutschland und praktisch allen anderen Euro-Ländern mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit. In einem beispiellosen Schritt versah S&P alle diese Staaten mit einem negativen Ausblick.

Deutschland, bisher mit der Top-Bonitätsnote AAA bewertet, könnte um eine Stufe abgewertet werden, teilte S&P am Montagabend mit. Wegen der sich verschärfenden Schuldenkrise stehe das bisherige Rating auf dem Prüfstand. S&P nimmt auch das AAA-Land Frankreich ins Visier, das wie weitere Staaten sogar um zwei Stufen gesenkt werden könnte.

«Besorgniserregende Entwicklung»

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy reagierten umgehend: In einer gemeinsamen Erklärung bekräftigten sie ihren festen Willen, die Euro-Zone mit allen notwendigen Massnahmen zu stabilisieren.

S&P begründete den Schritt mit einer besorgniserregenden Entwicklung in der von der Schuldenkrise gebeutelten Euro-Zone. In den vergangenen Wochen habe der Druck auf die Kreditwürdigkeit des gesamten Währungsraums zugenommen. Die Agentur bescheinigte der Politik anhaltende Unstimmigkeiten darüber, wie mit der Krise umgegangen werden soll.

S&P kündigte an, die Überprüfung nach dem EU-Gipfel am kommenden Freitag so schnell wie möglich abzuschliessen. Ein negativer Ausblick bedeutet, dass die Agentur ihre aktuelle Bewertung von Staatsanleihen überprüft und in weniger als drei Monaten über eine Herabstufung entscheidet.

15 Euro-Länder auf dem Prüfstand

Insgesamt 15 der 17 Euro-Staaten nahm die Agentur auf ihre Liste mit negativem Ausblick. Davon ausgenommen sind Zypern und Griechenland: Zypern steht bereits unter besonderer Beobachtung, und griechische Bonds werden von S&P längst mit CC bewertet – was auf eine hohe Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls in näherer Zukunft verweist.

Je höher die Bonitätsnote, desto günstiger kommen Schuldner an Geld. In der Schuldenkrise hatten die Einschätzungen der mächtigen Ratingagenturen immer wieder für Wirbel gesorgt. Nach Herabstufungen wurde es für finanziell angeschlagene Länder immer schwerer, sich am Kapitalmarkt Geld zu besorgen. Die Krise verschärfte sich dadurch.

S&P erklärte, die Noten für Deutschland, Österreich, Belgien, Finnland, Luxemburg und die Niederlande könnten um eine Stufe gesenkt werden. Für die anderen Länder könne es um bis zu zwei Stufen abwärtsgehen.

Weiterer Versuch der Stabilisierung

Die beiden anderen grossen Ratingagenturen, Moody's und Fitch, hatten unlängst erklärt, sie könnten ihre Bewertungen auf den Prüfstand stellen. Bisher halten sie aber an einem stabilen Ausblick für die Euro-Länder mit Bestnoten fest. Das sind neben Deutschland und Frankreich auch Österreich, Finnland, Luxemburg und die Niederlande.

Am Montag hatten mit Deutschland, Frankreich und Italien drei Schwergewichte der Euro-Zone einen weiteren Versuch unternommen, das Vertrauen der Märkte wieder zu stärken. Merkel und Sarkozy präsentierten erste Ideen, wie sie für eine verbindlichere Einhaltung der Schuldengrenzen sorgen wollen. Italiens neuer Ministerpräsident Mario Monti stellte ein Reformpaket über 30 Milliarden Euro vor. (sda)

Die Buchstabencodes der Ratingagenturen

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken oder Staaten und sind damit äusserst einflussreiche, aber auch umstrittene Akteure auf dem Finanzmarkt. Dabei fliessen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen.

Die weltweit bedeutendsten Ratingagenturen sind: Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Die Skala beginnt beispielsweise bei S&P und Fitch mit der Bestnote AAA, bei Moody's mit Aaa. Es folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden.

Ab BB beginnt der spekulative Bereich, der auch «Ramsch» genannt wird. Die Skala reicht bis D, das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners, also die Pleite, eingetreten ist.

Eine mögliche Änderung des Ratings kündigen die Agenturen in aller Regel über eine Veränderung des Ausblicks an. Dafür gibt es die Stufen «positiv», «stabil» und «negativ».

Je schlechter die Ratingagenturen die Bonität eines Schuldners beurteilen, desto teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern auch andere Investoren.

Agenturen in der Kritik

Die Agenturen sind allerdings umstritten. Sie wurden in der Finanzkrise an den Pranger gestellt. Weil sie Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben.

In der Euro-Schuldenkrise gerieten sie erneut in die Kritik: Politiker warfen ihnen vor, die Bonität hoch verschuldeter Euro- Länder trotz milliardenschwerer Hilfspakete auf Ramschstatus abgewertet und damit die Krise weiter verschärft zu haben.

(Quelle:SDA)

Juncker wehrt sich

Der Chef der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, hat die drohende Herabstufung der Bonität der Euro-Länder durch die Ratingagentur S&P scharf kritisiert.

Die Einschätzung der Agentur sei masslos überzogen und ungerecht, sagte Junker am Dienstag im Deutschlandfunk. Die Euro-Zone sei «dabei, die Dinge in Ordnung zu bringen.» Er empfehle, die Ratings nicht so ernst zu nehmen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte Deutschland und praktisch allen anderen Euro-Ländern mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit gedroht.

S&P versah alle diese Staaten mit einem negativen Ausblick, was binnen drei Monaten eine Herabstufung nach sich ziehen könnte. S&P begründete den Schritt mit einer besorgniserregenden Entwicklung in der von der Schuldenkrise gebeutelten Eurozone.

Merkel reagiert gelassen

Berlin Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat betont gelassen auf die Ankündigung der Ratingagentur Standard & Poor's reagiert, die Bonität von 15 Euro-Staaten herabzustufen.

«Was eine Ratingagentur macht, das ist in der Verantwortung der Ratingagentur», sagte sie in einer Medienkonferenz mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai am Dienstag in Berlin.

«Wir werden am Donnerstag und Freitag die Entscheidungen treffen, die wir für die Euro-Zone für wichtig und unabdingbar halten und damit einen Beitrag zur Stabilisierung der Euro-Zone leisten», sagte Merkel mit Blick auf den EU-Gipfel.

Sie habe immer gesagt, dass dies ein längerer Weg sein werde. «Dieser Weg ist jetzt vorgezeichnet, auch gestern durch das Treffen mit dem französischen Präsidenten. Und auf diesem Weg werden wir weiter voranschreiten», sagte Merkel.

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