Aktualisiert 26.10.2010 06:36

Kachelmann-Prozess

Sabine W. und «der Soziopath von nebenan»

Sabine W. hat im Kachelmann-Prozess für Furore gesorgt: Sie versteckte sich hinter einem Buch über Soziopathen. Ein deutliches Zeichen - wie sich im Verlauf der Befragung bestätigte.

von
amc

Pünktlich um 8.37 Uhr ist der BMW von Rechtsanwalt Thomas Franz am Montagmorgen vor das Landgericht Mannheim gebogen: auf dem Beifahrersitz Sabine W. Die 37-Jährige versteckt sich vor den Fotografen hinter einem Buch - «Der Soziopath von nebenan». Ein Buch über «Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks», wie der Untertitel verrät. Ein eindeutiges Zeichen der Hauptbelastungszeugin im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann.

Im Buch geht es um die Identifizierung von Soziopathen: «Wer ist der Teufel? Ihr Ex-Mann, der Sie belogen und betrogen hat? Ihr sadistischer Lehrer? [...] Bei dieser Lektüre werden Sie feststellen, dass Ihr Ex ein Soziopath ist», verspricht ein Werbetext im Internet. Geschrieben hat es eine Psychologin von der Harvard-Universität, die zeigt, «dass erschreckende vier Prozent – einer von 25 – eine oft unerkannte Persönlichkeitsstörung aufweisen, deren wichtigstes Symptom ein fehlendes Gewissen ist». «Soziopathen empfinden weder Scham, Schuld noch Reue.»

«Sabine W. sieht sehr angespannt aus»

Ist Sabine W. tatsächlich auf der Suche nach Antworten – oder ist es ein wirksames Zeichen für die Öffentlichkeit? Sicher ist: Sie hat sich am Montag zum dritten Mal im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann vor den Richtern erhoben und ihre Zeugenaussage fortgesetzt. Sie wurde vergangene Woche bereits rund zehn Stunden lang über ihre Person und den angeblichen Tathergang befragt. Nun geht es in die entscheidende Phase und es wird ein Frage-Marathon für Sabine W.: Sie wird von den drei Richtern, dem Staatsanwalt, drei Kachelmann-Verteidigern sowie neun Gutachtern ins Kreuzverhör genommen.

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Am Montagmorgen befragten zunächst aber weiterhin die drei Richter der Strafkammer die Frau. Während der Befragungen hielt sie an den Vorwürfen gegen Jörg Kachelmann fest, sagte Kachelmanns Verteidigerin Andrea Combé in einer Sitzungspause gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Gemäss der Anwältin «sieht sie sehr angespannt aus», so Combé über das mutmassliche Opfer. «Sie weiss aber, dass sie da durch muss.» Die Verteidigerin von Kachelmann zeigte sich zufrieden mit der - wie sie sagt - sehr ausführlichen und gewissenhaften Vernehmung durch das Gericht. «Das habe ich in der Intensität in 28 Jahren noch nicht erlebt.»

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Schlappe für Verteidigung

Ansonsten hat die Verteidigung von Kachelmann noch keine Pluspunkte sammeln können – im Gegenteil. Inzwischen liegen weitere Untersuchungsergebnisse zu digitalen Fotos vor, die auf dem Computer der Nebenklägerin gefunden wurden. Sie hatte fast ein Jahr vor der von ihr angegebenen Tat Fotos von blauen Flecken auf ihren Oberschenkeln gemacht.

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Der von der Verteidigung beauftragte Gutachter Bernd Brinkmann - den das Gericht wegen der Besorgnis der Befangenheit ablehnte - hatte die Bilder als Dokumente einer «Selbststudie» gedeutet. Die Frau habe den «zeitlichen Verlauf» eines Hämatoms untersuchen wollen. Dabei war Brinkmann jedoch davon ausgegangen, dass die Fotos im Abstand von einer halben Stunde gefertigt wurden. Diese Annahme war nach den neuen Untersuchungsergebnissen wohl falsch: Wie der Vorsitzende Richter am Montag zu Beginn der Verhandlung mitteilte, liegen zwischen den Aufnahmen nur 33 Sekunden. Zeitstudien über die Entwicklung von Hämatomen scheiden damit aus, der Zweck der Aufnahmen bleibt allerdings weiter unklar.

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Befragung dauert wohl die ganze Woche an

In den weiteren Vernehmungen wird es nicht nur um Widersprüche und Details aus der Tatnacht gehen, sondern auch um die Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers. Im Prozess steht es Aussage gegen Aussage. Im Gegensatz zu Jörg Kachelmann wurde die Radiomoderatorin schon mehrmals begutachtet und verweigert die Aussage nicht. Die gerichtsmedizinischen und aussagepsychologischen Gutachten werden von den beiden Parteien allerdings gegensätzlich ausgelegt, weshalb Sabine W.s Glaubwürdigkeit während des Prozesses nochmals im Fokus steht. Das Gesicht der 37-Jährigen wird während der Befragung gefilmt und auf eine 2-mal-2 Meter grosse Leinwand projiziert, damit die Gutachter ihre Mimik und jede ihrer Reaktionen sehen.

Die Befragung wird den gesamten Montag und voraussichtlich auch Mittwoch in Anspruch nehmen. Der Prozess begann am 6. September und sollte am 21. Dezember enden. Ein Urteil wird aber kaum noch in diesem Jahr erwartet, weil die Vernehmungen bereits jetzt hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurückliegen. (amc/sda/dapd)

Sabine W. beschriebt in drei Einvernahmen die mutmassliche Tatnacht, wie folgt: Um 23 Uhr kommt Kachelmann. Er klingelt, sie macht auf, sie küssen sich, aber Sex haben sie keinen. Er ist später dran als erwartet, deshalb essen sie erst mal. Danach konfrontiert sie ihn mit den Tickets: ‚Stimmt das?’, will sie wissen. ‚Hast du mit ihr geschlafen?’ Er leugnet alles: Spricht von gefälschten Tickets, will die Lufthansa anrufen und möchte Zeit – 24 Stunden. Sie aber bleibt hart. Schliesslich gesteht er: Manchmal lege sich bei ihm ein Schalter um, dann nimmt er sich Frauen – für ein paar Wochen, ein paar Monate. Nur bei ihr sei es anders, sie habe er nicht benutzt. Sie will wissen, wie viele es waren. Kachelmann schweigt. Sie sagt, er solle gehen. Er aber bleibt sitzen, starrt sie an, sein Blick verändert sich, in den nur noch Hass, wie Simone W. sagt. Dann kommt es zur Vergewaltigung: Er geht in die Küche, nimmt sich ein Messer, packt sie an denen Haaren, legt ihr das Messer an den Hals und zerrt sie ins Schlafzimmer. Er kniet auf ihre Oberschenkel und dringt in sie ein. Als es vorbei ist, geht er ins Bad und verschwindet anschliessend. Er werde sie töten, lässt er sie wissen, falls sie einer Menschenseele davon erzählt. Gemäss «Focus» hat Sabine W. ausgesagt, sie habe ihre Tage gehabt. Jörg Kachelmann habe ihr den Tampon entfernt und sie dann vergewaltigt. Der Wettermoderator bestreitet diese Version: In seiner einzigen Aussage zur Tatnacht gab Kachelmann an, dass es zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr kam und zu einer «normalen und emotionsarmen» Trennung.

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