«Es war völlig verrückt»: Saif gab sich als Kamelhüter aus
Aktualisiert

«Es war völlig verrückt»Saif gab sich als Kamelhüter aus

Neue Details zur Verhaftung des Gaddafi-Sohns Saif al-Islam zeichnen ein freundliches Bild der Festnahme. Bilder scheinen dies zu bestätigen.

von
Manuel Jakob

Der nach wochenlanger Flucht festgenommene Gaddafi-Sohn Saif al-Islam wird von Libyen nicht ausgeliefert werden, sondern muss sich in Libyen vor Gericht verantworten. Das sei eine Forderung des Volkes, sagte am Sonntag der Übergangsrat.

Inzwischen sind neue Bilder der Verhaftung von Saif al-Islam aufgetaucht (siehe Bildstrecke oben). Sie zeigen, was die Online-Ausgabe von «Focus» als «höfliche Festnahme des Gaddafi junior» umschreibt.

Saif sei völlig verängstigt gewesen, erzählt einer der Männer, die ihn im Dunkel der Sahara-Nacht aufgespürt haben. «Er dachte, wir würden ihn töten.» Wochenlang seien sie auf der Pirsch gewesen und hätten versucht, ihn aufzuspüren.

«Es war völlig verrückt»

Dann endlich der entscheidende Hinweis: Ein Konvoi mit Gaddafi-Getreuen sei auf dem Weg nach Obari, einer kleinen Stadt nahe der libyschen Grenzen zum Niger und zu Algerien. Wer genau sich in den Wagen aufhalten soll, war allerdings nicht klar. Ein Kommandant der Abu Bakar al-Sadiq-Brigade aus Sintan, Ahmed Amur, schilderte gegenüber dem britischen «Guardian», was dann passierte. «Als wir ihn fassten, sagte er ‹Mein Name ist Abdul Salem, ich bin Kamelhüter›», so Amur. «Es war völlig verrückt.»

Saifs Gesicht sei mit Dreck verschmiert gewesen, aber Amur habe sofort erkannt, wen er vor sich habe. Sobald Saif enttarnt war, habe er gesagt: «Erschiesst mich, oder nehmt mich mit nach Sintan.» Amur habe daraufhin erwidert: «Wir erschiessen einen Gefangenen nicht, wir sind Moslems.»

Die Wandlung Saifs

Mit dem Beginn der Aufstände in Libyen im Februar erwies sich Saif al-Islam, der lange Zeit als Reformer und Kronprinz seines Vaters an der Spitze Libyens galt, schnell als erbarmungsloser Hardliner. Im libyschen Staatsfernsehen drohte er mit einem Bürgerkrieg mit tausenden Toten.

Dabei galt Saif al-Islam, dessen Name Schwert des Islam bedeutet, lange als so etwas wie das gute Gesicht des als Schurkenstaat verschrieenen Libyens.

In der Öffentlichkeit trat der kahlköpfige junge Mann gewandt mit Anzug und Krawatte, Englisch- und Deutschkenntnissen, ein wenig Französisch sowie mit seiner ruhigen und besonnenen Ausdrucksweise auf. Zudem genoss er jahrelang den Ruf eines Reformers, der seinen Vater von dessen atomaren Ambitionen abbringen konnte.

2007 stiess er ein Projekt für eine Verfassungsreform zur Modernisierung Libyens an, machte aber keinen Hehl daraus, dass die Macht seines Vaters dabei nicht angetastet werden sollte. Er gründete einen privaten Fernsehsender und die ersten beiden privaten Zeitungen des Landes. Nur ein Jahr später verkündete er dann seinen Rückzug aus der Politik.

Umtriebige Stiftung von Saif

Still wurde es trotzdem nie um ihn. Im Oktober 2009 berichteten libysche Medien, er solle zur Nummer zwei des Staates aufgebaut werden. 1997 gründete er die Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Als deren Präsident trat er im Ausland als humanitärer Botschafter seines Landes auf und spielte bei internationalen Verhandlungen eine Schlüsselrolle.

2004 willigte seine Stiftung in die Zahlung von 35 Millionen Dollar Entschädigung für den Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle ein, bei dem 1986 drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden waren.

Er handelte auch die Entschädigungen für die Angehörigen der Lockerbie-Opfer aus - libysche Geheimagenten standen hinter dem Anschlag auf ein Flugzeug, bei dem 1988 über Schottland 270 Menschen ums Leben kamen.

Am Ende war er aber doch der Sohn seines Vaters

In einer im Fernsehen übertragenen Rede fünf Tage nach Beginn des Aufstands in Bengasi warnte Seif al-Islam vor «Flüssen aus Blut», sollten die Demonstranten die von der Regierung vorgeschlagenen Reformen nicht akzeptieren. «Wir werden kämpfen bis zum letzten Mann, bis zur letzten Kugel», sagte er. «Wir werden Libyen nicht verlieren.»

Mit dieser 40 Minuten langen Rede wurde Seif von einer Hoffnungsfigur zu einem flüchtigen Verbrecher, der vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wurde.

Geboren wurde Saif al-Islam 1972 in Tripolis. Dort machte er 1995 seinen Hochschulabschluss als Architekt, später ging er zum Studium nach Wien, wo er sich mit dem inzwischen verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider anfreundete. An der London School of Economics machte er seinen Doktor.

(Mit Material der Agenturen sda und dapd)

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