Saddams brutalster Schlächter
Aktualisiert

Saddams brutalster Schlächter

Saddams Mann fürs Grobe «verdiente» sich seinen Beinamen «Chemie-Ali» mit Giftgasangriffen auf die eigene Zivilbevölkerung. Dafür soll der meistgehasste Mann im Irak nun hängen.

von
Daniel Huber

Ali Hassan al-Madschid at-Tikriti, wie «Chemie-Ali» mit bürgerlichem Namen heisst, ist ein Vetter des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein. Diesen Familienbanden verdankte er seinen Aufstieg in die erste Riege der irakischen Herrschaftsclique.

Saddams Sturz nach der amerikanischen Invasion 2003 brachte auch «Chemie-Ali» zu Fall, und nachdem nun der irakische Staatspräsident sein Todesurteil unterschrieben hat, droht ihm das gleiche Schicksal wie dem irakischen Diktator, der Ende Dezember 2006 am Strang starb.

Bescheidene Anfänge

Der 1941 in Tikrit geborene al-Madschid gehörte wie sein Cousin Saddam Hussein zur sunnitischen Sippe al-Bedschad, die als Teil des al-Bu-Nasir-Stammes die Gegend um Tikrit dominierte. Vor der Revolution von 1968, als die Ba'ath-Partei die Macht übernahm, diente er als Motorradkurier in der irakischen Armee.

«Chemie-Alis» Karriere kam aber erst richtig auf Touren, als Saddam 1979 endgültig die Macht im Zweistromland übernahm. Al-Madschid stieg zu Saddams Sicherheitschef auf, und im März 1987 wurde er Sekretär des Büros für nordirakische Angelegenheiten. Als solchem unterstanden ihm alle staatlichen Behörden in der unruhigen kurdischen Region, darunter das erste und fünfte Armeekorps, das oberste Sicherheitsdirektorat und der militärische Geheimdienst.

«Schlächter von Kurdistan»

Im Nordirak organisierte und leitete «Chemie-Ali» die Strafaktion («al Anfal», siehe InfoBox rechts) gegen die unbotmässige kurdische Bevölkerung, die sich im irakisch-iranischen Krieg mit dem Iran verbündet hatte.

Die Rache des Regimes war furchtbar: «Innerhalb ihrer Zuständigkeit haben die Streitkräfte jedes menschliche Wesen oder Tier zu töten, das sich in dieser Gegend aufhält.» So lautet ein von al-Madschid unterzeichneter Befehl vom Juni 1987.

Grausiger Höhepunkt der Strafexpedition war der Giftgasangriff auf das kurdische Dorf Halabdscha, bei dem am 16. und 17. März 1988 gegen 5000 Menschen umkamen.

«Ich werde sie alle mit Chemiewaffen umbringen!»

Ein Audiotape aus dem Jahr 1988, das von Human Rights Watch veröffentlicht wurde, dokumentiert «Chemie-Alis» Ausbrüche während eines Treffens hoher irakischer Beamter: «Ich werde sie alle mit Chemiewaffen umbringen! Wer wird etwas dagegen sagen? Die internationale Gemeinschaft? Scheiss drauf! Auf die internationale Gemeinschaft und jene, die auf sie hören!»

Gouverneur von Kuwait

Im April 1989 war al-Madschids Auftrag in Kurdistan erfüllt. Neue Aufgaben warteten im Süden auf den Schlächter:

Im August 1990 hatte Saddam Hussein Kuwait überfallen und annektiert. «Chemie-Ali» amtete bis November 1990 als Gouverneur der «19. Provinz des Iraks».

Die ihm eigene Tatkraft entfaltete er — inzwischen zum Verteidigungs- und Innenminister promoviert — jedoch erst nach der irakischen Niederlage im Golfkrieg gegen die alliierten Truppen: Er kommandierte die Niederschlagung des schiitischen Aufstands im Südirak. Und «Chemie-Ali» räumte gründlich auf — die so genannten «Marsch-Araber», von denen vor dem Krieg rund 500 000 in der Gegend gelebt hatten, wurden vertrieben, deportiert oder ermordet. Zuletzt blieben 20 000 übrig.

Familienstreitigkeiten

1995 geriet al-Madschids Position im Machtgeflecht der Ba'ath-Partei in Gefahr. Zum einen war er mit Saddams hitzköpfigen Sohn Udai aneinander geraten, was ihn seine Ministerämter kostete.

Zum anderen drohte Ungemach wegen zwei seiner Neffen. Hussein und Saddam Kamil al-Madschid, zugleich Saddams Schwiegersöhne, waren mit ihren Familien im August 1995 nach Jordanien geflohen. «Chemie-Ali» musste diese peinliche Affäre ausbügeln, und er tat es in gewohnt brutaler Weise. Die Neffen wurden mit dem Versprechen der Straffreiheit zurückgelockt, doch in Bagdad wartete al-Madschid mit einem Exekutionskommando auf die reuigen Heimkehrer. Auch deren Vater - «Chemie-Alis» eigner Bruder — wurde wegen Verrats hingerichtet.

Der Tod, der keiner war

Zu Beginn des Jahres 2003, kurz vor dem Einmarsch der alliierten Truppen, wurde al-Madschid zum Oberbefehlshaber über die Truppen im Südirak ernannt. Schon zuvor war er zum Feldmarschall — dem einzigen neben Saddam selbst — befördert worden.

Nach dem Beginn der alliierten Invasion meldeten britische Stellen im April 2003, al-Madschid sei bei einem Luftangriff auf sein Haus in Basra umgekommen. Doch spätestens im August, als amerikanische Truppen die Nummer 5 auf der US-Fahndungsliste verhafteten, wurde klar, dass es sich dabei um eine Falschmeldung gehandelt hatte.

Todesurteil

Am 24. Juni 2007 verurteilte ein irakisches Sondergericht den einst zweitmächtigsten Mann des Regimes zum Tode durch den Strang. «Chemie-Ali» wurde der Genozid in Kurdistan während der al-Anfal-Kampagne zur Last gelegt.

Das Todesurteil wurde am 4. September 2007 vom Obersten Gerichtshof des Irak bestätigt; Ende Februar 2008 wurde es vom irakischen Staatspräsidenten Dschalal Talabani und seinen beiden Stellvertretern unterzeichnet.

Damit müsste die Hinrichtung innerhalb von dreissig Tagen erfolgen.

(Quellen: Wikipedia.org/trial-ch.org)

«al-Anfal» («Beute»)

Die Strafexpedition der irakischen Armee gegen die kurdische Zivilbevölkerung gegen Ende des iranisch-irakischen Kriegs (1980-1988) wurde nach der 8. Koransure benannt, die die Plünderung des Eigentums von Ungläubigen rechtfertigt.

Die irakischen Truppen bombardierten die kurdischen Dörfer mit Giftgas, nahmen Massenerschiessungen vor und verschleppten Tausende. Der Kampagne, die von 1988 bis 1989 dauerte, fielen nach unterschiedlichen Schätzungen 50 000 bis 180 000 Menschen zum Opfer.

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