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Attacke auf Manager«Säure wird als Waffe der ersten Wahl eingesetzt»

In Deutschland wurde ein 51-jähriger Manager mit Schwefelsäure angegriffen. Solche Attacken häufen sich. In Grossbritannien zeigt sich, warum das so ist.

von
gux
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Weltweit gibt es keine genaue Zahlen über die Verbreitung von Säureangriffen, was auch mit der hohen Dunkelziffer zu tun hat. Die meisten Opfer sind weiblich, Täter eher männlich (im Bild: eine Iranerin besucht in Teheran eine Ausstellung zum Thema).

Weltweit gibt es keine genaue Zahlen über die Verbreitung von Säureangriffen, was auch mit der hohen Dunkelziffer zu tun hat. Die meisten Opfer sind weiblich, Täter eher männlich (im Bild: eine Iranerin besucht in Teheran eine Ausstellung zum Thema).

AFP/Atta Kenare
Am Sonntagmorgen wurde der Manager Bernhard Günther in Haan bei Düsseldorf mit Schwefelsäure angegriffen. Der 51-Jährige wurde schwer verletzt.

Am Sonntagmorgen wurde der Manager Bernhard Günther in Haan bei Düsseldorf mit Schwefelsäure angegriffen. Der 51-Jährige wurde schwer verletzt.

AP/Martin Meissner
Mittlerweile fand die Polizei am Tatort einen Handschuh und ein Gefäss, in dem sich Schwefelsäure befunden hat.

Mittlerweile fand die Polizei am Tatort einen Handschuh und ein Gefäss, in dem sich Schwefelsäure befunden hat.

AP/Bernd Thissen

Schock im Rheinland: Nach dem Säure-Angriff auf den 51-jährigen Manager Bernhard Günther in Haan bei Düsseldorf sind die unbekannten Täter noch immer flüchtig. Wie ein Polizeisprecher gegenüber 20 Minuten erklärte, übergossen die beiden gesuchten Männer den Finanzvorstand des Energieversorgungsunternehmens Innogy mit Säure, «vermutlich mit Schwefelsäure».

Der 51-Jährige war gemäss Bild.de am Sonntagmorgen unterwegs gewesen, um Brötchen zu holen. In einem Park übergossen ihn die beiden Täter mit der Flüssigkeit und flohen. Der Mann konnte noch aus eigener Kraft nach Hause gehen, obwohl er schwer verletzt war. Derzeit befindet sich Günther in einer Spezialklinik.

Sechs Frauen in drei Monaten mit Säure angegriffen

Eine Mordkommission ermittelt wegen versuchter Tötung. Das Motiv der beiden Männer, die zum Zeitpunkt des Angriffes unmaskiert waren, ist noch nicht bekannt. «Wir ermitteln in alle Richtungen», heisst es bei der Polizei. Offenbar mit Erfolg: Gemäss Spiegel.de fanden die Beamten am Tatort einen Handschuh und hoffen nun auf einen DNA-Treffer.

Nach Einschätzung der Frauenrechtsorganisation «Terre des Femmes» ist ein solches Säure-Attentat in Deutschland «eine Seltenheit». Derlei Attentate kämen eher in Bangladesh und Indien vor und würden vor allem von zurückgewiesenen Männern begangen, hiess es noch vor einem Jahr.

Allerdings häufen sich solche perfiden Anschläge auch in Deutschland. Allein in Berlin wurden letztes Jahr in nur drei Monaten sechs Frauen von einem Velofahrer mit Batteriesäure besprüht. Von einem Serientäter mit einem Hass auf Frauen war die Rede.

Alarmierende Zahlen in Grossbritannien

Zahlen zu Säure-Angriffen sind deutschlandweit nicht erfasst, zumal ein «Anschlag mit Säure kein Erfassungskriterium» sei, wie es auf Anfrage beim Bundeskriminalamt hiess. Opfer solcher Attacken werden als «Verbrennungsopfer» geführt. Pro Jahr erleiden in Deutschland nach Angaben des Selbsthilfeverbandes Cicatrix rund 700'000 Menschen eine Verbrennung.

Alarmierend sind die Zahlen in Grossbritannien. 2016 wurden 454 Menschen mit Säure attackiert und verletzt – und das allein in London. Die Tendenz ist in den letzten Jahren auch landesweit deutlich gestiegen.

«Gesichtsschmelzer» im Gang-Jargon

Anders als in den Ländern Südostasiens sind in Grossbritannien vor allem Männer Opfer solcher Übergriffe. Der Grund: Mitglieder von Gangs seien von Messern und von den schwerer zu besorgenden Pistolen auf ätzende Flüssigkeiten umgestiegen, so ein Polizeibeamter aus dem Bezirk Hackney gegenüber «CNN». Kommt dazu: Eine Messerattacke wird als versuchter Mord gewertet. Ein Angriff mit Säure fällt bislang noch unter Körperverletzung. «Säure wird als Waffe erster Wahl eingesetzt, das ist völlig neu», sagt auch Simon Harding, Kriminologe an der Middlesex University in London.

Britische Jugendbanden bezeichnen die ätzenden Chemikalien lapidar als «Gesichtsschmelzer», mit denen sie Menschen überfallen oder Fahrzeughalter zur Herausgabe ihrer Autos zwingen können. Dafür mixen sie ein Gemisch aus Putzmitteln, Ofenreinigern und Beizmitteln zusammen, alles Produkte, die einfach in Apotheken oder Baumärkten erhältlich sind. So drängend ist das Problem rund um die Säure-Attacken schon, dass das britische Innenministerium den Verkauf ätzender Substanzen an unter 18-Jährige verbieten lassen will.

Die Londoner Polizei muss derweil schnelle Hilfe leisten können, denn meist dauert es nur Sekunden, bis sich die Säure durch Haut und Fleisch frisst. Seit letztem Jahr sind über 1000 Londoner Bobbys mit speziellen Erste-Hilfe-Kästen, inklusive Schutzkleidung und fünf Litern Wasser, ausgestattet.

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