Militär-Aufgebot – «Irrsinn» – Armee holt Sanitäter für Corona-Hilfsdienst aus Medizin-Job
Publiziert

Militär-Aufgebot «Irrsinn» – Armee holt Sanitäter für Corona-Hilfsdienst aus Medizin-Job

Die Armee bietet zur Unterstützung der Kantone weitere Soldaten auf. Der Chef eines Rettungsdienstes kritisiert, dass diese im Zivilen mehr für die Covid-Bekämpfung tun könnten. Die Armee rechtfertigt sich.

von
Daniel Graf
Joel Probst
1 / 8
Der Chef eines privaten Rettungsdienstes kritisiert, dass die Armee zwei seiner Mitarbeiter einzieht. (Symbolbild) 

Der Chef eines privaten Rettungsdienstes kritisiert, dass die Armee zwei seiner Mitarbeiter einzieht. (Symbolbild)

20min/Marco Zangger
Die Sanitäter erledigten im zivilen Gesundheitswesen wichtige Arbeiten. 

Die Sanitäter erledigten im zivilen Gesundheitswesen wichtige Arbeiten.

20min/Marco Zangger
Im Impfzentrum müssten sie nun banale Arbeiten erledigen. 

Im Impfzentrum müssten sie nun banale Arbeiten erledigen.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Zur Unterstützung der Kantone im Kampf gegen Corona wird ein weiteres Spitalbataillon mobilisiert.

  • Der Chef eines privaten Rettungsdienstes kritisiert, dass dadurch Sanitäter, die im zivilen Gesundheitswesen einen wichtigen Beitrag leisteten, aus ihrem Job gerissen würden.

  • «Stattdessen müssen sie jetzt in der Armee banale Aufgaben erledigen, die auch jemand ohne medizinische Ausbildung übernehmen könnte», sagt er.

  • Die Armee rechtfertigt sich: Ohne einen gewissen Anteil an medizinischem Fachpersonal könnten die Einsätze nicht durchgeführt werden.

Statt auf Sauerstoff angewiesene Corona-Patienten zwischen Spitälern und Kliniken zu verlegen, müssen zwei Rettungssanitäter in diesen Tagen in den Militärdienst einrücken. Zusammen mit rund 120 anderen Armeeangehörigen hat die Armee sie für den «Assistenzdienst Corona» aufgeboten.

Für ihren Chef, der anonym bleiben will, ist das schlicht «Irrsinn»: «Das Spitalbataillon, das die Armee nun mobilisiert, besteht zum Grossteil aus Gesundheitspersonal», sagt er. Die Konsequenz der Mobilisierung: «Die Armee reisst medizinische Fachkräfte aus ihrem zivilen Job. Dabei bräuchte man das Gesundheitspersonal aktuell dringend im zivilen Einsatz.»

«Lieber Leute ohne systemrelevanten Job einziehen»

Seine zwei Angestellten müssen voraussichtlich nach Stans einrücken, unter anderem, um Arbeiten im Impfzentrum zu erledigen. Doch die Sanitäter dürfen mit ihrer Ausbildung gar nicht impfen: «Stattdessen müssen sie wohl banale Aufgaben übernehmen, für die es keine medizinische Ausbildung braucht. Die Armee sollte dazu lieber Soldaten einziehen, die keinen systemrelevanten Job haben.»

Gerade jetzt sei sein Unternehmen auf jede Arbeitskraft angewiesen: «Wir verlegen jedes Jahr rund 6500 Patienten zwischen Spitälern und Kliniken. Mit den hohen Fallzahlen sind wir momentan extrem ausgelastet.» Da schmerze jeder Ausfall.

Dispensationsgesuche abgelehnt

Die Armee hat dafür offenbar kein Verständnis: «Beide Sanitäter haben ein Gesuch um Dispensation gestellt. Beide wurden ohne Begründung abgelehnt», so der Chef des Rettungsdienstes. Auf mehrfaches Nachhaken stellte ihm die Armee schliesslich kommentarlos eine Liste mit dem Titel «Übersicht Dispensation Medizinisches Fachpersonal» zu.

Darin halten die Beamten fest, welche Berufe vom Assistenzdienst dispensiert werden und welche nicht. Nur zwei Berufsgattungen von 41 gelisteten sind in der Kategorie «rot» und damit vollständig vom Corona-Einsatz befreit: «Intensiv- und Anästhesieärzte» sowie «Notärzte und Ärzte der Notfallstationen». Die restlichen 39 medizinischen Berufe sind alle grundsätzlich dienstpflichtig (siehe unten).

Diese Berufe müssen einrücken

Der Grossteil der medizinischen Berufe, etwa «Spitalärzte» und «Hausärzte» genauso wie «Rettungssanitäter/in», «Fachfrau/-mann Anästhesie-, Intensiv-, Notfallpflege (HF)» und sämtliche Pflegeberufe, finden sich auf der Liste der Armee in der Kategorie «blau». Armeeangehörige in diesen Berufen müssen grundsätzlich Assistenzdienst leisten. Die Liste hält allerdings fest, dass die Abteilung Personelles der Armee eine «grosszügige Dispensation vor oder nach Einrücken» vornehmen soll.

Für den Chef des Rettungsdienstes ist diese Klassifizierung der Berufe absurd: «Es ist doch offensichtlich, dass unser Gesundheitswesen aktuell besonders darauf angewiesen ist, dass das medizinische Personal seinen Job machen kann.» Die Beurteilung der Gesuche scheint ihm willkürlich: «Wenn tatsächlich grosszügig dispensiert würde, hätten meine zwei Angestellten vom Dienst befreit werden müssen.»

Armeesprecher Daniel Reist verteidigt das Vorgehen: «Bei der Liste schauen wir darauf, wer am Arbeitsplatz unabdingbar ist. Um die Einsätze leisten zu können, brauchen wir aber auch Personal im ärztlichen Bereich sowie bei der Pflege. Hier werden vorwiegend Sanitätssoldaten eingesetzt, die nicht aus dem Gesundheitswesen stammen.»

«Brauchen Minimalbesetzung an Fachpersonal»

Die Armee habe insgesamt 7639 Angehörige angeschrieben, bis Ende Jahr seien 1110 Dispensationsgesuche eingereicht worden. «Davon wurden 548 bewilligt und 489 abgelehnt; 73 Gesuche sind noch in Bearbeitung», sagt Reist. Den beiden Rettungssanitätern stehe es frei, ein Wiedererwägungsgesuch zu stellen.

«90 Prozent der Angehörigen der Armee in Sanitätsformationen arbeiten nicht als Gesundheitsfachpersonen im zivilen Gesundheitswesen», sagt Reist. «Es braucht aber eine minimale Besetzung an medizinischem Fachpersonal.»

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

78 Kommentare